Überwachung"Die USA haben ohne Not auf die dunkle Seite gewechselt"
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"Wir haben ohne Grund unsere Freiheit geopfert"

Radack ist stolz auf das, was sie tat. John Walker Lindh ist zwar noch immer im Gefängnis, aber er wurde nicht zum Tode verurteilt, die Anklage gegen ihn brach zusammen, nachdem Radack die Hintergründe publik gemacht hatte. Heute engagiert sich die 42-Jährige für besseren Schutz von Whistleblowern . Ihr beklemmender und kämpferischer Vortrag beeindruckt die 29C3-Besucher sichtlich.

Thomas Drake saß in Spionageflugzeugen des amerikanischen Geheimdienstes NSA, die aus der Luft die DDR überwachten, später leitete der Cryptolinguist eine Auswertungsabteilung der NSA. Er war Spion und glaubte an sein Land und die Sache. Auch er konnte irgendwann nicht mehr schweigen.

Drake berichtet, dass die NSA nach dem 11. September 2001 begann, ihre Augen und Ohren auf die eigenen Bürger zu richten. Unterstützt vom Weißen Haus habe der Geheimdienst die Verfassung gebrochen und begonnen, alles und jeden zu überwachen. Drake gehörte zu jenen, die eines dieser geheimen Spionageprogramme publik machten, das sogenannte Projekt Trailblazer . Fortan war auch er ein Krimineller, der sich einer zehn Punkte langen Anklage gegenüber sah .

Geheimes Programm publik gemacht

Seine Erfahrungen haben ihn zu einem Kritiker des war on terror gemacht. Er, der NSA-Spion, fürchtet sich inzwischen vor Politikern, die fordern, dass der Staat alles wissen müsse. "Der Krieg gegen den Terror sollte kein Krieg gegen ethische Grundsätze und Menschenrechte sein", sagte er. Und dass die USA nach dem 11. September ohne Grund Bürgerrechte und Freiheit geopfert hätten. "There was no, I repeat, no need to go to the dark side." (Es gab keinen, ich wiederhole: keinen Grund, zur dunklen Seite zu wechseln.)

Auch William Binney, früher Technischer Direktor bei der NSA, hat ein geheimes Überwachungsprogramm publik gemacht, dessen Ziel es war, die Kommunikation aller Bürger der USA zu beobachten . Ursprünglich gegen Al Kaida gerichtet, sollte es nach 2001 auch gegen US-Bürger eingesetzt werden – ohne irgendeine politische und gerichtliche Kontrolle.

Er redet darüber, dass es bei dieser Verwandlung zur dunklen Seite vor allem um Geld geht. Dass die Überwachungsprogramme und Sonderfonds wie ein Füllhorn für die NSA seien, das unzählige neue Millionäre geschaffen habe.

"Ich möchte nicht in einem Land wie der DDR leben"

Binney berichtete der Öffentlichkeit auch über das neue, zwei Milliarden Dollar teure neue Datenauswertungszentrum der NSA in Utah . Das soll die Kommunikation jedes US-Bürgers für mindestens 100 Jahre speichern , wie er sagt.

Denn die US-Regierung hat ihre Versuche nicht aufgegeben, bisherige Grundsätze des Rechtsstaates zu umgehen und auszuhebeln. Gerade erst hat der US-Senat ein Überwachungsgesetz verlängert. Der Fisa Amendment Act erlaubt es Geheimdiensten, auch US-Bürger ohne Gerichtsbeschluss abzuhören, wenn die Überwacher Hinweise haben, dass sich mindestens einer der an der Kommunikation Beteiligten dabei im Ausland befand.

Nach den zwei Stunden mit Berichten über Überwachung, Misstrauen und Gewalt ist es vor allem ein Satz von Thomas Drake, der hängenbleibt. Von dem Mann, dessen Aufgabe es einst war, die Staatssicherheit der DDR zu beobachten. Er sagte: "Ich möchte nicht in einem Land wie der DDR leben."

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Leserkommentare
  1. ...und nicht mal die Spitze des Eisberges. "Land of the brave, home of the free" Das war einmal. Wenn die Gründerväter wüssten, was aus ihrem Land geworden ist, sie würden auferstehen und dieses Pack genauso bekämpfen wie damals die Engländer...

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    <<< ...und nicht mal die Spitze des Eisberges. "Land of the brave, home of the free" Das war einmal. Wenn die Gründerväter wüssten, was aus ihrem Land geworden ist, sie würden auferstehen und dieses Pack genauso bekämpfen wie damals die Engländer... <<<

    Naja.
    Ist ja nicht so, dass es in der Geschichte der USA nicht häufiger einen sehr repressiven Umgang mit allen was anders oder "gefährlich" war, gegeben hätte.
    Siehe die Arbeiterkämpfe Ende des 19. Jahrhunderts, den Umgang mit der Friedensbewegung ab 1917, der Bürgerrechtsbewegungen der Afroamerikaner usw. usw..
    Wenn der laufende Geschäftsbetrieb gestört wird und Herrschaftsverhältnisse bedroht werden, zeigt der bürgerliche Staat seine Klauen.
    Je bedrohter sich dieses System fühlt, d.h. je moralisch abgefuckter es ist, desto stärker sieht es sich bedroht, weil Legitimation nur noch durch Gewalt aufrecht erhalten werden kann, desto größer die Klauen...
    Allerdings haben wir heute einen technologischen Stand erreicht, oder erreichen ihn in wenigen Jahren, der diese Klauen allumfassend machen kann.

    Und btw - selbst der Kampf gegen die Engländer, gründete vorrangig auf Profitinteressen und weniger dem Wunsch nach Freiheit und Autonomie für alle (>Boston Tea Party).

    Ihre Ausdrucksweise widert mich an.

    Dieser Artikel kommt mir etwas "kopp"sch vor und völlig überspitzt.

    In einer funktionierenden Demokratie ist Transparenz oberstes Gebot und wird das Leben deutlich sicherer machen.

    Ich übrigends habe nichts zu verbergen...

    ...die Krake Scientology Zugang zu den gesammelten Daten ueber die Buerger erhaelt, dann gute Nacht.

  2. Die Amerikaner merken aber auch erst, dass Ihre Sicherheitsbehörden Überwachsungssysteme auf der ganzen Welt errichten, wenn sie selbst davon betroffen sind.

    Wenn es ausschließlich auf das Ausland konzentriert wird, stört es sie eher weniger.

    27 Leserempfehlungen
    • gast83
    • 28. Dezember 2012 14:56 Uhr

    alles paranoide gutmenschen

    4 Leserempfehlungen
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    • Nero11
    • 28. Dezember 2012 15:11 Uhr

    dass es sie gibt

    ...ist offensichtlich

    • Ullrich
    • 29. Dezember 2012 2:38 Uhr

    Top-Ignoranten sind Teil des Problems. Jedes Verbrecher-Regime hatte seine willfährigen Mitläufer, Dummköpfe und Speichellecker, die es ihm besorgten.
    Zu allen Zeiten, an allen Orten, immer.

    • MarcoG.
    • 29. Dezember 2012 3:05 Uhr

    wie sind wir alle froh...

    Was ist eigentlich ein Gutmensch? Und sind Sie dann ein Schlechtmensch? Sind Sie stolz darauf ein Schlechtmensch zu sein? Ist ein Schlechtmensch also etwas besseres als ein Gutmensch?

    • DerDude
    • 18. September 2013 15:23 Uhr

    Wenn man jemandem wie John Walker Lindh Gestaendnisse abfoltert, um diese dann fuer ein Todesurteil zu verwenden, erinnert das dort stark an die spanische Inquisition.
    Und das, was Frau Radack anschliessend widerfahren ist, ist nicht weniger ungeheuerlich.
    Kann man einem System vertrauen, dass solch krasse Rechtsverstoesse begeht, und dann nicht faehig ist seine Fehler zu korrigieren?
    Wir sind nicht paranoid, Sie sind naiv.

  3. Der Vergleich mit der DDR ist (mittlerweile) ein Verharmlosung der USA.

    "Was haben Nelson Mandela, US-Senator Edward Kennedy und Bollywood-Star Sharukh Khan gemeinsam? Sie alle standen oder stehen auf der "No Fly List" der Flugsicherung der "US Homeland Security". Immer mehr Künstler und politische Aktivisten geraten ins Visier der sogenannten Transportation Security Administration, kurz TSA."
    http://www.3sat.de/page/?...

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    Da sie offenbar Null Ahnung von der Ex-DDR haben, vergessen sie lieber die Vergleiche.

  4. an Keith Alexander, Chef der US-amerikanischen National Security Agency.

    Mit dem iPhone ist es möglich, Bewegungsprofile seines Users zu erstellen.

    Google erfasst die Netzwerkadresse und damit die Lokalität der User.

    Facebook, das "Selbstdarstellungsbook", Physiognomie und Vorlieben, auch politische Einstellungen.

    So sind die Regierungen dem Volk immer einen Schritt voraus, können Trends vorhersagen und rechtzeitig Gegenmassnahmen treffen gegen unerwünschte Ereignisse.

    Auf diese Weise haben die westlichen Demokratieen ihre Bevölkerungen unter Kontrolle.

    George Orwell und Aldous Huxley wussten das lange vor "1984".
    http://www.youtube.com/wa...

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    • LennyP
    • 28. Dezember 2012 19:02 Uhr

    mal frage ich mich: gibt es denn nur noch Verschwörungstheoretiker?Nun gut, das was die Amis da treiben ist natürlich zuviel des Guten, keine Frage!
    Aber was denn bitteschön, hat den der gemeine Michel zu befürchten.Stellen wir uns vor, der BND hört - ohne richterlichen Beschluß - Hans Bär in Wolfenbüttel ab.
    Soweit, so gut. Was sollen Sie den nun mit Ihren "Erkentnissen" anfangen?Ein Flugverbot für Hans Bär?
    In "kooperation" mit Apple/Facebook und weiß der Teufel noch was alles hat man über die letzten Jahre ein genaues "Bewegungsprofil" vom Hans.Und was jetzt damit? Verkauft dann der "Agent" seine Daten und Erkenntnisse an seinen Schwager von der Bildzeitung und der Hans liest dann am nächsten Morgen das er letztes Jahr 2 Mal im Puff war?Wohl kaum..
    Also ich bin absolut kein Freund von totaler Überwachung und finde das die Amerikaner, trotz Ihres 11. September Traumas definitiev zu weit gehen.Vor allem die Datenspeicherung in utah ist ein absolutes No-Go!
    Falls das stimmt, weil so wie ich es hier gelesen habe, daß alle Telefongespräche für 100 jahre aufgezeichnet werden halte ich für eine Ente.
    Auch wenn ich mich an diesem Punkt wiederhole kann ich nur sagen, das man als "normaler" Bürger, der sich nichts kapitales zu Schulden kommen läßt wenig zu befürchten hat.
    Nicht in den USA, und hier noch viel weniger.

    Die Funktion der Komiker übernehmen paranoide Verschwörungsjünger - schöne, neue Welt!

    Niemanden interessieren einzelne Daten, die gesammelt werden. Wer wie oft wo war ist ja vollkommen egal. Das Problem ist die Flut der Daten und ihre Verarbeitung. Es ist ja nicht so, dass diese Daten von Menschen gesichtet würden. Dafür sind es natürlich zu viele. Der Mensch wird mit Hilfe von Algorithmen durchleuchtet. Jede Kleine Information trägt dazu bei und wird mit den anderen gesammelten Daten verknüpft. Dazu werden dann noch Statistiken genutzt und der Mensch wird mit Hilfe weniger Daten komplett Gläsern. Und nicht nur der Mensch, nein die gesamte Gesellschaft. Man kann dann gegen einzelne Personen vorgehen oder aber die gesamte Gesellschaft beeinflussen.
    Wie gesagt: Weder Facebook, noch der Staat, noch irgendwer interessiert sich dafür, ob Hans Bär im Puff war. Aber aus der Masse an Information, die Computer auch noch verknüpfen können, entsteht ungeheure Macht.

  5. Allerdings muß man die Frage stellen wer daran die Schuld trägt.
    In meinen Augen ist es der viel zu fett gewordene und faule Soverän, der sich nicht mehr aus dem Sessel bequemen mag um für seine Bürgerrechte zu kämpfen.

    Wir verzichten laufend freiwillig auf Privatsphäre. Entweder weil es spaß macht und unseren sozialen Kontakten geht (Facebook), oder weil wir Angst haben das Terroristen unsere Lebensweise zerstören könnten.

    Facebook und Co. nahmen dem Thema letzendlich die sensibilität. Und der Terror nahm uns unsere Lebensweise. Überwachung ist in, Bürgerrechte sind out!

    Hinzu kommt das wir vir lauter gewinnstreben in den meisten Ländern den gesellschaftlichen Zusammenhalt verlieren!
    Wer auf Profit aus ist, darauf zu gewinnen und sich durch zu setzen, interesiert sich zwangsläufig weniger für die Rechte und Nöte anderer.
    In einer Gesellschaft in der der individuelle Erfolg alles ist, darf man keine Solidarität erwarten.

    So interesieren Bürgerrecht nur noch eine kleiner werdende Minderheit. Sich für die Rechte anderer einzusetzen kostet Zeit und Kraft. Der wirtschaftliche Druck sorgt dafür, das diese Minderheut auch in Zukunft immer kleiner wird.

    Wir leben längst in Orwells Dystopie. Nur stören wir uns nicht daran.

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    • Evolux
    • 28. Dezember 2012 21:36 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jo

    • Hickey
    • 29. Dezember 2012 9:50 Uhr

    denn letzendlich gibt es für die Masse an berichten, deutlich zu wenig erfolgreiche Anschläge und zu wenige Tote.

    Gerade hier in Deutschland haben wir seit 2001 wieviele Terror Tore zu beklagen ?

    Da sind die Schulamokläufer weitaus gefährlicher und effizienter und das sind, ich will es damit nicht verharmlosen, jugendliche oder Kinder ohne militärische Ausbildung.

    Demnach sind also die Terroristen, die ja ausgebildet werden, ineffizienter als die Amokläufer und lassen sich auch noch erwischen.

    Und letztendlich ist die Chance beim Straßenverkehr draufzugehen, deutlich höher als die Chance durch Tod einer Bombe.

  6. Das wird ein gefundenes Fressen für die angehende Historiker des nächsten Jahrhunderts.

    Da wird man so nette Kommunikation finden wie:
    "Hi, John, heute abend Superbowl. Kommst du auf ein Bier rum. Hab hier noch ein Sixpack Bud stehen." - "Klar, ich bring noch was vom Truthahn mit."

    Ich kann nur hoffen, dass die Überwacher in der Datenflut ertrinken. Wäre nicht das erste mal. Aber da bin ich skeptisch, auch die lernen ja dazu.

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    Was die NSA wohl aus diesem Gespräch machen wird, sobald herauskommt, dass der Schwager von John einen Al-Quaida-Mitläufer kennt?

  7. 9 Leserempfehlungen
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  • Schlagworte USA | Überwachung | Justizministerium | US-Senat | DDR | Geheimdienst
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