Edward Snowden"Die politische Kontrolle der Überwacher ist wirkungslos"

Die NSA belüge die Öffentlichkeit und tue, was sie wolle, sagt der Whistleblower Snowden. Im Chat beim "Guardian" berichtet er, dass niemand die Überwacher überwacht. von 

Ein Banner in Hongkong demonstriert Solidarität mit Edward Snowden.

Ein Banner in Hongkong demonstriert Solidarität mit Edward Snowden.  |  © PHILIPPE LOPEZ/AFP/Getty Images

Die Überwacher von NSA, FBI, CIA und DIA sehen fast alles, was sie sehen wollen. Es gibt zu wenig Schutz gegen sie, weil die politische Kontrolle schlampig ist und zu wenige Menschen ihre Inhalte verschlüsseln. So lässt sich zusammenfassen, was Edward Snowden am Montagabend in einem Livechat beim Guardian erzählte. Snowden, inzwischen weltweit bekannt, weil er das Spionagesystem Prism der NSA öffentlich gemacht hat, beantwortete zweieinhalb Stunden lang Fragen zu seiner Arbeit und seinen Erfahrungen mit dem Geheimdienst.

Vor allem wurde er gefragt, wie die Überwachung genau funktioniert. Immerhin hatte er in einem früheren Interview gesagt, er hätte von seinem Arbeitsplatz aus jeden ausspähen können, im Zweifel auch den Präsidenten der USA. Er stehe weiter zu dieser Aussage, schrieb Snowden. Wenn ein Analyst von der NSA, vom FBI, der CIA oder der Drogenfahndung DIA Zugang zu Datenbanken habe, die Rohdaten von Kommunikationsvorgängen sammeln (raw SIGINT databases), "dann kann er ein Schlagwort eingeben und bekommt Ergebnisse für alles, was er will: Telefonnummer, E-Mail, Nutzer-ID, Gerätenummer des Mobiltelefons (IMEI) und so weiter."

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Zwar gebe es Beschränkungen für solche Abfragen, schrieb Snowden. Voraussetzung ist ein vorliegender Beschluss des Foreign Intelligence Surveillance Court (Fisc). Man dürfe aber einen solchen Gerichtsbeschluss nicht mit den Gerichtsbeschlüssen vergleichen, die die Polizei brauche, um beispielsweise eine Wohnung durchsuchen zu können. Die Geheimdienste würden vorgefertigte Formulare ausfüllen und an den Richter ihres Vertrauens schicken, der diese dann einfach abstempele. Die politische Kontrolle sei daher nur stichprobenartig und unvollständig.

Snowden beschrieb auch, dass die bestehenden juristischen Grenzen mit vorgeschobenen Begründungen umgangen und ausgehebelt würden, um mehr Daten zu bekommen. Mitunter genüge statt eines Gerichtsbeschlusses auch die Einschätzung eines Analysten, dass eine Überwachung notwendig sei.

Zufällige Datensammlung?

Kontrolle durch die Politik sei damit praktisch nicht vorhanden, schrieb Snowden. Die technische Kontrolle der Überwachungssysteme sei, sofern überhaupt vorhanden, ebenfalls wirkungslos. An den Datenansaugstellen (ingestion points) etwa befänden sich Filter, um zu verhindern, dass die Kommunikation von Amerikanern abgehört wird, was laut Verfassung verboten ist. Diese Filter aber seien "ständig veraltet, ihre Maschen so weit wie nur irgend möglich eingestellt und sie können jederzeit ganz abgeschaltet werden".

Die Folge sei, dass die Kommunikation amerikanischer Bürger tagtäglich gesammelt und ausgewertet werde. "Als Entschuldigung wird angeführt, dass diese Sammlung nur 'zufällig' geschieht, aber letztendlich hat jemand bei der NSA damit den Inhalt deiner Kommunikation."

Mit Inhalt meine er auch den Inhalt, schrieb Snowden: "Wenn ich zum Beispiel eine bestimmte E-Mail-Adresse beobachte, beispielsweise nach Abschnitt 702 des Fisa Amendment Acts, und von dieser Mailadresse wird etwas an Sie, Joe America, geschickt, dann bekommt der Analyst das. Alles: IP-Adressen, Rohdaten, Inhalt, Header, Anhänge, alles."

Leserkommentare
  1. Barack "Yes we scan" Obama:

    “What I can say unequivocally is that if you are a U.S. person, the NSA cannot listen to your telephone calls, and the NSA cannot target your emails … and have not.”

    Wirklich?

    "The National Security Agency has acknowledged in a new classified briefing that it does not need court authorization to listen to domestic phone calls, a participant said. Rep. Jerrold Nadler, a New York Democrat, disclosed on Thursday that during a secret briefing to members of Congress, he was told that the contents of a phone call could be accessed "simply based on an analyst deciding that."If the NSA wants "to listen to the phone," an analyst's decision is sufficient, without any other legal authorization required, Nadler said he learned. "I was rather startled," said Nadler, an attorney and congressman who serves on the House Judiciary committee."

    http://news.cnet.com/8301...

    Oder der Darstellung des NSA-Whistleblowers Binney:

    ” They’re eating crow right now. Those are lies. Those are just outright lies. Obviously they are, with that court order. They’re scooping up the metadata of everything, and the PRISM program is a scoop up of actual content. Emails, video, photographs, all of that—that’s content. So they’re collecting all of it, and it’s a big vacuum. So you know, those are just outright lies.”

    http://www.businessinside...

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    Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. PRISM: NSA hört Telefone ohne richterlichen Beschluss ab:

    https://netzpolitik.org/2...

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  3. "Ein Rechtsstaat ist ein Staat, dessen konstituierte Staatsgewalten rechtlich gebunden sind und der damit in seinem Handeln durch Recht begrenzt wird, um die Freiheit des Einzelnen zu sichern."

    Das scheint in den USA nichtmehr vorzuliegen.

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    Welche Hoffnung haben auch wir Europäer nach dem Cowboy-Präsidenten George W. in den neuen Präsidenten Obama gesetzt. Wir hofften auf eine Politik, bei der die Völker auf Augenhöhe mit dem mächtigen Amerika verhandeln können, wo es nach Recht und Gesetz zugeht, sowohl völkerrechtlich als auch im Privaten. Leider ist nach Bush nichts besser geworden.
    Mir wird immer klarer, dass auch Obama als Strohmann der weltumspannenden Konzerne agiert, die sich nicht um Recht und Gerechtigkeit scheren:

    z. B. Monsanto-Schutzgesetz:
    http://www.suedtirolnews....
    z. B. NSA-Abhöraffäre
    z. B. die riskanten Methoden (Fracking, Tiefseebohrung) der Öl- und Gasexploration

    Was glauben die Zeit-Online-Leser, was nach der Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens zwischen der EU-Kommission und den USA passiert? Meines Erachtens wird dann alles, was die USA an Gemeinheiten in der Welt anstellen auch hier durchgewunken. Unsere etablierten Großparteien in Deutschland halte ich in diesem Zusammenhang für "lame ducks", als Parteigänger der von amerikanischen Großkonzernen und ihrer dahinter stehenden Milliardärs-Clique bestimmten Wachstumsideologie ohne Skrupel. Deshalb gilt es als mündiger Bürger bei den nächsten Wahlen mehr denn je zu hinterfragen, wohin die Reise mit diesen Parteien geht. Ich jedenfalls werde die kleinen Oppositionsparteien unterstützen. Schon allein deshalb, damit wir auch morgen noch sagen dürfen, was wahr ist.

  4. Verschlüsselung alleine genügt nicht. Man muss wohl davon ausgehen, dass eine Behörde mit der personellen und finanziellen Ausstattung der NSA in der Lage ist, 0-Day-Exploits, also bisher undokumentierte Sicherheitslücken, nicht nur in allen gängigen Betriebssystemen aufzudecken, OSX und Linux eingeschlossen, sondern auch in den Firmwares und den BIOSen. Damit ließen sich womöglich Tastatureingaben direkt mitlesen, noch bevor die Nachricht verschlüsselt wird. Ein Internetnutzer mit paranoiden Anlagen müsste folglich Verschlüsselung und Versand auf verschiedenen Rechnern durchführen. Der verschlüsselnde Rechner sollte neu aufgesetzt und permanent vom Internet getrennt sein, und für das Verschicken der Nachrichten müssten Maßnahmen zur Anonymisierung getroffen werden... das Wechseln von Internetcafes in einem großen Ballungsraum könnte in Verbindung mit einem Software-Tool wie Tor (läuft vom USB-Stick) und anonymen Email-Briefkästen eventuell ein hinreichendes Maß an Anonymität gewährleisten. Außerdem bräuchte man für jede Nachricht einen "frischen" USB-Stick, da bereits benutzte Sticks Viren oder eine kompromittierte Firmware enthalten könnten.

    Alles in allem: Lernen von Osama bin Laden...

  5. Die Verschlüsselung von Emails und anderen Inhalten würde aber gleichwohl einiges an Sand ins System streuen, auch ohne weitere, flankierende Maßnahmen.
    Bei allem Respekt vor den Kapazitäten der NSA darf man wohl annehmen, dass diese (noch) nicht ausreichen, um sich jedem einzelnen Computer en detail zu widmen.

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    Am schwersten zu knacken ist eine Verschlüsselung, die gar keinen semantischen Inhalt enthält. Wenn man die Lauscher (NSA oder wen auch immer) gut beschäftigen möchte.
    Man nehme: einen Zufallszahlengenerator, und lasse N (>= 1024) Zufallszahlen zwischen 0 und 255 (passen je in ein Byte) erzeugen.
    Man verpacke diese noch hübsch auf das Transportfertigste mit base64.

    • vyras
    • 18. Juni 2013 17:26 Uhr

    Zitat:"Man dürfe aber einen solchen Gerichtsbeschluss nicht mit den Gerichtsbeschlüssen vergleichen, die die Polizei brauche, um beispielsweise eine Wohnung durchsuchen zu können. Die Geheimdienste würden vorgefertigte Formulare ausfüllen und an den Richter ihres Vertrauens schicken, der diese dann einfach abstempele." Zitatende.

    Ich glaube, man täte gut daran, sich den vielgerühmten "Richtervorbehalt", der in der öffentlichen Diskussion bzgl. Überwachung von interessierter Seite gerne als angebliches Bollwerk gegen zuviel staatliche Ausforschung gebracht wird, nicht wesentlich anders vorzustellen.

    Nicht weil die betreffenden Richter "böse" oder gewissenlos wären, sondern weil es faktisch unmöglich ist, solche Anträge von staatlichen Behörden wirklich inhaltlich zu prüfen. Stempel drauf, los geht´s, das ist zumeist die Realität.

    3 Leserempfehlungen
  6. Wenn sich eine Demokratie gegen seine eigenen Bürger richtet heißt das nichts anderes als:

    Es ist bald vorbei!

    Das letzte Beispiel in unserem Kulturraum war die DDR. Seltsam ist nur, dass diesmal ein Staat/Wirtschaft der Urheber ist, der eigentlich als "Paradebeispiel der Freiheit durch Gesetze" gelten kann.
    Goethe hat gesagt: "Nur das Gesetz kann uns Freiheit geben". Nun wollen die USA ihre fakitsch durch Willkür schützen. Alles blabla um irgendwelche Kongress-Sitzungen öffentlich oder geheim, feiste Äußerungen unserer EIGENEN Minister- EGAL: Logisch ist für mich nur die komplette Datensammlung von uns allen.

    Frage: Wieso sollte sowas jemand machen?
    Die Antwort: Wirtschaftliche Interessen! Aufklärung/Wissen über eventuelle Konkurrenz ist essentiell wichtig, um in Zeiten des gnadenlosen Wachstums nicht verdrängt zu werden oder auch nur einen kleinen Teil des Kuchens abzugeben. Auch diplomatische Absichten von "Partnern(???)" müssen aufgeklärt werden, um sie sich selbst zu Nutzen zu machen.

    Die Schulden hungern nach neuem Geld! MIttlerweile ist es egal von wem es kommt! Und mit der Zeit noch egaler...

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  7. Wenn man bedenkt das die USA aus der Tatsache entstanden, weil sie sich gegen die Überwachung und Bevormundung der britischen Kolonisatoren wehrten ist die momentane Praktik in den USA ein ganz schlechter Scherz, und überhaupt nicht im Sinne der Gründerväter Benjamin Franklin, Thomas Jefferson und co.

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