MustererkennungFür Algorithmen ist jeder verdächtig

Wer nichts zu verbergen hat, muss nichts befürchten? Eine Lüge. Wenn Behörden wie bei Prism in Daten nach Terroristen fahnden, gibt es keine Unschuldigen. Von K. Biermann von 

Überwachungskameras am Flughafen Schönefeld bei Berlin

Überwachungskameras am Flughafen Schönefeld bei Berlin  |  © Marc Tirl/dpa

Im Dezember 2010 wurde ein Student im Regionalexpress von Kassel nach Frankfurt von zwei Bundespolizisten aufgefordert, seinen Ausweis vorzuzeigen. Er weigerte sich, da er annahm, allein wegen seiner schwarzen Haut angesprochen worden zu sein. Zwei Gerichtsverfahren später stand fest, dass er mit dieser Vermutung richtig lag – die Polizisten hatten bei ihrer "verdachtsunabhängigen Kontrolle" gezielt nach Menschen gesucht, die ihnen als Ausländer erschienen waren. Sie arbeiteten nach einem bestimmten Muster.

Die Polizisten sagten im Prozess aus, der Student sei ihnen aufgefallen, weil er dunkle Haut hatte, in einem voll besetzten Zug nicht saß, sondern durch den Gang ging, offensichtlich allein reiste und kein Gepäck besaß. Jedes einzelne dieser Merkmale ist harmlos, unbedeutend. Zusammen aber ergaben sie für die Polizisten das Muster "illegaler Einwanderer". Andere Fakten interessierten die Beamten nicht – nicht sein deutscher Ausweis, nicht sein fehlerfreies Deutsch, nicht sein Auftreten.

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Algorithmen tun genau das Gleiche. Sie durchsuchen große Datenmengen, um darin Beziehungen zwischen einzelnen Merkmalen zu erkennen – Muster. Anschließend werden diese mit anderen, bereits bekannten Mustern verglichen. Filter für Spam-E-Mails funktionieren so, die Buchempfehlungen von Amazon, die Ergebnisse von Google und eben auch die Suche nach potenziellen Verbrechern wie beim Spionagesystem Prism der NSA.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Idee ist alt. In den siebziger Jahren wurde so nach Mitgliedern der RAF gefahndet, seitdem heißt das hierzulande Rasterfahndung. Damals wollten die Ermittler in Erfahrung bringen, ob jemand seine Stromrechnung bar und unter falschem Namen bezahlte – weil sie annahmen, dass sich ein Terrorist, der untergetaucht ist, so verhält. Also wurden die Kundendateien von Stromwerken beschlagnahmt, alle Barzahler herausgesucht und dann mit Melderegistern, Versicherungsunterlagen und anderen Datensätzen verglichen. Namen, die es im Melderegister und an anderen Stellen nicht gab, mussten falsch und die Einzahler damit potenzielle Terroristen sein. Einer wurde tatsächlich auf diese Art entdeckt.

Keine Unschuldsvermutung mehr

Was auf den ersten Blick logisch klingt, birgt zwei Gefahren. Zum einen macht diese Form der Ermittlung jeden zum Verdächtigen. Es gibt keine Unschuld mehr. Selbst berühmte Schauspieler wie der Bollywood-Star Shah Rukh Khan sind nicht davor gefeit, bei der Einreise in die USA allein aufgrund ihrer Hautfarbe stundenlang verhört zu werden.

Der amerikanische Geheimdienst NSA soll alle sechs Stunden so viele Daten speichern, wie in der Library of Congress gesammelt sind, der zweitgrößten Bibliothek der Welt. Das ist allein deswegen besorgniserregend, weil die NSA-Analysten niemandem sagen, wonach sie in diesen Daten eigentlich suchen.

Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten? Nein, das ist eine Lüge. Denn weil die zugrunde liegenden Handlungen so alltäglich und die daraus gewobenen Muster so komplex sind, kann sich niemand dieser Rasterung entziehen. Es ist unmöglich, bewusst friedlich zu leben, um dem Staat und seiner Neugier aus dem Weg zu gehen. An sich harmlose Verhaltensweisen können genügen, um überwacht und verfolgt zu werden. Es reicht, ähnliche Dinge getan zu haben, wie ein Verbrecher. Stundenlange Verhöre sind dann noch eine vergleichsweise harmlose Folge.

Leserkommentare
  1. Das ist einerseits das Problem, aber wenn man dann noch bedenkt, dass Behörden zur selbstbestätigenden Voraussage neigen, werden solche alltägliche Anhaltspunkte obendrein in die "richtige" Form gebracht und dann nützt das beste "Ich hab doch garnix zu verbergen" Theorem nichts, denn dann muss sein was der jeweilige Beamte sich ausgedacht hat. Und Computer agieren da noch sehr viel radikaler, denn die stufen die teilweise konstruierten Algorithmen als absolute Realität ein.

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    Antwort auf "Vollste Zustimmung!"
  2. Das wär doch mal was, nur für 30 Minuten hier in Dt. alle oder die meisten Mobilfunktelefone einfach abstellen, LAN-Stecker ziehen, wie vor 25 Jahren. Würde mich interessieren, wie amüsant das die Behörden finden würden? Der Artikel gibt gut wider, wie kompliziert das Thema ist und wie eindimensional Behörden und Verfechter dieser Dinge hier agieren. Das Algorithmen die Feinsinnigkeit fehlt hier hinreichend beurteilen zu können, würde sogar Homo- Erectus erkennen. Was also soll das Ganze? Im Übrigen die meisten Straftaten, denen unterstellt wird, man könnte sie auf diese Art finden, werden ganz sicher nicht vereitelt. Man stelle sich vor die Mafia oder wer auch immer kommuniziert nur über Mobiltelefone, der irrt, manchmal sind die einfachsten Dinge eben die Besten. Ich denke, das wissen Terroristen auch. Also was soll der ganze Hype? Mir drängt sich der Verdacht auf, das es vielleicht primär gar nicht um solche Dinge geht, wie beschrieben, da terroristische Agitation sicher auch ohne diese Technologien der neueren Zeit auskommt. Aber vielleicht hat man den Rest der Bevölkerung eben damit gut unter Kontrolle und zieht den einen oder anderen "Nebenverdienst" damit heraus. Wäre nicht das erste Mal, das hier solche Kooperationen zw. Staat und privater Wirtschaft stattfinden würde. Man sehe sich dazu nur einmal die Kooperation zw. den großen I-Net Gockeln an und zw. den amerikansichen Nachrichtendiensten. Für die ist das alles sehr schön einträglich.

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  3. Selten einen derart anschaulichen Kommentar zum Thema gelesen. Leider auch ein wenig beunruhigend. Aber die zeitgemäße Protestform besteht ja in Regungslosigkeit.

    Mit unauffälligen Grüßen

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  • Schlagworte Google | Amazon | Kriminalstatistik | NSA | Prism | Algorithmen
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