Noch bevor die Cyborgs da sind, haben sie einen Feind. Er nennt sich Adam.

Adam forscht an einer Universität in London, sein Spezialgebiet sind Maschinen, die aus Daten lernen können. Nebenbei hat Adam die Kampagne Stop The Cyborgs gegründet, als Reaktion auf das Projekt Google Glass. Für Adam kommt, wer Googles Brille trägt, einem Cyborg ziemlich nahe, einem Mischwesen aus Mensch und Maschine also.

Glass-Träger können alles, was sie sehen, sofort auf Video aufnehmen – ohne dass die Gefilmten es merken. Die Technik rückt in den Hintergrund und ist trotzdem allgegenwärtig. Mensch und Gerät verschmelzen.

So entstehe eine freiwillige Überwachungsgesellschaft, sagt Adam. Die Überwacher merkten kaum noch, welche Rolle sie dabei spielten. Ihnen sei auch nicht klar, was die Technik, die sie mit sich herumtragen, bewirke. Dagegen will er kämpfen, jetzt schon, auch wenn Google Glass frühestens Ende des Jahres auf den Markt kommt und keineswegs sicher ist, dass es ein Verkaufsschlager wird.

Überwachungsfreie Zonen

Jede neue Technik weckt Ängste und Widerstände. Gerade beim Thema Überwachung sind die Menschen sensibilisiert und misstrauisch, viele trauen Unternehmen und dem Staat beinahe alles zu. Stop The Cyborgs ist derzeit mehr oder weniger eine Ein-Mann-Kampagne, trifft aber offenbar einen Nerv. Seit sich Artikel und Aufsätze über die möglichen Datenschutzprobleme von Google Glass häufen, wird Adams Blog 12.000 Mal am Tag aufgerufen.

"Wir wollen eine Debatte starten", sagt Adam im Gespräch mit ZEIT ONLINE, "aber wir wollen die Menschen vor allem ermutigen, überwachungsfreie Zonen zu schaffen, in denen Menschen frei und unbekümmert reden können." Die Idee, Google Glass aus bestimmten Räumen zu verbannen, gefällt ihm. "Es ist wichtig für die Gesellschaft und die Demokratie, dass Menschen auch mal etwas Unangemessenes sagen können, anstatt sich ständig selbst zu zensieren, aus Angst, es könnte veröffentlicht werden", sagt er.

Natürlich können Menschen schon heute gefilmt werden, ohne es zu merken. "Aber um das zu tun, musst du deine Rolle als Kameramann definieren. Du musst stillstehen und die Kamera oder das Smartphone hochhalten. Das ist dann auch für Umstehende das Signal, dass du filmst. Gleichzeitig hält es dich davon ab, das ständig zu tun", sagt Adam. Was Google Glass so attraktiv und gleichzeitig so problematisch mache, sei die Art, wie das Gerät diese Rolle des Kameramanns verändere: "Man sagt: 'OK Glass, nimm ein Video auf', und macht dann einfach weiter mit dem, was man vorher getan hat. Dadurch werden es die Menschen viel häufiger tun, auch in Situationen, in denen andere nicht damit rechnen."

Solche Befürchtungen teilen nicht alle. Manche finden, es gebe nichts Offensichtlicheres als Google Glass: "Das Gerät schreit dich doch praktisch an", schreibt ein Blogger von Viralroots, "es schreit 'Hallo, ich bin eine Kamera, benimm dich also so, als ob du vor einer Kamera stehst'!"

Jeder bekommt alle verfügbaren Informationen angezeigt

Den Cyborg-Gegner Adam beunruhigt aber nicht nur die Video-Funktion, schließlich könne die Brille auch Töne aufnehmen – und am Ende stehe immer Google. "Alle Daten, die Glass sendet oder empfängt, gehen über Googles Server. Würde Google Überwachungskameras und Mikrophone in der ganzen Stadt aufhängen, deren Daten allesamt im selben Kontrollzentrum zusammenlaufen, dann würden wir das doch auch als Gefährdung der Privatsphäre betrachten. Dass wir die Geräte auf dem Kopf tragen, macht die Sache nicht besser."

Dass Google all diese Daten auswerten und kommerziell für sich nutzen könnte, sei schlimm genug, findet Adam. Was aber, wenn alle Glass-Träger Zugriff auf alle diese Daten hätten? Gary Sheyngart hat dieses Szenario in seinem Roman Super Sad True Love Story durchgespielt: Jeder, der es sich leisten kann, hat einen "Äppärät", der ihm ständig zeigt, wer vor ihm steht, Gesundheitszustand, Bonität und "Fuckability-Index" inklusive.

Adam findet die Vorstellung alles andere als unrealistisch. "Anfangs werden die Menschen so etwas komplett inakzeptabel finden. Aber diejenigen, die es nutzen, werden große Vorteile haben. Mit der Zeit wird man dann aus wirtschaftlichem wie sozialem Druck gezwungen, mitzumachen, um mithalten zu können. Menschen werden dich mit Anmerkungen versehen, in der digitalen Version eines Schriftzugs auf der Stirn, also wirst du versucht sein, es ebenfalls zu tun."