Harper Reed bei einem Vortrag auf der Messe Next 2013 in Berlin

ZEIT ONLINE: Herr Reed, kennen Sie Peer Steinbrück?

Harper Reed: Nein, wer ist das?

ZEIT ONLINE: Er ist Kanzlerkandidat der Sozialdemokratischen Partei. Im September tritt er gegen Angela Merkel an, seine Umfragewerte sind momentan aber eher nicht so gut. Könnten ihn Big Data und Technik zum Kanzler machen?

Reed: Technologie ist manchmal wie eine leistungssteigernde Droge: Man muss bereits sehr gut sein. Technik kann nur dabei helfen, die entscheidenden fünf oder zehn Prozent besser zu werden. Und wenn dich keiner mag, kann auch die beste Technik deine Popularitätswerte nicht wesentlich steigern.

ZEIT ONLINE: Unpopulär war Barack Obama ja nicht gerade, als Sie anfingen, für ihn als technischer Leiter seines Wahlkampfteams zu arbeiten.

Reed: Nein, in den USA wollten die Menschen Barack Obama als Präsidenten.

ZEIT ONLINE: Wofür waren die Tools, die Sie und Ihr Team für die Kampagne "Organizing for America" entwickelt haben, dann überhaupt gut? 

Reed: Geholfen haben uns Tools wie Nahrwal vor allem im Umgang mit den Wechselwählern. Nahrwal ist eine Schnittstelle, die viele vorhandene Datensätze zusammenführt. Die Kampagnenhelfer hatten durch sie einen wesentlich leichteren Job. Zeit ist kostbar im Wahlkampf, und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir unsere freiwilligen Helfer an Türen überzeugter Romney-Unterstützer klopfen lassen. Wir wollten sicherstellen, dass wir mit Leuten reden, bei denen unsere Botschaft auch ankommt.

Durch die Tools haben die Wähler Obama nur noch mehr gemocht, als sie es ohnehin bereits taten.

ZEIT ONLINE: Es mag ein wenig rückständig klingen, aber in der deutschen Politik hat es bis zuletzt noch immer Stimmen gegeben, die sagten, das Internet sei für den Wahlkampf überschätzt.

Reed: Das sind Stimmen, die eher früher als später abgewählt und durch diejenigen ersetzt werden, die sich mit den wichtigen Kommunikationskanälen besser auskennen. Es gibt ein gutes Beispiel aus dem Geschäftsleben. Da wird oft gesagt, man wolle nun E-Marketing machen. Oder E-Business. Man stellt bestimmten Geschäftsbereichen einfach ein "E" voran. Aber wir bewegen uns schnell auf eine Welt zu, in der jedes Marketing und jedes Business mit dem Internet verbunden ist.

Nicht, dass alles hundertprozentig über das Netz läuft. Das Netz ist nur ein Werkzeug. Aber zu sagen, das Netz sei überbewertet, ist in etwa, als würde ich behaupten, dass Fernsehen überbewertet sei.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jeder Wähler nutzt das Internet, um sich zu informieren oder um mit seinen Freunden zu sprechen, oder?

Reed: Schauen Sie, ein gutes Beispiel ist das Hotel, in dem ich gerade untergebracht bin. Es ist ein sehr interessantes Hotel. In jedem Zimmer steht ein iMac anstatt eines Fernsehers. Auf den Straßen von Berlin habe ich gesehen, dass wahnsinnig viele Leute ein Smartphone besitzen. Das ist das Internet. Es ist ein Kanal, der vernünftig genutzt werden will, und wer ihn am besten nutzt, gewinnt.

Auch wenn Deutschland viele Gesetze zum Datenschutz hat, die ich lächerlich finde. Aber wer sich in diesem Gesetzesrahmen zu bewegen weiß und daraus etwas erschafft, wird erfolgreich sein.

ZEIT ONLINE: Neulich erschien in der ZEIT ein kontroverser Artikel über die Babyboomer-Generation. Darin stand, dass sie keinen Platz für die nachkommende Generation mache und dadurch viel Innovationspotential verschwendet werde. Sorgt das Netz für den ultimativen Clash der Generationen? 

Reed: Wer die Macht hat, will sie nicht abgeben. Das gilt sicherlich für jede Generation. Aber die technologischen Veränderungen sind sehr drastisch. Wie erklärt man jemandem, der sein Handy höchstens für Telefonate und Textnachrichten benutzt, warum die Kids in den USA so sehr auf die Social Media App Snapchat abfahren? (Anmerkung: Snapchat ist eine App, mit der sich Fotos verschicken lassen, die nach wenigen Sekunden automatisch gelöscht werden.) Snapchat zeigt wie kaum etwas anderes die Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Alt und Jung. Und mit den Alten meine ich bereits Mittdreißiger wie mich. Es sind revolutionäre Anzeichen, aber wie die Revolution aussehen wird, wissen wir noch nicht.

ZEIT ONLINE: Es wird also eine Revolution geben?

Reed: Möglicherweise werden wir es gar nicht mitbekommen, bis sie passiert. Viele dieser jungen Menschen werden Unternehmen gründen. Sie werden mit Daten und mit dem Netz interagieren. Vor allem wird ihr Verständnis von Privatsphäre ein vollkommen anderes sein. Ihr Bedürfnis, mit ihren Freunden zu interagieren, ist ein ganz anderes. Man muss sich nur einmal 15-Jährige anschauen. Sie dokumentieren jeden ihrer Schritte. Wie wird sich das niederschlagen, wenn sie erst im geschäftsfähigen Alter sind?

ZEIT ONLINE: Sie sprechen damit ein sensibles Thema an. In Deutschland können wir dem Datenschutz viel abgewinnen...

Reed: Ja, ich weiß, ihr liebt dieses Thema.