VideoüberwachungDie Polizei, dein Freund und Kameramann

Die Waffenfirma Taser verkauft Minikameras, die Polizisten am Brillengestell tragen können. Die Beamten werden zu Überwachern und Überwachten. von 

Axon Flex von Taser

Das Kamerasystem Axon Flex von Taser  |  © Taser

Wird aus dem berühmten Polizei-Motto "to protect and to serve" künftig "to protect, to serve and to record"? Schützen, dienen und aufzeichnen? Die Firma Taser, bekannter Hersteller von Elektroschockwaffen, rüstet amerikanische Polizisten inzwischen mit kleinen Videokameras aus. Die können am Gestell einer Sonnenbrille befestigt werden und erinnern dann an eine etwas klobige Version von Google Glass. Axon Flex heißt das System. Die Beamten sollen alle ihre Einsätze damit dokumentieren – inklusive ihres eigenen Verhaltens.

Auf den ersten Blick kann diese Videoüberwachung allen nützen. Die Auswertung eines mehrmonatigen Feldversuchs im kalifornischen Rialto hat nach Angaben der New York Times ergeben: Sowohl die Zahl der Beschwerden gegen Polizisten ging deutlich zurück, als auch die Zahl der Fälle, in denen die Beamten Gewalt anwendeten.

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In dem Versuch wurde die Hälfte aller Beamten in Rialto mit der Axon Flex ausgestattet. Sie sollten sie sofort anschalten, wenn sie ihr Fahrzeug verlassen und jemanden ansprechen. Die Kamera selbst ist aber immer aktiv und hat einen sogenannten Puffer: Drückt der Polizist auf den Aufnahmeknopf, werden aus diesem Speicherpuffer der Aufnahme auch die 30 vorangegangenen Sekunden hinzugefügt, allerdings ohne Ton. So soll gesichert werden, dass auch der Grund zu sehen ist, warum die Kameraaufnahme gestartet wurde.

Die Kamera ist in etwa so groß und dick wie ein Finger. Aktiviert wird sie über eine kleine Kontrollbox, die auf Höhe des Brustbeins an der Bekleidung befestigt wird. Am Ende einer Schicht oder gleich nach einem Vorfall steckt der Polizist die Kontrolleinheit auf eine Dockingstation. Dann wird das aufgezeichnete Video bearbeitet und in die Datenbank von Evidence.com hochgeladen, die ebenfalls Taser gehört. Wird ein Video als Beweismittel verwendet, bleibt es ewig in der Datenbank, schreibt The Verge. Andernfalls werde es nach 180 Tagen gelöscht.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das Ergebnis: In den ersten zwölf Monaten ging die Zahl der Beschwerden von Bürgern gegen Polizisten um 88 Prozent zurück. Während es im Vorjahreszeitraum 24 solcher Beschwerden gab, waren es in der Testphase nur noch drei. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste lautet: Wer weiß, dass er gefilmt wird, weiß auch, wie aussichtslos es ist, in einer Beschwerde falsche oder übertriebene Anschuldigungen gegen die Polizisten vorzubringen. Die Axon-Kamera sei auffällig genug, um von Zivilisten als solche erkannt zu werden, sagte Rialtos Polizeichef William A. Farrar der New York Times.

Wer, zweitens, trotzdem nicht merke, dass ein Einsatz dokumentiert wird, müsse seine Anschuldigungen oftmals zurücknehmen, wenn er auf der Polizeistation das Beweisvideo vorgespielt bekomme, sagte Farrar.

Auch die Zahl der Fälle, in denen Rialtos Polizisten Gewalt anwendeten, ging um knapp 60 Prozent zurück. Die Kamera bewirkt also offenbar, dass die Polizisten sich zurückhalten. Denn sie wissen, dass auch ihr eigenes Verhalten überprüfbar ist.

Zahlreiche Schwachstellen

Bei näherem Hinsehen offenbart das System aber zahlreiche Schwächen. Sie stecken zum einen in der Technik selbst sowie in deren Regulierung. So gehört die Datenbank nicht dem Staat, sondern dem Privatunternehmen Taser. Eine Kontrolle, was mit den Daten geschieht, ist also schwierig. Taser wiederum vertraut auf Amazon, das die Server für Evidence.com zur Verfügung stellt. Das wirft Fragen nach der Zuverlässigkeit des Dienstes auf, wie auch nach der Sicherheit vor einem Zugriff durch Unbefugte. Außerdem gibt es auf nationaler Ebene noch keine Richtlinien zum Einsatz der Technik, sondern nur ein paar Vorschläge. Wann die Kamera laufen muss und wann sie es nicht darf, ist gesetzlich nicht geklärt.

Wichtiger noch – im Sinne von fehleranfälliger – ist die menschliche Seite des Systems. Erstens muss der Polizist die Axon-Kamera auch wirklich wie vorgeschrieben benutzen und schon zu Beginn eines Einsatzes einschalten. Andernfalls wird der Auslöser zum Beispiel für den Einsatz von Gewalt möglicherweise nicht aufgezeichnet. Dann steht, wie gehabt, Aussage gegen Aussage, was in der Regel zum Nachteil des Bürgers ist.

Leserkommentare
  1. Bin ich der einzige den es schaudert beim Gedanken dass mich irgendwelche Leute, die ich überhaupt nicht kenne auf Video aufnehmen, wenn ich z.B. auf einer Demo bin. Was wenn ich einfach nicht gefilmt werden möchte, was soll ich dann dagegen tun wenn dutzende Kameras auf mich gerichtet sind. Und dann werden die Videos auch noch zentral auf einem Server einer Privatfirma gespeichert? Also so langsam hört der Spaß auf. Die Gesetzgebung sollte dringend Gesetze erlassen und die Überwachungsfanatiker in ihre Schranken weisen...

    8 Leserempfehlungen
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    ... auf einer Demo ist immer mindestens eine Kamera auch auf Sie gerichtet; nämlich die des lokalen Regierungsfernsehens. Bei grösseren Demos ist es häufig ein Dutzend. Ach ja, und die Polizei videod bei den grösseren Demos ebenfalls. Und ganz viele Demonstranten - mit ihre Hääändi-Kamers.

    • Dr.Ing
    • 08. April 2013 20:01 Uhr

    Diese Art Kameras sind im Chinahandel billig zu erwerben, sogar unauffälliger wie das gezeigt Modell. Ich möchte nicht wissen wieviele Menschen sich mit solchen Dingen eingedeckt haben.

    ..., anders sind die Wahlergebnisse nicht zu erklären.

    Es wird noch eine Zeit lang dauern, bis das Lemming-Gen aus den Köpfen herausevolutioniert ist. Leider gibt es heirfür keine Erfolgsgarantie.

    • deDude
    • 08. April 2013 19:44 Uhr

    ... ich denke jeder Polizist wird dann auch befähigt sein eine mitlaufende Digitalkamera oder Google Glass zu erkennen.

    Wie weit wollen wir die Überwachungsfetischisten eigentlich noch vorrücken lassen? Bis ins heimische Schlafzimmer?

    2 Leserempfehlungen
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    ist nur die Konsequenz aus Misstrauen. Der Staat misstraut seinen Bürgern und die Bürger dem Staat. Die Konsequenz ist eine stärkere Überwachung seitens des Staates, was wiederum das Misstrauen der Bürger erhöht und zu einer Reaktion führt und hier beginnt der Teufelskreis sich zu schließen.
    Ja, es wird viel auf die Polizei, vor alem bei Demos etc. geschimpft und darum verwundert es nicht, dass diese sich absichern möchte.
    Umgekehrt birgt eine immer weitergehende Überwachung (man denke nur an die Überwachung von Emailverkehr auch ohne Verdacht) das Risiko Strukturen zu ermöglichen, die die Freiheit einschränken, bzw. zu einer Überwachung führen, wie zur Zeit der DDR. Allerdings sind die Bürger auch selbst Schuld, wenn sie sich das gefallen lassen. Man könnte natürlich auch dem Abgeordneten seines Vertrauens schreiben ...

  2. ... konnte ich doch 95% der 1. Seite schon gestern in der New York Times lesen. Auf den ganz Artikel gerechnet macht das eine Plagiatsquote von etwa 40%.

    Der Rest ist dann aber auch nicht mehr besonders lesenswert. Speicherung bei Amazon via Taser ...? Ganz pöhse. Und (vielleicht nicht so friedliche) Bürger auf die Platte bannen? Noch mehr pöhse.

    Ein Vergleich des Originalartikels in der NYT mit der, Verzeihung, Beckmesserei hier ist wieder einmal eine Bestätigung, dass die Amis Berufsoptimisten sind und die Deutschen nur das Schlimme sehen (wollen).

    Ausnahmen bestätigen die Regel!

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    ein Witz sein, hoffe ich.

  3. ... auf einer Demo ist immer mindestens eine Kamera auch auf Sie gerichtet; nämlich die des lokalen Regierungsfernsehens. Bei grösseren Demos ist es häufig ein Dutzend. Ach ja, und die Polizei videod bei den grösseren Demos ebenfalls. Und ganz viele Demonstranten - mit ihre Hääändi-Kamers.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Das ist doch krank.."
  4. ein Witz sein, hoffe ich.

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    Es stand so in der NYT.

  5. Es stand so in der NYT.

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    Ich lese aber keine NYT, deswegen bin ich froh hier auf Zeit.de etwas über dieses Thema lesen zu können.

  6. Ich lese aber keine NYT, deswegen bin ich froh hier auf Zeit.de etwas über dieses Thema lesen zu können.

    Antwort auf "Nein, kein Witz."
    • Dr.Ing
    • 08. April 2013 20:01 Uhr

    Diese Art Kameras sind im Chinahandel billig zu erwerben, sogar unauffälliger wie das gezeigt Modell. Ich möchte nicht wissen wieviele Menschen sich mit solchen Dingen eingedeckt haben.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Das ist doch krank.."
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    Die Dinger sind wirklich billig. Preis je nachdem was man haben will bis Full-HD, als Brille, als Feuerzeug, als Autoschlüssel, als MP3-Player, im Wecker, im Handtuchhalter, in der Taschenlampe, in der Armbanduhr, als Knopf am Anzug, als Gürtelschnalle, in der Medizindose.... Das geht bei den einfachen Ausführungen bei ca. 5,-€ los!!

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  • Schlagworte Google | Phoenix | Amazon | Polizei | Video | Videoüberwachung
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