Privatsphäre : Die dunkle Seite von Google Glass

Mit der Google-Brille wird es möglich sein, Menschen unbemerkt zu fotografieren und zu filmen. Mit seiner Weigerung, darüber zu reden, geht Google ein Risiko ein.
Google-Mitgründer Sergey Brin mit Glass © REUTERS/Robert Galbraith

Während sich Google derzeit alle Mühe gibt, Google Glass als cooles, spaßiges und sogar modisches  Accessoire zu positionieren, formiert sich unter Datenschutzbewussten ein gewisser Widerstand gegen die Datenbrille. Kritisiert wird vor allem die Möglichkeit, mit Glass andere Menschen zu fotografieren oder zu filmen, ohne dass diese es merken.

Ausgelöst hat die Debatte der Computerwissenschaftler, Berater und Blogger Mark Hurst. Vor zwei Wochen veröffentlichte er einen langen Blogbeitrag, in dem er sich beklagte, dass niemand die denkbare heimliche Überwachung beachte. Er geht davon aus, dass früher oder später alle Videos, die mit Glass aufgenommen wurden, auf den Servern des Unternehmens landen, wo Google sie für seine Zwecke mit anderen Daten verknüpfen und auswerten oder auch an staatliche Stellen aushändigen könnte. 

Einige Medien und Journalisten  haben seine Gedanken bereits aufgenommen, darunter der Guardian, Martin Weigert von netzwertig.com  und Lorenz Matzat in einem Beitrag für netzpolitik.org. Ein Kneipenbesitzer in Seattle hat sogar schon angekündigt, seinen Gästen das Tragen der Google-Brille zu untersagen, um die Privatsphäre der anderen Anwesenden zu schützen. Es war zwar ein PR-Gag, aber einer mit ernst gemeintem Hintergrund.

Fakt ist: Die Behauptung von Mark Hurst, dass bislang niemand über das Datenschutzproblem von Glass geredet habe, ist falsch. Noch bevor das Projekt offiziell verkündet wurde, schrieb die New York Times: "Intern hat das Google-Team aktiv über die Privatsphären-Thematik diskutiert. Das Unternehmen will sicherstellen, dass die Menschen wissen, ob sie gerade mit der Kamera der Brille aufgenommen werden."

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Fakt ist aber auch: Bislang hat Google den Diskussionen keine Taten folgen lassen. Joshua Topolsky vom Technik-Blog The Verge durfte Glass bereits ausprobieren. Er schreibt, nur wer direkt in die Linse sehe, könne am Licht im Prisma erkennen, dass die Kamera läuft. 

Rein rechtlich hat Google nichts zu befürchten. Das Menschenrecht auf Privatsphäre, hierzulande abgeleitet aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht samt dem spezielleren Recht am eigenen Bild gilt unabhängig von irgendeiner Technik. Das heimliche Aufnehmen von anderen Menschen in Bild und Ton ist demnach insbesondere dann untersagt, wenn die Aufnahmen veröffentlicht werden. Ausnahmen bestehen nur bei öffentlichen Versammlungen oder wenn Menschen im Hintergrund eines Bildes als Beiwerk auftauchen.  

Das weiß auch Google. Immerhin hat das Unternehmen bei seiner Videoplattform YouTube ein Werkzeug installiert, das in hochgeladenen Filmen automatisch Gesichter unkenntlich macht.

Auch die Geschichte spricht für Googles Ansatz, zunächst nicht über die denkbare Bedrohung der Privatsphäre zu sprechen. Als die ersten Handyfotos verkauft wurden, gab es die ganze Debatte schon einmal. Sie gipfelte in Gesetzesvorschlägen wie dem des US-Kongressabgeordneten Pete King. Der wollte im Jahr 2009 erreichen, dass Fotohandys immer ein vernehmbares Tonsignal von sich geben, wenn mit ihnen ein Bild gemacht wird. Der Vorschlag verschwand wie alle anderen schnell wieder in der Versenkung.

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Kommentare

75 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Verstehe ihr Beispiel nicht?

"Wenn z.B. ein weißer Jugendlicher aus einer Familie mit rassistischen Ansichten mit seiner dunkelhäutigen Freundin auf eine Party geht, ist ihm doch egal, ob 10, 100 oder 1000 Freunde das sehen, hauptsache, Mutti bekommt es nicht mit. Ohne Videoaufnahme wäre das problemlos abstreitbar, mit Videoaufnahme reicht ein Link und der junge Mann steckt in Schwierigkeiten."

Da erfordert es so oder so jemanden der die Info weiterleitet, ob mit oder ohne Videobeweis. Schlimmstenfalls wäre er damit gezwungen für seine Freundin einzustehen anstatt sie verstecken zu müssen, wozu er so oder so gezwungen wäre...

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"Aber da stellt sich eine Grundfrage, wenn ich alles sehen darf, warum darf ich dies nicht mit anderen teilen?"

Weil die Veröffentlichung das Recht am eigenen Bild verletzt. Jeder hat das Recht selbst zu entscheiden was mit Bildern von ihm in der Öffentlichkeit passiert.
Im Artickel sind zwei Ausnahmen genannt. Eine weitere Ausnahme sind Personen die im öffentlichen Interesse stehen (Prominente, Politiker usw.).

Es ist mir durchaus bewusst,

dass es ein Recht am eigenen Bild gibt - deswegen spreche ich von "Grundfrage" und "Mentalität" und nicht von Gesetz.
Letztendlich müssen sich Gesetze der Realität und va. der Mentalität anpassen, sonst hätten wir heute noch 3 Klassen-Wahlrecht. Das Recht am eigenen Bild könnte überholt sein, denn es entstammt einer Zeit als Bilder nicht Grundlos gemacht wurden, während heute dank dieser Brille oder Fotohandys; bzw. sowieso Digitaltechnik, bei der Bild oder kein Bild die selben Kosten verursachen der Großteil der Bilder im Prinzip sinnlos gemacht wird. Weiterhin ist die Menge an fabrizierten Aufnahmen heute so gewaltig, dass ein einzelnes auch wenn es theoretisch öffentlich ist unauffindbar wurde.

Vor 20 Jahren bedeutete Veröffentlichung von Aufnahmen TV oder Zeitung, heute heisst es Internet, und das ist eben anders Strukturiert, theoretisch kann es jeder sehen, praktisch sieht es fast niemand - genau wie auf offener Strasse.

Und deswegen denke ich die Notwendigkeit zum Recht am eigenen Bild könnte zur Grundfrage geworden sein...

Nein,

das heißt aber nicht, dass dieses Problem noch größer werden muss. Die jetzt schon bestehenden Möglichkeiten sind schon viel zu weit fortgeschritten. Zur Zeit kann aber noch davon ausgegangen werden, dass die Überwachungskamera am Gebäude die Aufzeichnungen weder versendet, noch speichert (siehe Bahnhof). Auch die kleinen Objektive in Kugelschreiberform machen mir an dieser Stelle wenig Sorgen, da deren Bild (meist) schlecht, die Speicherkapazität gering und Sendemöglichkeit nicht vorhanden ist. Bei Glass dürfte aber all dies anders sein und sie überschreitet m.E.n. damit eine neue Grenze.
Ich habe auch nix gegen Glass, nur sollte man eben auch über die Folgen nachdenken und entsprechend im Vorfeld schon Probleme versuchen zu vermeiden.

Ihre "Angst"

hängt also an Überwachung, Überwachungskameras am Bahnhof, etc

Was hat das mit dieser Brille zu tun?
Haben sie Angst, der Staat schickt "Stasi"-artig Leute aus, um sie mit diesen Brillen zu beobachten? Könnten diese das auch nicht ohne?
Oder denken sie die CIA hackt sich in ihr Googleglass und beobachtet sie durch die Augen von tausend Menschen? Auch in dem Fall liegt die bedenkliche illegale Handlung schonmal im Hacken selbst...

Das Recht am eigenen Bild bedarf mit internet meines Erachtens nach eine Überarbeitung - wer sie ausspionieren will, kann das so oder so - und in jedem Fall mit diesen Dingern genauso auffällig oder schlicht illegal.