Wird aus dem berühmten Polizei-Motto "to protect and to serve" künftig "to protect, to serve and to record"? Schützen, dienen und aufzeichnen? Die Firma Taser, bekannter Hersteller von Elektroschockwaffen, rüstet amerikanische Polizisten inzwischen mit kleinen Videokameras aus. Die können am Gestell einer Sonnenbrille befestigt werden und erinnern dann an eine etwas klobige Version von Google Glass. Axon Flex heißt das System. Die Beamten sollen alle ihre Einsätze damit dokumentieren – inklusive ihres eigenen Verhaltens.

Auf den ersten Blick kann diese Videoüberwachung allen nützen. Die Auswertung eines mehrmonatigen Feldversuchs im kalifornischen Rialto hat nach Angaben der New York Times ergeben: Sowohl die Zahl der Beschwerden gegen Polizisten ging deutlich zurück, als auch die Zahl der Fälle, in denen die Beamten Gewalt anwendeten.

In dem Versuch wurde die Hälfte aller Beamten in Rialto mit der Axon Flex ausgestattet. Sie sollten sie sofort anschalten, wenn sie ihr Fahrzeug verlassen und jemanden ansprechen. Die Kamera selbst ist aber immer aktiv und hat einen sogenannten Puffer: Drückt der Polizist auf den Aufnahmeknopf, werden aus diesem Speicherpuffer der Aufnahme auch die 30 vorangegangenen Sekunden hinzugefügt, allerdings ohne Ton. So soll gesichert werden, dass auch der Grund zu sehen ist, warum die Kameraaufnahme gestartet wurde.

Die Kamera ist in etwa so groß und dick wie ein Finger. Aktiviert wird sie über eine kleine Kontrollbox, die auf Höhe des Brustbeins an der Bekleidung befestigt wird. Am Ende einer Schicht oder gleich nach einem Vorfall steckt der Polizist die Kontrolleinheit auf eine Dockingstation. Dann wird das aufgezeichnete Video bearbeitet und in die Datenbank von Evidence.com hochgeladen, die ebenfalls Taser gehört. Wird ein Video als Beweismittel verwendet, bleibt es ewig in der Datenbank, schreibt The Verge. Andernfalls werde es nach 180 Tagen gelöscht.

Das Ergebnis: In den ersten zwölf Monaten ging die Zahl der Beschwerden von Bürgern gegen Polizisten um 88 Prozent zurück. Während es im Vorjahreszeitraum 24 solcher Beschwerden gab, waren es in der Testphase nur noch drei. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste lautet: Wer weiß, dass er gefilmt wird, weiß auch, wie aussichtslos es ist, in einer Beschwerde falsche oder übertriebene Anschuldigungen gegen die Polizisten vorzubringen. Die Axon-Kamera sei auffällig genug, um von Zivilisten als solche erkannt zu werden, sagte Rialtos Polizeichef William A. Farrar der New York Times.

Wer, zweitens, trotzdem nicht merke, dass ein Einsatz dokumentiert wird, müsse seine Anschuldigungen oftmals zurücknehmen, wenn er auf der Polizeistation das Beweisvideo vorgespielt bekomme, sagte Farrar.

Auch die Zahl der Fälle, in denen Rialtos Polizisten Gewalt anwendeten, ging um knapp 60 Prozent zurück. Die Kamera bewirkt also offenbar, dass die Polizisten sich zurückhalten. Denn sie wissen, dass auch ihr eigenes Verhalten überprüfbar ist.

Zahlreiche Schwachstellen

Bei näherem Hinsehen offenbart das System aber zahlreiche Schwächen. Sie stecken zum einen in der Technik selbst sowie in deren Regulierung. So gehört die Datenbank nicht dem Staat, sondern dem Privatunternehmen Taser. Eine Kontrolle, was mit den Daten geschieht, ist also schwierig. Taser wiederum vertraut auf Amazon, das die Server für Evidence.com zur Verfügung stellt. Das wirft Fragen nach der Zuverlässigkeit des Dienstes auf, wie auch nach der Sicherheit vor einem Zugriff durch Unbefugte. Außerdem gibt es auf nationaler Ebene noch keine Richtlinien zum Einsatz der Technik, sondern nur ein paar Vorschläge. Wann die Kamera laufen muss und wann sie es nicht darf, ist gesetzlich nicht geklärt.

Wichtiger noch – im Sinne von fehleranfälliger – ist die menschliche Seite des Systems. Erstens muss der Polizist die Axon-Kamera auch wirklich wie vorgeschrieben benutzen und schon zu Beginn eines Einsatzes einschalten. Andernfalls wird der Auslöser zum Beispiel für den Einsatz von Gewalt möglicherweise nicht aufgezeichnet. Dann steht, wie gehabt, Aussage gegen Aussage, was in der Regel zum Nachteil des Bürgers ist.