Autocomplete : Google zeigt nur, was wir denken

Der BGH zwingt Google, üble Einträge aus Autocomplete zu löschen. Das ist nachvollziehbar, aber auch seltsam.
Eine Kreidetafel in der Google-Zentrale in Berlin © Adam Berry/Getty Images

Eine der spannendsten, aber auch eine der verwirrendsten Folgen von Werkzeugen wie Foren, Facebook oder Twitter ist es, dass dank ihnen das Denken öffentlich wird. Was sich bisher nur im Kopf abspielte, wird durch sie allen offenbar. Wir können sehen, was andere Menschen glauben und meinen.

Schön ist das oft nicht. Aber ist es gefährlich? Sollte es durch Urteile und Gesetze begrenzt und eingeschränkt werden?

Derzeit stellt sich diese Frage bei Autocomplete, der Funktion der Google-Suche. Sie zeigt, was andere denken.

Das harmlos-weiß schimmernde Fenster der weltgrößten Suchmaschine ist ein Blick in die Seele der Nutzer. Dort geben sie ein, was sie sich wünschen, was sie ersehnen, was sie brauchen, was sie bestätigt oder widerlegt sehen wollen.

Bis 2009 blieb dieser Blick allein Google vorbehalten. Seither kann jeder eine Ahnung davon bekommen, was Leute so über andere Leute denken, was sie wirklich an ihrem Nachbarn und an ihrem Bundespräsidenten interessiert.

Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Denn seit 2009 sammelt Autocomplete Suchphrasen und wertet sie aus. Wenn zehn Suchende in das Fenster "Angela Merkel Wahlprogramm" eingeben, eintausend aber den Term "Angela Merkel FKK", dann merkt Autocomplete sich das. In seiner algorithmischen Dummheit geht das Programm davon aus, dass sich viele Nutzer für den zweiten Ausdruck interessieren. Der nächste Suchende, der den Namen Angela Merkel eingibt, erhält daher als Vorschlag für seine weitere Suche FKK angezeigt.

Google spart damit Zeit und der Nutzer im besten Fall auch. Dass dadurch jeder, der sich für die Bundeskanzlerin interessiert, erfährt, dass viele Menschen die angeblichen FKK-Bilder von ihr sehen wollen, ist eine Nebenwirkung. Die durchaus nützlich sein kann. Und wenn auch nur, um in die Abgründe unserer Gesellschaft zu sehen.

Der Bundesgerichtshof hat nun entschieden, dass niemand diese Nebenwirkung hinnehmen muss. Wenn die Assoziationen, die durch solche vorgeschlagenen Suchwortketten entstehen, als verletzend empfunden werden, muss Google sie löschen.

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Startpage

"Wer also Googles Qualität will, ohne Googles geschnüffel, ist bei Startpage.com genau richtig."

Na ja, aber irgendwie wird Google da auch dahintertstecken, ansonsten würden die das nicht dulden. Wenn ich automatisierte Suchanfragen an google schicke, wird meine IP-Adresse für Anfragen recht schnell von Google gesperrt. Das würden die mit Startpage auch machen, wenn sie nicht mit denen zusammenarbeiten.

Aber vielleicht haben sie das auch schon gemacht, ich bekomme bei Startpage zumindest weitaus weniger (und schlechtere) Suchergebnisse als bei Google direkt.

beruhigterweise

können Sie auch weiterhin Ihre Suchanfragen auch bei Google starten, ohne dass andere, außer vielleicht Google (prinzipiell auch bei Alternativen nicht anders) etwas davon erfährt. Andere sehen das, was sich die Mehrheit so an Gedanken macht.

Prinzipiell hätte man das übrigens auch aus dem Artikel herauslesen können, wenn man das gewollt hätte.

Zur Alternative "Startpage":

Die Seite mag Vor-, vielleicht auch Nachteile haben. Prinzipiell würde ich dies den Nutzern nicht unbedingt auf die Nase binden. Genügend Traffic vorausgesetzt muss auch Startpage Geld machen, sprich unternehmerisch agieren, denn ansonsten würde man am Traffic der User pleite gehen. Insofern ersetzt man das Vertrauen in die eine Firma durch das Vertrauen in eine andere.

Nicht wirklich deutlich

Sie schreiben
"Ich glaube, dass jeder der jetzt wieder 'meckert', es sich verbitten würde, eine üble Nachrede in Verbindung mit seinem eigenen Namen im Internet lesen zu müssen."

Die Autovervollständigung einer Suchmaschine ist doch keine Tatsachenbehauptung (bezogen auf den Inhalt der Suche). Google stellt bloß dar, was häufig gesucht wurde.

Es handelt sich also beim besten Willen nicht um eine üble Nachrede. Wenn ich (wahrheitsgemäß) berichte, dass mich heute schon zahlreiche Leute nach XY gefragt haben, ist das schließlich auch keine üble Nachrede. Völlig unabhängig davon, ob XY nun wahr ist oder nicht.

Wenn Nutzer der Suchmaschine das missverstehen, kann Google wohl kaum dafür verantwortlich gemacht werden. Höchstens könnte über dem Vervollständigungsfenster eingeblendet werden "andere Nutzer suchten nach..." oder so.

Die Information, dass eine Begriffskombination oft gesucht wurde, stellt weder eine Wertung noch eine falsche Behauptung dar und sollte schon deswegen nicht zensiert werden.

.............

"Die Suchmaschine? Dort werden nur Tatsachen (z.B. dass viele Leute nach einer bestimmten Kombination suchen) wiedergegeben."

Die Suchmaschine ist nicht verantwortlich für die üble Nachrede. Tatsächlich ist der Verantwortliche gar nicht ermittlebar. Die übliche Rechtssprechung ist aber, das der Betreiber auf Aufforderung die üble Nachrede zu entfernen hat, ansonsten wird er zum Verantwortlichen.

Es ist vernünftig...

aber nur solange man es nicht selbst in die Öffentlichkeit trägt. Wenn Frau Merkel gerne FFK betreibt und sich öffentlich blicken lässt, dann ist niemand anders schuld als sie selbst.

Wenn Paparazzi einen auf dem eigenem Klo erwischen, dann sollte so etwas entfernt werden.