Prism-LeakEin Held, ein Staatsfeind, ein Mann voller Rätsel

Edward Snowden spaltet die USA: Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Verräter. Das Verhalten des 29-Jährigen wirft Fragen auf. von Sabine Muscat

Für die einen ist er ein selbstloser Aufklärer, für die anderen ein zynischer Verräter, ein irregeleiteter Narziss: Edward Snowden. Der junge Mann, der das Spionageprogramm Prism des Geheimdienstes National Security Agency (NSA) entlarvte, spaltet die öffentliche Meinung in den USA.

Während Kongressmitglieder beider Parteien nach dem starken Staat rufen – der Republikaner Peter King verurteilt ihn als "Deserteur", die demokratische Senatorin Dianne Feinstein seine Tat als "Hochverrat" –, wird er in der Blogosphäre und auf Twitter als "nationaler Held" gefeiert. Zudem fordert eine öffentliche Petition auf der Internetseite des Weißen Hauses Snowdens bedingungslose Begnadigung. Bis zum Montagabend hatten mehr als 30.000 Sympathisanten unterzeichnet.

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Den meisten Beifall bekommt der 29-Jährige in dem politischen Spektrum, in dem sich die politische Linke mit dem rechten Rand überschneidet. Der gemeinsame Feind dieser ungleichen Verbündeten ist ein aufgeblähter Staat, der sich schamlos ins Leben seiner Bürger und in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt, indem er Steuern erhebt, Kriege führt – und spioniert.

Wahlkampfspende an Paul

Snowden selbst soll diesem libertären Lager anhängen. Laut US-Medienberichten spendete er im Wahlkampf 2012 zwei Mal 250 Dollar für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul. Der 77-Jährige galt in den Wahlkämpfen 2008 und 2012 zwar als chancenlos. Mit seiner Kritik an den Kriegen der USA sowie am übermächtigen Establishment in Washington sammelte er viele junge Wähler, vor allem viele enttäuschte Obama-Wähler, hinter sich. Zu denen gehörte offenbar auch Snowden. "Ich habe an Obamas Versprechen geglaubt", sagte er dem Guardian. Er habe gehofft, dass Obama die Regierung transparenter machen würde. Aber: "Er hat die Politik seines Vorgängers fortgesetzt."

Am Montag schaltete sich nun auch Ron Paul in die Debatte ein. Snowden und der Guardian-Journalist Glenn Greenwald, der die Geschichte zuerst veröffentlichte, hätten dem "amerikanischen Volk einen großen Dienst" erwiesen, hieß es in einer Erklärung des Politikers. Beide hätten die "Wahrheit" darüber offengelegt, "was unsere Regierung im Geheimen tut".

"Ein grandioser Narziss"

Andere sind in ihrem Urteil weniger pathetisch. Der New Yorker-Korrespondent und CNN-Kommentator Jeffrey Toobin begrüßte zwar die öffentliche Debatte über die NSA-Praktiken, verwies aber darauf, dass sich Snowden strafbar gemacht habe. Als Inhaber einer sogenannten security clearance, die ihm Zugang zu klassifizierten Dokumenten gewährt, habe er unter Eid geschworen, nicht über seine Arbeit zu sprechen. Somit habe der IT-Spezialist ein Verbrechen begangen, und eben nicht die Regierung, deren Programm legal autorisiert gewesen sei.

Für Toobin ist der junge Mann aus North Carolina "ein grandioser Narziss, der es verdient, im Gefängnis zu sitzen". Für Snowden habe es andere, interne Kanäle gegeben, um seine Zweifel an der Praxis zu Gehör zu bringen. Im Endeffekt habe er sogar weniger Verantwortungsbewusstsein bewiesen als die beiden Zeitungen, denen er seine Informationen anbot. So habe die Washington Post von der ursprünglichen Präsentation des Prism-Programms nur einen sehr kleinen Teil veröffentlicht.

Ausgerechnet nach Hongkong

Für Irritation sorgt auch Snowdens Flucht nach Hongkong, begibt er sich damit doch ausgerechnet in die Gewalt eines Staats, der für Internetzensur und Cyberspionage berüchtigt ist. So genießt die frühere britische Kronkolonie zwar ein gewisses Maß an Autonomie vom Festland und damit von der chinesischen Regierung, aber in diesem brisanten Fall liegt Snowdens Schicksal in Pekings Hand. Politiker und Geheimdienstexperten befürchten, dass China die Situation ausnutzen und Snowden über die Geheimnisse des globalen Rivalen ausforschen könnte.

Wenn er überhaupt noch in Hongkong ist. Das Mira-Hotel, wo er sich in den letzten Wochen verschanzt hatte, soll Snowden inzwischen verlassen haben. Derweil bereitet das Justizministerium in Washington eine Anklage und somit die Basis für einen Auslieferungsantrag vor: Für die Obama-Regierung bleibt Snowden ein Staatsfeind erster Güte.


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Leserkommentare
    • Mari o
    • 11. Juni 2013 9:01 Uhr

    banal gesagt:er kommt vom Regen(USA) in die Traufe(China)
    wohin sollte er fliehen?
    Es gibt kein Loch mehr in dem er sich verkriechen könnte.
    Die Welt ist nur noch eine unheimliche.

    13 Leserempfehlungen
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    Tja, wer auf der Flucht vor dem Welthegemon ist, muss sich bescheiden. Vielleicht findet sich noch ein Plätzchen in einer ecuadorianischen Botschaft.

    >> Die Welt ist nur noch eine unheimliche. <<

    ... in ihrer Un-Heimlichkeit. Ihre Aussage gilt im doppelten Wortsinn.

    Die Politik schafft den transparenten Bürger und verwehrt diesem Transparenz in politischen Entscheidungen.

    Die Methoden sind bekannt, und sie haben einen Namen.

    Na klar die Globalisierung, die Macht um die Weltherrschaft, denn heute kann man wissen wer wo wann auf einer Toilette
    seine Notdurft verrichten muss, wenn das Handy dabei ist.
    Tolle Zeiten, aber nicht für Normalbürger, sondern für die
    5 %, die den Globus und damit die Finanzwelt beherrschen.
    Ich dachte die Sklaverei ist beendet, aber so werden die
    restlichen 95 % wieder zu Sklaven, beobachtet und unterjocht.
    Es wird sich gewiss ändern.

  1. um den Ruf und die Ehre dieses Mannes nachhaltigst zu beschädigen.

    Er wird jedenfalls enthaltsam leben müssen. Assanges Schicksal sei ihm eine eindringliche Mahnung.

    26 Leserempfehlungen
  2. "Das Mira-Hotel, wo er sich in den letzten Wochen verschanzt hatte" Wie hat er sich dort verschanzt? Sandsäcke vor der Tür? Sorry, das ist BILD Niveau.
    Wird Zeit die Zeit aus den Bookmarks zu löschen.

    32 Leserempfehlungen
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    • 29C3
    • 11. Juni 2013 11:21 Uhr

    Das Hamburger Vor-Bild bleibt eben Vorbild, auch was die Titelkunst, die Auswahl der Bilder und die angebliche Seriosität angeht.

    • memoe
    • 11. Juni 2013 13:48 Uhr

    Gestern fand man den Skandal der die westlichen Werte bis ins Mark erschüttert unter "Digitales", heute gibt sich die ZEIT als Sprachrohr der Amis her (Amerikaner/Europa/Deutschland=alles die gleiche Linie), und macht mit bei der Schmutzpresse gegen einen integren Mann, der einfach nur die Wahrheit sagt.

    Die ZEIT ist bei mir mit dieser Berichterstattung endgültig unten durch, und nun ist die suedeutsche die neue Startseite. Einen Versuch ist es wert. Die sueddeutsche ordnet die Enthüllungen wenigstens als das ein, was sie sind: ein Skandal für den Westen!

  3. Mr Snowden hat sich meines Erachtens nach richtig verhalten, Zivilcourage in höchtem Maß bewiesen und gehört nicht (Straf)Verfolgt, sondern in ein Amt, da er in einem Maße Integer ist, wie man es nur sehr selten erlebt.

    In einer Folge der SciFi Serie "Star Trek - TNG" heiß es mal: "‘Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt’.

    Auf unsere und Mr. Snowden's Situation übertragen gewinenn diese Worte einen neuen Maßstab.
    Ich sagte es schon und bleibe dabei: Ich würde Mr. Snowden sofort mein Gästezimmer anbieten.

    39 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt, bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Danke, die Redaktion/se

    27 Leserempfehlungen
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    ...wird das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat."
    George Orwell

    Einen Kommentar kann man löschen. Die Wahrheit nicht.;)

  5. "Narziss", nicht "Narzisst"

    5 Leserempfehlungen
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    Öhm, Nein!

    Narziss ist zwar der Name der Figur aus der griechischen Mythologie (Sohn des Flussgottes Kephissos und Leiriope, hat sich in sein Spiegelbild verliebt), ein narzisstischer Mensch ist aber ein Narzisst. Mit "t" am Ende.

    *rotwerd* danke. dumm gelaufen...

    Redaktion

    Vielen Dank für Ihre Anmerkung. Wir haben es nun geändert.

    Redaktion

    Noch ein Nachtrag:
    Der Duden macht folgenden Unterschied: “Narzisst”: jemand, der [erotisch] nur auf sich selbst bezogen ist; “Narziss”: ganz auf sich selbst bezogener Mensch, der sich selbst bewundert und liebt

  6. Es kann ja nicht sein, dass sich ein Bürger der USA gegen diesen autoritären Staat wehrt.

    Da es an den Fakten nichts zu deuten gibt, wird er jetzt mit Dreck beworfen und diffamiert - und die Zeit verbreitet es kritiklos.

    Das ein Amerikaner sich genötigt fühlt nach China zu fliehen, ist eine unglaubliche Blamage für die USA und für den gesamten Westen!

    Was braucht es denn noch, um zu zeigen wie beschissen es um die Bürgerrechte bei uns steht?

    Sollte er sich lieber Jahre lang foltern lassen wie Bradley Manning?

    Ich schließe mich dem Kommentar der nachdenkseiten an:

    "Es ist sehr erfreulich, dass es noch Menschen gibt, die die demokratischen Werte auch dann gegen einen immer autoritärer werdenden Staat verteidigen, wenn sie sich selbst dadurch in höchste Gefahr bringen. Ich ziehe den Hut vor Menschen wie Edward Snowden und wünsche ihm, dass er schon bald ein angenehemes Land finden, dass ihm Asyl gewährt."
    http://www.nachdenkseiten...

    44 Leserempfehlungen
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    Ich schließe mich dem ebenfalls an.
    Sie schreiben "Da es an den Fakten nichts zu deuten gibt, wird er jetzt mit Dreck beworfen und diffamiert " - ist dies nicht vielleicht auch gägnige Praxis? Wenn man den guten Ruf des Mannes zerstört, wird ihm keiner mehr zuhören und Glauben schenken. Siehe auch am Beispiel Assange ...

    Haben Sie (alle) mal den Film "Staatsfeind Nr 1" mit Gene Hackman und Will Smith gesehen? Das wird dort sehr anschaulich dargestellt.

    Wir sollten in den kommenden Tagen sehr genau und kritisch (!) darauf achten, was wo und wie in Bezug auf Mr Snowden berichtet wird....

    Oder, wie es so schön in Dan Browns Inferno steht: Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.

    Die größte Blamage für den angeblich "freien Westen" ist doch die Tatsache, daß er in China bzw. Honkong Asyl sucht.

    Vielleicht bin ich hier in der falschen Zeitung für so was, aber ich fände es interessant mal auf der ersten Seite einen Artikel über die hypothetische Frage, ob der Mann in der BRD wohl Asyl gewährt bekäme, zu lesen.

    Mit direkten Fragen an Damen und Herren Politiker, wie sie persönlich dazu stehen...

    ---

    Danke, Mr. Snowden, und viel Glück! Sie werden es brauchen!

  7. als US Amerikaner, hat er sich in ein Land begeben welches a) keine wirtschaftlichen Sanktionen durch die USA fuerchten muss, b) den USA gerne eine Retourkutsche vorfahren wird, da diese ihrerseits wiederholt auf die Missstaende in China hinweisst (vor allem die Missachtung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit)...

    Brilliant move on his part!!!

    17 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Edward Snowden | Glenn Greenwald | NSA | Prism | Präsidentschaftskandidat | Washington D.C.
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