Post Privacy"Ich glaube an ein besseres Leben durch Daten"

Harper Reed war technischer Leiter von Obamas Wahlkampagne. Im Interview redet er über die heilende Kraft von Daten, transparente Überwachung und deutschen Datenschutz. von Tim Rittmann

Harper Reed bei einem Vortrag bei der Messe Next 2013 in Berlin

Harper Reed bei einem Vortrag auf der Messe Next 2013 in Berlin  |  CC-BY 2.0 Next Berlin

ZEIT ONLINE: Herr Reed, kennen Sie Peer Steinbrück?

Harper Reed: Nein, wer ist das?

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ZEIT ONLINE: Er ist Kanzlerkandidat der Sozialdemokratischen Partei. Im September tritt er gegen Angela Merkel an, seine Umfragewerte sind momentan aber eher nicht so gut. Könnten ihn Big Data und Technik zum Kanzler machen?

Reed: Technologie ist manchmal wie eine leistungssteigernde Droge: Man muss bereits sehr gut sein. Technik kann nur dabei helfen, die entscheidenden fünf oder zehn Prozent besser zu werden. Und wenn dich keiner mag, kann auch die beste Technik deine Popularitätswerte nicht wesentlich steigern.

ZEIT ONLINE: Unpopulär war Barack Obama ja nicht gerade, als Sie anfingen, für ihn als technischer Leiter seines Wahlkampfteams zu arbeiten.

Harper Reed
Harper Reed

Harper Reed ist Software-Entwickler. Von 2005 bis 2009 war er technischer Leiter der Kleiderfirma Threadless. Bei dieser entwerfen Nutzer die Designs und Nutzer stimmen über sie ab. Threadless gilt als eine der ersten erfolgreichen Crowdfunding-Firmen. Von 2011 bis 2012 war Reed technischer Leiter der Wiederwahl-Kampagne von Barack Obama und verantwortlich für die Datenanalyse, die als Basis des Erfolgs gilt. Er twittert unter @harper.

Reed: Nein, in den USA wollten die Menschen Barack Obama als Präsidenten.

ZEIT ONLINE: Wofür waren die Tools, die Sie und Ihr Team für die Kampagne "Organizing for America" entwickelt haben, dann überhaupt gut? 

Reed: Geholfen haben uns Tools wie Nahrwal vor allem im Umgang mit den Wechselwählern. Nahrwal ist eine Schnittstelle, die viele vorhandene Datensätze zusammenführt. Die Kampagnenhelfer hatten durch sie einen wesentlich leichteren Job. Zeit ist kostbar im Wahlkampf, und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir unsere freiwilligen Helfer an Türen überzeugter Romney-Unterstützer klopfen lassen. Wir wollten sicherstellen, dass wir mit Leuten reden, bei denen unsere Botschaft auch ankommt.

Durch die Tools haben die Wähler Obama nur noch mehr gemocht, als sie es ohnehin bereits taten.

ZEIT ONLINE: Es mag ein wenig rückständig klingen, aber in der deutschen Politik hat es bis zuletzt noch immer Stimmen gegeben, die sagten, das Internet sei für den Wahlkampf überschätzt.

Reed: Das sind Stimmen, die eher früher als später abgewählt und durch diejenigen ersetzt werden, die sich mit den wichtigen Kommunikationskanälen besser auskennen. Es gibt ein gutes Beispiel aus dem Geschäftsleben. Da wird oft gesagt, man wolle nun E-Marketing machen. Oder E-Business. Man stellt bestimmten Geschäftsbereichen einfach ein "E" voran. Aber wir bewegen uns schnell auf eine Welt zu, in der jedes Marketing und jedes Business mit dem Internet verbunden ist.

Nicht, dass alles hundertprozentig über das Netz läuft. Das Netz ist nur ein Werkzeug. Aber zu sagen, das Netz sei überbewertet, ist in etwa, als würde ich behaupten, dass Fernsehen überbewertet sei.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jeder Wähler nutzt das Internet, um sich zu informieren oder um mit seinen Freunden zu sprechen, oder?

Reed: Schauen Sie, ein gutes Beispiel ist das Hotel, in dem ich gerade untergebracht bin. Es ist ein sehr interessantes Hotel. In jedem Zimmer steht ein iMac anstatt eines Fernsehers. Auf den Straßen von Berlin habe ich gesehen, dass wahnsinnig viele Leute ein Smartphone besitzen. Das ist das Internet. Es ist ein Kanal, der vernünftig genutzt werden will, und wer ihn am besten nutzt, gewinnt.

Auch wenn Deutschland viele Gesetze zum Datenschutz hat, die ich lächerlich finde. Aber wer sich in diesem Gesetzesrahmen zu bewegen weiß und daraus etwas erschafft, wird erfolgreich sein.

ZEIT ONLINE: Neulich erschien in der ZEIT ein kontroverser Artikel über die Babyboomer-Generation. Darin stand, dass sie keinen Platz für die nachkommende Generation mache und dadurch viel Innovationspotential verschwendet werde. Sorgt das Netz für den ultimativen Clash der Generationen? 

Reed: Wer die Macht hat, will sie nicht abgeben. Das gilt sicherlich für jede Generation. Aber die technologischen Veränderungen sind sehr drastisch. Wie erklärt man jemandem, der sein Handy höchstens für Telefonate und Textnachrichten benutzt, warum die Kids in den USA so sehr auf die Social Media App Snapchat abfahren? (Anmerkung: Snapchat ist eine App, mit der sich Fotos verschicken lassen, die nach wenigen Sekunden automatisch gelöscht werden.) Snapchat zeigt wie kaum etwas anderes die Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Alt und Jung. Und mit den Alten meine ich bereits Mittdreißiger wie mich. Es sind revolutionäre Anzeichen, aber wie die Revolution aussehen wird, wissen wir noch nicht.

ZEIT ONLINE: Es wird also eine Revolution geben?

Reed: Möglicherweise werden wir es gar nicht mitbekommen, bis sie passiert. Viele dieser jungen Menschen werden Unternehmen gründen. Sie werden mit Daten und mit dem Netz interagieren. Vor allem wird ihr Verständnis von Privatsphäre ein vollkommen anderes sein. Ihr Bedürfnis, mit ihren Freunden zu interagieren, ist ein ganz anderes. Man muss sich nur einmal 15-Jährige anschauen. Sie dokumentieren jeden ihrer Schritte. Wie wird sich das niederschlagen, wenn sie erst im geschäftsfähigen Alter sind?

ZEIT ONLINE: Sie sprechen damit ein sensibles Thema an. In Deutschland können wir dem Datenschutz viel abgewinnen...

Reed: Ja, ich weiß, ihr liebt dieses Thema.

Leserkommentare
  1. ich denke das der sorglose umgang mit daten bei jugendlichen vor allem aufgrund von nichtwissen geschieht. ich selbst bin noch teenager, aber mir wird schlecht wenn ich nachdenke was facebook und sonstwer mit meinen daten anstellt. ich verstehe nicht wie man positiv mit der tatsache umgehen kann seine daten an profitorientierte unternehmen freiwillig abzutreten, da diese schließlich damit anstellen was sie wollen solang sich genügend geld damit verdienen lässt.
    dann sein bezug auf die stasi, welchen er mit lässigem wink zur seite wischt, er merkt selbst an was datensammelei für katastrophale folgen haben kann und tut das ab mit urdeutscher angst und seinem naiven optimismus?!
    ich denke wenn dieser herr mehr gehirnzellen hat als er vorgibt, dann wird er irgendwann seine blauäugige meinung zu datenhedonismus überdenken

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    WEnn wir einen Staat haben wollen in den alle Daten offen sind, muss der Staat als erster damit anganfen all eine Daten offen zu legen und den Bürgern so zu beweisen das nicht falsches damit geschiet und das nicht gefährlich ist.

    Aber ganu das man er nicht, und auch die Cooperationen machen das nicht und auch nicht Unternehmen.

    Der kleine Mentsch soll bitte alles offen legen so das Unternehmen damit geld verdienen können, wobei sie ihn nicht an den Gewinn beteiligen wollen, und sagen ihn deshalb das er sich um Datenschutz ma kein Sorgen machen muss.

    Dier vergangenheit mit ihren grossen Leck und lillionen gestolhlerer Datensätzen aud Unternehmen hat aber immer wieder bewisen ads Unternehmen vor allen Sparen wollen beim Datenschutz, und erst recht nich haftbar sein für das was mit den DAten passiert oder gar entschädigung Zahlen wollen, Gratissoftware die das Unternehmen nicht kostet, oder Gutscheine zähl ich mal nicht als Entschädigung da ihc damit ebend nicht machen kann was ich möchte sonder nur was das unternhemen möchte.

    So seh ich auch das wir villeicht eher Datenschutz als Schulfach in der informatik einführen müssen um jugentlichen und Kinder das wissen zu geben mit dem sie dann Entscheidungen darüber treffen können welche Firma was von ihnen wissen sollte und welche nicht.

    • Rubsa
    • 16. Mai 2013 12:24 Uhr

    "ich selbst bin noch teenager, aber mir wird schlecht wenn ich nachdenke was facebook und sonstwer mit meinen daten anstellt"
    -> was ist denn das worst-case-szenario in deinen gedankengängen? was ist deine furcht?

    "ich verstehe nicht wie man positiv mit der tatsache umgehen kann seine daten an profitorientierte unternehmen freiwillig abzutreten, da diese schließlich damit anstellen was sie wollen solang sich genügend geld damit verdienen lässt."
    ->stimmt, aber werden diese daten nicht im regelfall dafür genutzt, dir produkte anzuzeigen die genau deinen vorlieben angepasst sind? es ist relativ einfach herauszufinden welche daten man aus aus verschiedenen gründen generell lieber aus dem interent herauslassen sollte, aber das meiste erscheint mir als relativ ungefährlich. was macht dir angst?

    "dann sein bezug auf die stasi, welchen er mit lässigem wink zur seite wischt, er merkt selbst an was datensammelei für katastrophale folgen haben kann und tut das ab mit urdeutscher angst und seinem naiven optimismus?!"
    ->glaubst du im ernst deutschland verwandelt sich demnächst wieder in einen diktatorischen überwachungsstaat?

    "ich denke wenn dieser herr mehr gehirnzellen hat als er vorgibt, dann wird er irgendwann seine blauäugige meinung zu datenhedonismus überdenken"
    ->harte worte für jemanden, der im kontrast zu dem den er kritisiert (als teenager wahrscheinlich) keine expertise aufweisen kann. ich gebe zu bedenken die wortwahl in einer solchen position etwas zu zügeln..

  2. So so, Privatsphäre ist also so lange unwichtig, bis einem die Daten schaden können (Bibliotheks-Beispiel). Lieber Herr Reid: sie können gerne ihr Gewicht posten. Wenn es allerdings irgendwann zu hoch wird, bekommen sie u.U. keine Krankenversicherung mehr, da sie einer Risikogruppe angehören. Jede Krankenkasse weiß das dann. Ein Unternehmen weiß von einer Schwangerschaft, bevor ich meinen engsten Freunden erzählt habe? DNA hochladen?

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Aussagen. Danke. Die Redaktion/kvk

    11 Leserempfehlungen
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    Ich muss mich korrigieren. Wahrscheinlich ist Herr Reed kein dummer Mensch - er verdient wahrscheinlich sein Geld mit der Analyse der Daten von Menschen. Ein Marketing-Mensch. Daher diese Sichtweise.

  3. Ich muss mich korrigieren. Wahrscheinlich ist Herr Reed kein dummer Mensch - er verdient wahrscheinlich sein Geld mit der Analyse der Daten von Menschen. Ein Marketing-Mensch. Daher diese Sichtweise.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wie dumm!"
  4. 4. [...]

    Bitten üben Sie Kritik an anders lautenden Ansichten argumentativ und in sachlichem Tonfall. Danke, die Redaktion/fk.

    • reveur
    • 29. April 2013 12:35 Uhr

    Genau solch grauenvolle Menschen wie Herr Reed haben dafür gesorgt, dass es mit der Transparenz bereits so weit gekommen ist, wie es sich heute bereits darstellt. Der Nutzen für den User ist oft nur marginal... der Nutzen für die beteiligten Firmen viele viele Dollar/Euro wert.

    Ich werde eher wütend, wenn jemand so borniert über meine Privatsphäre hinweg trampelt.

    14 Leserempfehlungen
    • conure
    • 29. April 2013 12:37 Uhr

    hat gerade ein sehr interessantes Interview gegeben.
    Ein Punkt darin war der Mißbrauch von Daten.
    Lesenswert.

    http://www.alternet.org/c...

    5 Leserempfehlungen
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    für den Link. Interviews mit Chomsky sind *immer* lesenswert.

    Den Fall Holder vs. Humanitarian Law Project kannte ich bisher auch noch nicht. Asolut erschreckend. Direktlink für die Klickfaulen:
    http://www.aclu.org/natio...

  5. beidseitige(!) transparenz statt datenmonopol und imperativischen informationen - das wäre in der tat eine interessante und faire lösung.
    leider ist ein großteil der menschen technisch wie ethisch noch sehr inkompetent. also: geduld...

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    Natürlich bricht "offene Überwachung" das Informationsmonopol des Staates.

    In der Konsequenz wäre uneingeschränkter Zugang zu Überwachungsdaten "stalking leichtgemacht": sie könnten Freunde/Partner/Angestellte/Dritte "überwachen".

    Wenn also die Nutzung der Daten (egal durch wen) problematsch erscheint, stellt sich die Frage ob die Daten soviel Nutzen bringen um deren Generierung zu rechtfertigen (z.B. Studien aus GB googlen).

  6. Interessant finde ich den Punkt mit der Transparenz. Auch wenn ich seine Ansichten nicht teile, doch finde ich es sehr spannend, wenn es wirklich totale Transparenz bei der Sammlung und Verwendung von Daten gibt. Jeder kann so viele Daten preis geben wie er will und jeder kann so viel Sammeln wie er will. Es muss aber alles öffentlich sein, wer was wann wie und wofür verwendet hat. Eine wirklich schöne Utopie.

    Gutes Interview.

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  • Schlagworte Barack Obama | Angela Merkel | Peer Steinbrück | Datensicherheit | App | Bibliothek
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