US-GeheimdienstNSA überwacht Deutschland noch immer wegen 9/11

Für kein europäisches Land interessiert sich die NSA mehr als für Deutschland. Politiker glauben, das liege an der Hamburger Terroristenzelle um Mohammed Atta. von 

Boundless Informant, unbegrenzter Auskunftsgeber, heißt das Analysewerkzeug, mit dem der US-Auslandsgeheimdienst NSA Milliarden abgehörter Kommunikationsdaten filtert. Der Guardian berichtet, dass der Geheimdienst dank Boundless Informant sehen kann, über welches Land er am meisten weiß. Deutschland steht auf dieser Karte weit oben. Nach Ländern wie Pakistan, Afghanistan, China, Ägypten oder Indien kommt dann bald schon Deutschland. Aus keinem anderen europäischen Land saugt die NSA mehr Daten ab als aus Deutschland. Warum?

"Ich finde das nicht so erstaunlich", sagt Wolfgang Wieland, Sicherheitspolitiker der Grünen im Bundestag. In Deutschland hätten die Attentäter des 11. September gelebt, hier gebe es "regen Reiseverkehr von Islamisten", Deutschland sei das stärkste Land in Europa und gleichzeitig eines, das keine Vorratsdatenspeicherung kennt und viel Wert auf Datenschutz lege.

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"Möglicherweise sagen sich die USA, wenn die Deutschen das nicht selber machen und die Daten erheben, dann machen wir es eben", sagte Wieland. Er sehe das eher als ein Kompliment, "dass sie kein Vertrauen in die Überwachungsmaßnahmen hier haben".

Zumindest den ersten Punkt teilen auch andere Sicherheitspolitiker. "Sollte diese Information [des Guardian, Anm.d.Red.] zutreffend sein, kann ich mir das nur so erklären, dass wir hier bittere Erfahrungen mit Terrorismus gemacht haben", sagt Wolfgang Bosbach von der CDU. "In den vergangenen Jahren sind hier acht Anschläge fehlgeschlagen oder vereitelt worden, das bleibt natürlich auch den Amerikanern nicht verborgen."

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ob CDU, SPD, FDP oder Linke, sie alle verweisen auf die Terroristen um Mohammed Atta, die in Hamburg lebten, bevor sie in die USA flogen, um die Flugzeuge zu entführen. Aber genügt dieses Ereignis von vor zwölf Jahren als Erklärung für das nachhaltige Interesse?

Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs und seit Jahren in Sicherheitskreisen unterwegs, hat eine andere Theorie zum Warum. Die Alliierten hätten kompletten Zugriff auf die Kommunikationsstruktur Westdeutschlands gehabt, sagt er. "Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich das geändert hat." Was seine Infrastruktur der Telekommunikation angeht, sei Deutschland "nicht unbedingt ein souveränes Land".

Auch wenn das mit dem Alliierten-Zugriff eher nach Verschwörungstheorie klingt, hat der Punkt souveräne Infrastruktur einen nicht zu unterschätzenden Hintergrund. Facebook, Google, Skype, Twitter – über welchen Anbieter auch immer jemand sich hierzulande im Netz unterhält, es ist häufig ein amerikanischer.

"Sie haben die Server bei sich im Land, sie haben die Möglichkeit dazu", sagt Wieland. Es sei kein Wunder, wenn der Geheimdienst das ausnutze.

Leserkommentare
  1. Ich habe bisher ja nie verstanden, in welchen Spähren unsere herrschende Kaste verweilt. Aber nach Lesen dieses Artikels kann ich verstehen, wie schon es dort sein muss.

    Die Begründung, dass "wir" wegen eines Anschlags allesamt und sonders unter Generalverdacht stehen, ist doch beruhigend.

    Was mich verwundert ist aber: "Deutschland sei das stärkste Land in Europa und gleichzeitig eines, das keine Vorratsdatenspeicherung kennt und viel Wert auf Datenschutz lege. "
    Seit wann haben wir denn keine Datenspeicherung. Gut, das Kind heisst anders, aber sobald irgendwo in Deutschland 3 Kilo Wasserstoffperoxid gebunkert werden kommen die üblichen Verdächtigen aus ihren Löchern und fordenr Generalverdacht für alle.

    Oder Herr Bosbach : "In den vergangenen Jahren sind hier acht Anschläge fehlgeschlagen oder vereitelt worden, das bleibt natürlich auch den Amerikanern nicht verborgen.""

    Gut, wenn man gewillt ist, diese Amateuere als Terroristen zu adeln, kann das ja mit den 8 Anschlägen hinkommen. Allerdings ist die NSU da wesentlich "effektiver" und hat tatsächlich Menschen um ihr Leben gebracht. Wer hört uns denn deswegen ab.

    Sorry, aber so langsam wird Paranoia zur Bürgerpflicht.

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    • oannes
    • 11. Juni 2013 9:10 Uhr

    Wenn "Paranoia zur Bürgerpflicht" wird, geht es mit der Demokratie steil bergab. Ich finde, in den Reihen der uns regierenden Gurkentruppe, sollte man sich mal langsam Gedanken machen, mit welcher Staatsform sie denn selber leben will. Oder haben die das längst, in einem Hinterzimmer, ausgeklüngelt?

    • Karl63
    • 11. Juni 2013 10:13 Uhr

    der vor 4 Jahrzehnten einige höchst brisante Dokumente über die wahren Absichten diverser US-Amerikanischer Regierungen in Vietnam der Öffentlichkeit zugängig machte, bezieht sich bei seiner aktuellen Stellungnahme zu dem Thema auf unsere jüngste Deutsche Vergangenheit:
    "... saving us from the United Stasi of America"
    http://www.guardian.co.uk...
    Dass wir in dieser Republik (zumindest auf dem Papier) solchen Wert auf Datenschutz legen, ist ja nicht der "pure Idealismus", sondern auch dem Umstand geschuldet, nach der Wende wurde so nach und nach publik wie Mielkes Ministerium alles und jeden unter Verdacht gestellt und bespitzelt hat.
    Was die aktuellen Enthüllungen über die Aktivitäten der US-Amerikanischen Geheimdienste (offensichtlich nicht nur die NSA) so befremdlich macht ist doch, in den USA leugnet selbst der Präsident, wie kurz der Weg von totaler Überwachung hin zu totaler Unterdrückung ist.
    Aus hiesiger Sicht wäre noch zu ergänzen, es gibt absolut keine Gewähr dafür, dass Mittel und Wege die ursprünglich zur Abwehr der Aktivitäten von Terroristen konzipiert wurden, nicht früher oder später zur Wirtschaftsspionage eingesetzt werden.

  2. Der Alliierten-Zugriff war ja bis zum 2+4 Vertrag völkerrechtlich quasi in allen wichtigen Fragen vorgesehen und war auch bei alltäglichen Fragen wie z.B. Handelspolitik immer ein unausgesprochener "Trumpf" der Alliierten. Und wenn man sich die militärische Bedeutung Deutschlands anschaut, die Grenze der beiden "Blöcke" des Kalten Kriegs, dann ist klar dass hier massiv überwacht wurde. Und wieso sollte das über Nacht aufhören, "was man hat das hat man". Geheimdienste sind nicht dafür bekannt erlangte Wirkungsbereiche freiwillig wieder aufzugeben. Zumal sich ja auch weitere Vorteile wie Wirtschaftsspionage ergeben, da gibt es ja zahlreiche in Medien publik gemachte Fälle die Industriespionage sehr nahe legen.

    Und heute ist Telekommunikationsüberwachung so einfach wie nie. Telefongespräche werden längst nicht mehr über einzelne Kupferleitungen zwischen den Gesprächspartnern geschaltet, wo man sich komplitziert reinfummeln muss in jede Leitung. Wenn man eine Nummer wählt werden die Audioinformationen längst als Datenpakete über Internetleitungen bis zur jeweiligen Endstelle verschickt und nur auf der "letzten Meile" wieder in altmodische Telefonsignale über eine Kupferleitung verschickt. Ganz abgesehen von den inzwischen noch wichtigeren Kommunikationsmitteln des Internets an sich.

    Die Ironie ist, nichts ist so abhörsicher wie Briefkommunikation. Schon aus praktischen Gründen, da ist keine Massenüberwachung möglich. Hätte ich zwielichtige Kontakte würde ich Briefe schreiben.

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    Nach der 9/11 Terrorattacke verkündete Bush, dass die USA alle Staaten verfolgen werden, die islamistischen Terroristen Unterschlupf bieten. Da steht Deutschland obenan, denn jedes Kind lernt in der Schule, dass die Terroristen aus Deutschland kamen.

  3. Es könnte auch daran liegen, dass es Deutschland wirtschaftlich immer noch so gut geht. Das die NSA auch Wirtschaftsspionage betreibt, wird ja schon länger (zumindest) vermutet.

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    Mit dem "Patriot-Act" hatte man endlich die Begründung für eine weltumfassende Spionagetätigkeit gegen die kaum jemand ein vernünftiges Argument vorbringen konnte. So war jedenfalls die Auffassung GWB und seinen Auftraggebern. Vorher gab es sie zwar auch, jetzt wurde sie aber deutlich effektiver. Und wenn nicht spätestens jetzt die Alarmglocken auch beim letzten verantwortlichen Manager läuten, dann haben sie/wir es nicht besser verdient.
    Alles ab in die Cloud! Was für ein Schwachsinn für Firmen. Das ist wie Eigentumsaufgabe. Aber die anderen Lösungen scheinen zu aufwändig und zu teuer.

    Die USA betreiben fleissig Wirtschaftsspionage in Europa und vor allem in Deutschland.
    Es ist zumindest naheliegend, dass dabei auch auf das knowhow der NSA zurückgegriffen wird.

    Und die nachrichtendienstle Überwachung gibt es auch schon seit dem Ende des 2. Weltkrieges .....

    "Das die NSA auch Wirtschaftsspionage betreibt, wird ja schon länger (zumindest) vermutet."

    Das die USA Wirtschaftsspionage betreibt wird ja zugegeben, es ist Pflicht auch der Botschaftangehoerigen US Unternehmen zu unterstuetzen auch mit illegalen Mittlen (Enercon). Frankreich ist in Deutschlaned die Nummer 1 in diesen Bereich, gibt es natuerlich nicht zu und wir (Medien) scheinen diese Thema zu ignorieren - halt unter Freunden.

    PS Die NSA weiss dann auch lange vor anderen ob sich Unternehmenwerte (Boesenrelevantedaten) hoch oder runter bewegen, und sollte lange vor der Publikation schon die Ratings kennen - ein Schelm wer....

    „Wegen des Einsatzes zur Wirtschaftsspionage gegen europäische Unternehmen wurde eine bedeutende Anlage der amerikanischen NSA im bayerischen Bad Aibling auf Empfehlung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Jahr 2004 geschlossen.“

    https://de.wikipedia.org/...

  4. was in diesem Land als Verschwörungstheorie gilt. Zahlreiche Historiker, die sich mit der jungen Bundesrepublik beschäftigen, haben genau das bestätigt. Die Alliierten hatten Briefe geöffnet, Telefongespräche belauscht, usw. Man sollte sich von dem Gedanken lössen, dass das alleine die Sowjets machten, sondern auch unsere Freunde aus den USA, UK und Frankreich.
    Dass die Westalliierten mit dem Jahr 1990 damit aufhörten ist eine nette Wunschvorstellung, aber keine Realität. Interessant dürfte sein, wen unsere Verbündeten so belauschten und heute noch belauschen. Natürlich Politiker, mit absoluter Sicherheit auch Wirtschaftsgrößen, Wissenschaftler,etc. Wenn die westlichen Alliierten so ein Instrument haben, dann nutzen sie das auch aus. Daher halte ich den 11. September für ein vorgeschobenes Argument. Es geht hier eher um ökonomische, politische und wissenschaftliche Vorteile, die man durch das Abhören gewinnen kann. So sehe ich das.

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    gilt alles als Verschwörungstheorie, das nicht in den letzten 3 Wochen zwischen 20:00 und 20:15 bei der ARD lief.

  5. im Land, das Gold lagert vollkommen freiwillig in New York, man wird am stärksten abgehört... da muss man jetzt natürlich keinen Zusammenhang sehen. ;)

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    • oannes
    • 11. Juni 2013 9:10 Uhr

    Wenn "Paranoia zur Bürgerpflicht" wird, geht es mit der Demokratie steil bergab. Ich finde, in den Reihen der uns regierenden Gurkentruppe, sollte man sich mal langsam Gedanken machen, mit welcher Staatsform sie denn selber leben will. Oder haben die das längst, in einem Hinterzimmer, ausgeklüngelt?

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    • aram62
    • 11. Juni 2013 9:26 Uhr

    Man muss sich fragen, ob die Datensammelwut der Sicherheitsbehörden sich nicht schon längst verselbständigt hat. Ab einer bestimmten Datenmenge scheint der Informationsgehalt gegen Null zu gehen, weil man das gesammelte Material gar nicht mehr sinnvoll auswerten kann. Auch die ausgeklügeltste Software kann offenbar nicht verhindern, dass dem System durchaus bekannte Verdächtige Anschläge verüben wie etwa in Boston. Die technischen Möglichkeiten der Überwachung mögen unbegrenzt sein, die Möglichkeiten von Menschen, die gelieferten Ergebnisse in zielgerichtete Handlungen umzusetzen, sind es offensichtlich nicht.

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    • Mari o
    • 11. Juni 2013 9:39 Uhr

    Eine elekronische Form von Messie-Syndrom
    Speicherplatz,das größte Problem von analogen Messies,gibt´s ja im cyberspace nicht.
    Wir brauchen mehr Psychotherapeuten

    stark interesssiert, wenn ich hier etwas Us-kritisches schreibe. Dafür bin ich zu unwichtig. Aber speichern wird er es, das könnte ja mal wichtig werden.

    Anders sieht es z. B. bei unseren Politikern aus. Jeder Geheimdienst wäre blöd, wenn er nicht ab und zu von den entsprechenden Personen Erkenntnisse zusammenfasst. Da bleibt mit Sicherheit viel hängen, so naiv wie diese Leute die digitale Welt in der Regel sehen. Eine Mail an eine Freundin, eine telefonisch an die Polizei weiter gegebene Anweisung. Reine Spekulation, aber die Hälfte aller Abgeordneten dürfte leicht erpressbar sein.
    30% aller Abegeordneter sind Beamte
    78 Rechtsanwälte
    50 % potentielle amerikanische schlafende Agenten (Spekulation).
    Nur 1,5% sind konfessionslos bei einem Bevökerungsstand von ca. 30%
    x% sind Lobbyhörig.

    Wie soll bei solchen Konstellationen Volksvertretung funktionieren. Die Einzigen die bei solchen Missständen aufgrund organisatorische Gegebenheiten etwas ändern könnten sind die Piraten.
    Hat man schon in der Presse auch nur eine Stellungnahme von denen veröffentlicht. Ich bin kein Wähler der Piraten .... sollte es aber vielleicht werden.

  6. gilt alles als Verschwörungstheorie, das nicht in den letzten 3 Wochen zwischen 20:00 und 20:15 bei der ARD lief.

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    Stellen Sie sich vor die Götter hätten die Zeitungen nach 2011 gelesen , und die Kommentaren über die "Pleiten Griechen " gelesen . Woher kommt sonst soviel Wasser her ?

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