TerrorbekämpfungNew York will Geld mit Überwachungstechnik verdienen

Microsoft und die New Yorker Polizei haben gemeinsam ein gigantisches Überwachungssystem entwickelt. Nun wollen sie es verkaufen. Interesse gibt es nicht nur in den USA.

Überwachungskamera der New Yorker Polizei

Überwachungskamera der New Yorker Polizei

3.500 Kameras, Nummernschild-Scanner auf allen wichtigen Zufahrtswegen nach Manhatten, Strahlungsdetektoren, Unmengen von Daten und eine Zentrale wie aus einem Science-Fiction-Film: Microsoft und New York City haben zusammen ein gigantisches Echtzeit-Überwachungssystem für die Stadt entwickelt. Im August 2012 wurde es der Öffentlichkeit vorgestellt, nun könnte es sich nach Angaben der New York Times zum Verkaufsschlager entwickeln.

Das Domain Awareness System (DAS) hat zwischen 30 und 40 Millionen US-Dollar gekostet und sollte ursprünglich nur zur Terrorismusabwehr dienen. Mittlerweile wird es aber auch zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt.

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Andere Behörden und Bürgermeister sind offenbar so begeistert von den Fähigkeiten des Systems, dass sie mit einem Kauf liebäugeln. Microsoft sagte der New York Times: "In den USA zeigen kleinere Gemeinden, einige Sheriffs sowie Polizeichefs mehrerer Großstädte Interesse. Außerhalb der USA haben uns die Veranstalter großer Sportereignisse und auch Strafverfolgungsbehörden angesprochen."

Der Zugang zur Software würde jeden Käufer einige Millionen Dollar kosten, Sonderwünsche kosten extra. Verdienen würde daran nicht nur Microsoft, sondern auch die Stadt New York. Sie bekäme 30 Prozent der Einnahmen und würde diese sofort wieder in Programme zur Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität investieren. In noch mehr Überwachung also.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Dabei ist das DAS schon heute eines der weltweit größten Systeme seiner Art: Laut Einsatzrichtlinien läuft es 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ein typisches Einsatzszenario sieht so aus: Fährt jemand mit einem Auto nach Manhattan, dessen Nummernschild auf einer Liste verdächtiger Fahrzeuge steht, bekommt die New Yorker Polizei gesagt, wo und wann das Auto gesichtet wurde, inklusive Fotos sowie allen anderen Nummernschildern, die am selben Ort in der selben Minute gescannt wurden. Oder aber die Polizei entdeckt irgendwo ein verdächtiges Paket. Dann kann sie die Aufnahmen der nächsten Überwachungskamera anfordern und möglicherweise die Person ausfindig machen, die das Paket abgelegt hat. Ist diese Person anschließend in ein Auto gestiegen, dessen Nummernschild auf den Videobildern erkennbar ist, kann das DAS überprüfen, wohin das Auto gefahren ist, sofern es an einem der Nummernschildscanner vorbeikommt.

Die Aufnahmen der 3.500 Videokameras werden für 30 Tage aufbewahrt, können aber auf Antrag auch länger gespeichert werden. Auf die Daten der automatischen Kennzeichenerfassung kann die Polizei fünf Jahre lang zugreifen, aber auch hier gibt es auf Antrag auch Ausnahmen.

Datenschützer befürchten, dass das System missbraucht werden könnte. Die Polizei hält dagegen, dass gemäß der Richtlinien nur öffentliche Areale und Aktivitäten überwacht werden, in denen man keine gesetzlich geschützte Privatsphäre erwarte. Gesichtserkennung werde nicht eingesetzt.

In Deutschland wäre das System so nicht einsetzbar, die dauerhafte Kennzeichenerfassung wurde im Jahr 2008 für verfassungswidrig erklärt. Aber zumindest Rufe nach mehr Videoüberwachung werden immer wieder laut, obwohl deren Nutzen umstritten ist. Am gestrigen Mittwoch erst hat Bayerns Innenminister Joachim Hermann laut heise online die flächendeckende Überwachung des öffentlichen Nahverkehrs in allen bayerischen Großstädten gefordert.

 
Leser-Kommentare
    • omix
    • 04.04.2013 um 13:23 Uhr

    Die Geschichte zeigt das eigentliche Problem auf: "...sollte ursprünglich nur zur Terrorismusabwehr dienen. Mittlerweile wird es aber auch zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt..." Vorhandene Daten wecken Begehrlichkeiten. Bei den klammen Gemeindekassen, würde es mich nicht wundern, wenn Park-, Rotlichtverstöße etc. automatisiert (incl. Lastschrift) bearbeitet würden.

    Gruselig.

    8 Leser-Empfehlungen
  1. Neben der Ueberwachung der Verkehrsinfrastruktur sollten zusätzlich effektive Analyse- und Ueberwachungstools auf sämtlichen PCs der Bürger vorhanden sein.

    So könnten Microsoft und Apple in die aktuellen Betriebssysteme die notwendigen Schnittstellen implementieren, so dass der Bundesnachrichtendienst nicht erst ein entsprechendes staatliches Trojaner-Werkzeug mühsam nachinstallieren muss - was ineffektiv ist und Steuergelder uneffizient verwendet.

    Auch sollte die Pharmaindustrie mittlerweile soweit sein, dass durch intelligente Pharmazeutika, in die Mikrochips implementiert sind, der Aufenthaltsort eines jeden Bürgers per GPS bestimmt werden kann.

    Nur so kann jeder Bürger effektiv vor islamischem Terrorismus beschützt werden und Polizeieinsatzfahrzeuge wären sofort am Ort, wenn es brennt.

    Um ein sicheres Leben zu führen können wir noch viel von unseren amerikanischen Freunden lernen!

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  2. " ... und sollte ursprünglich nur zur Terrorismusabwehr dienen. Mittlerweile wird es aber auch zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt. ..."

    und dann:

    " ... Die Polizei hält dagegen, dass gemäß der Richtlinien nur öffentliche Areale und Aktivitäten überwacht werden, in denen man keine gesetzlich geschützte Privatsphäre erwarte. Gesichtserkennung werde nicht eingesetzt. ..."

    Insgesamt eine sehr gruselige Anlage, aber leider wohl auch bald in Europa und auch in Deutschland. Ob nun als Lizenzprodukt oder aber selbst entwickelt.

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  3. rechtsfreier Raum sind in der die Polizei tun und lassen kann was sie will?
    Ich finde darüber sollte eine demokratische Mehrheit entscheiden und nicht die Stadtverwaltung!

    Für mich bedeuten Städte trotz ihres engen Geflechts dass man dort frei Leben sollte.

    Ich vermute dass die Menschen aufgrund solcher realisierter Überwachungsfantasien irgendwann wieder aufs Land zurückziehen werden.

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  4. "Nummernschild-Scanner auf allen wichtigen Zufahrtswegen nach Manhatten"

    Schön, mal wieder zu lesen, wo die Prioritäten liegen.

    Gleichzeitig wird in Teilen Brooklyns der Ausnahmzustand verhängt, die Bewohner dürfen die Häuser nicht verlassen und nicht einmal der Presse wird Zugang gewährt.

    Repression at it's finest.

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  5. es wird gemacht weil es machbar ist und Geld bringt...

    Mit mehr Sicherheit hat das Ganze rein garnichts zu tun.

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    • GDH
    • 04.04.2013 um 12:58 Uhr

    Aus dem Artikel:
    "Datenschützer befürchten, dass das System missbraucht werden könnte. Die Polizei hält dagegen, dass gemäß der Richtlinien nur öffentliche Areale und Aktivitäten überwacht werden, in denen man keine gesetzlich geschützte Privatsphäre erwarte."

    Wenn hier flächendeckend Verkehrsbewegungen und öffentliche Plätze überwacht werden, greift das natürlich in die Privatsphäre der Menschen ein, deren Leben zu einem relevanten Teil im öffentlichen Raum stattfindet.

    Die "gesetzlich geschützte Privatsphäre" scheint nicht zu umfassen, wo man wann hingeht/fährt, mit wem man sich trifft usw.

    Die Vorstellung, man könne den öffentlichen Raum nach Belieben überwachen und es gäbe dann noch die Möglichkeit, die Haustür zuzumachen und zuhause privat zu sein, ist abwegig.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. dass das System missbraucht werden könnte.....

    es ist zu befürchten,dass dies schon lange der Fall ist, bei all den Systemen die uns heute vor Terror schützen
    sollte man in Zukunft wohl noch verstärkter drauf achten,nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein ,nicht das der Einkauf um die Ecke zur Odysse wird
    schöne neue Facebook Welt mit 7 Milliarden erfassten Gesichtern

    Eine Leser-Empfehlung

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