DatensparsamkeitWer nicht belauscht werden will, sollte nicht überall reden

Das Internet wird überwacht, politische Proteste allein werden dagegen wenig nutzen. Wer dem entgehen will, muss sich selber schützen, kommentiert Ludwig Greven. von 

Nicht nur die US-Regierung sammelt und speichert im gigantischen Umfang Daten. Die britischen Behörden tun es offenbar in noch umfassenderem Maße. Und auch der Bundesnachrichtendienst und die Dienste anderer Staaten, davon ist auszugehen, zapfen im Namen der Sicherheit das World Wide Web fleißig an. Niemand kann sich sicher sein, dass seine E-Mails, Tweets, Facebook-Einträge oder sein Computer vor amtlichen Spähern sicher sind. 

Zu Recht wird weltweit gegen diese Überwachung protestiert. Denn auch wenn das Anliegen legitim sein mag, Terrorverdächtigen im Internet auf die Spur zu kommen, so hat doch jeder Bürger in einer Demokratie das Recht, ohne staatliche Überwachung mit anderen kommunizieren zu können und seine Daten für sich zu behalten. 

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Dass die gigantischen Observationsprogramme bislang allesamt geheim blieben und offensichtlich keiner wirksamen rechtsstaatlichen Kontrolle unterliegen, zeigt, dass sich die jeweiligen Behörden und Regierungen sehr wohl bewusst sind, gegen dieses Grundrecht zu verstoßen.

Ludwig Greven
Ludwig Greven

ist Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Zu glauben, dass die öffentlichen Proteste an der Kontroll- und Datensammelwut der Sicherheitsbehörden daran grundlegend etwas ändern werden, ist weltfremd. Die Verantwortlichen handeln in der Regel nach dem Denkmuster: Je mehr wir über die Bürger, deren Absichten und Kontakte wissen, desto besser können wir Gefahren vorbeugen und Risiken vermeiden. An Gesetze und Kontrollpflichten halten sich staatliche Daten-Späher dabei nur, wenn sie unbedingt müssen. Der Zweck heiligt nach Ansicht vieler Sicherheitspolitiker die Mittel.

Schutz gegen die staatliche Allmacht im Netz zu fordern, ist richtig, wird vermutlich aber wenig bewirken. Vielmehr darf man getrost davon ausgehen: Was technisch möglich ist, wird von staatlichen Kontrolleuren auch gemacht.  

Was nicht da ist, kann nicht gespeichert werden

Verschlüsselungsprogramme oder andere Verfahren, um seine Spuren im Internet zu verwischen, können zwar etwas helfen. Doch wer so etwas nutzt, macht die Überwacher erst recht scharf und sich verdächtig – verschlüsselte Kommunikation wird von ihnen grundsätzlich gespeichert, denn vielleicht kann man sie ja später knacken.

Wer sich und seine Daten schützen möchte, sollte sich dessen immer bewusst und auf der Hut sein. Big Brother wacht überall, der Staat liest und hört im Zweifel immer mit. Wer private Dinge privat halten will, sollte sie daher nur selten oder gar nicht preisgeben und gegebenenfalls auf Internet oder Telefon verzichten. Datensparsamkeit ist immer noch eines der besten Mittel des Datenschutzes – was nicht da ist, kann nicht gespeichert und durchsucht werden.

Edward Snowden

Edward Snowden war Systemadministrator, angestellt bei einer privaten Firma und von dieser an den amerikanischen Geheimdienst NSA ausgeliehen. In dieser Position sah er viel und was er sah, beunruhigte ihn. Mehr als 50.000 Dokumente soll er von den Servern der NSA heruntergeladen haben. Im Juni 2013 begann er, der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, wie sie im Internet überwacht und ausgespäht wird. 2013 erhielt er vorläufiges Asyl in Russland.

Die Enthüllungen

Ein Überblick über die Enthüllungen, die Snowden mithilfe mehrerer Medien ermöglichte:

Und wie sie bewertet werden

Die Dinge, die Snowden dem britischen Guardian und der amerikanischen Washington Post berichtete, dürften der bislang größte Leak im Geheimdienstsektor sein. Sie haben eine Debatte um die Rolle von Whistleblowern und um die Kontrolle von Geheimdiensten ausgelöst. Ein Überblick der Meinungen und Kommentare dazu:

In der DDR gingen Menschen, die sich unbeobachtet von der Stasi unterhalten wollten, in den Wald oder in einen Park und sprachen unter vier Augen miteinander. Wer heute unbeobachtet bleiben möchte, sollte vielleicht nicht im Internet miteinander reden.

Datenschutz fängt bei jedem selbst an. Ob gegenüber staatlichen Spähprogrammen oder gegenüber Datenkraken wie Google, Facebook & Co. Wenn die jüngsten Überwachungsskandale helfen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wäre schon einiges gewonnen.

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Leserkommentare
  1. Zitat:
    "In der DDR gingen Menschen, die sich unbeobachtet von der Stasi unterhalten wollten, in den Wald oder in einen Park und sprachen unter vier Augen miteinander. Wer heute unbeobachtet bleiben möchte, sollte vielleicht nicht im Internet miteinander reden."

    Andererseits...
    ...was für ein zutiefst deprimierendes Statement.

    Ein Freund (gebohren in der DDR) zieht mich immer mit dem Spruch auf:
    "Ihr denkt ihr habt gewonnen ? Falsch !"

    Er hat recht, kein Witz.

    59 Leserempfehlungen
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    • Chali
    • 24. Juni 2013 13:41 Uhr

    gewinnt in diesem Zusammenhang.

    • hairy
    • 24. Juni 2013 14:19 Uhr

    Ich habe bei der Artikelüberschrift assoziiert: "Wer nicht belauscht werden will, sollte gar nicht mehr reden."

    Datensparsamkeit ist sicher eine Sache. Die andere ist aber, dass wir verdammt nochmal Rede- und Meinungsfreiheit als eins der größten Güter der Demokratie betrachten.

    "...was für ein zutiefst deprimierendes Statement."

    Allerdings!

    Werter Herr Greven,
    das ist es doch.

    Natürlich liegt es auch an jedem selbst. Aber das ist doch genau der Punkt:
    Wir ändern unser Verhalten wegen des Wissens um die Überwachung.

    Der Eine wird vielleicht vorsichtiger formulieren, der Andere gar nichts mehr veröffentlichen.

    In letzter Konsequenz bedeutet das, daß "sie" uns der Möglichkeit berauben, die uns das Netz als Bürger zur Wahrnehmung unserer Rechte bietet.

    Es wird - das haben vor langer Zeit viele prophezeit, ich schließe mich ein, und wurden als Spinner, bestenfalls Querdenker abgetan - zu einer reinen Verkaufs-, Event- und Desinformationsplattform verkommen.

    Das ist traurig. Mal wieder bemächtigen "sie" sich des neuesten technischen Mittels. Und wir ziehen uns zurück. Nichts ändert sich.

    Aber die Schlinge zieht sich zu.

    Oder?

    Völlig falsch, der Vergleich mit der DDR! Hier gibt es noch nicht:

    1.Sippenhaft
    2. IM´s die über Familienangehörige Berichte an Schlapphüte schreiben

    um nur 2 Beispiele von vielen zu nennen.
    Zum Überwachen gehören immer Überwacher, d.h. Menschen, die sich Telefonate anhören, Texte lesen etc. Algotythmen regieren uns schon im Finanzsektor, die können Metadaten auswerten, auf Stichworte anspringen etc. am Ende gehören immernoch Snowdens dazu, die es in real-time abhören müssen. Klar bei dem rasanten Bevölkerungswachstum könnte man die Hälfte der Weltbevölkerung zum Abhören der anderen Hälfte zwingen....viel Spass dabei.
    Recht geben kann ich dem Stasi-Vergleich nur insofern, als dass man wegen der Komplettabhörung Angst bekommen kann und ängstliche Bürger sind besseres Melkvieh als mutige.

    Dasselbe haben Mafiosi als Grundlage ihrer konspirativen Treffen als erste Wahl der Mittel gewählt um ihre Verbrechen zu planen und ihre Deals abzuwickeln.

    Hier wird nun dem gemeinen Volk in einem demokratischen Staat empfohlen sich vor seiner gewählten Regierung im Wald zu treffen um pprivate Dinge zu besprechen.

    Da macht man Google einen Vorwurf das sie Regimen in China und den Golfstaaten bei Zensuren unterstützen und bei uns ist alles noch viel schlimmer.

    Hier jagt man jeden Tag eine neue Sau durch das Dorf und macht die Bürger paranoid um selbige dann selbst zu überwachen. Jeder Bürger gibt nun infolge des 11. September und seiner Nachwehen freiwillig seine Fingerabdrücke ab und wird vom eigenen Staat als potentieller Krimineller geführt.

    Ich bin kurz davor mein Smartphone im Klo zu versenken und Emails sind für mich auch nur noch ein Mittel um belangloses zu kommunizieren. Man stelle sich nur vor, dass alle geschäftlichen Emails von den Briten und den Amis mitgelesen werden können. Dadurch entsteht diesen Ländern in Zukunft vielleicht ein noch ungeahnter Wettbewerbsvorteil in allen Belangen.

    „Ein Freund (gebohren in der DDR) zieht mich immer mit dem Spruch auf:
    "Ihr denkt ihr habt gewonnen ? Falsch !"“

    So einen ähnlichen Spruch kenne ich auch, aber da ging es um das Wirtschaftssystem. ;-)

    Ansonsten finde ich den Ansatz von Ludwig Greven völlig falsch. Im Gegenteil, ich würde sogar behaupten, gerade wenn wir mehr Daten hinterlassen erschweren wir Regierungen die Arbeit. Man stelle sich z.B. vor, wir würden uns im Internet wirklich nur über wichtige Dinge unterhalten und nicht zu ca. 99% über belangloses. Die Überwachung wäre um einiges leichter, weniger Personal würde gebraucht und auch Überwachungsprogramme ließen sich leichter programmieren, da es weniger Parameter zu berücksichtigen gebe.
    Und bevor mit hier jetzt jemand etwas vorwerfen will: Nein ich finde Überwachung und Datensammeln nicht in Ordnung.

    P.S. Wir haben auch nicht gewonnen, die anderen haben nur verloren.

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    • Afa81
    • 24. Juni 2013 13:39 Uhr

    ...wer nicht sterben will, soll sich doch einfach nicht zeugen lassen. Und am Ende bin natürlich ich schuld, wenn jemand anderes meine Mails liest.

    Ja, der Autor hat recht. Und er hat auch recht, dass was technisch möglich ist, getan wird - aber nur solange Zuwiderhandlung nicht geahndet wird. Und hier ist das Probem. Die USA halten es doch nicht mal für nötig, sich wirklich zu erklären. GB und Kanada prahlen rum, dass sie ja noch viel mehr spionieren als bisher angenommen.

    Es muss sicher einen Mittelweg geben. Genauso wie Steuerhinterziehung kein Kavaliersdelikt ist (das Bewusstsein dafür musste auch erst geschärft werden) muss das auch für die Privatsphäre von Menschen gelten.

    Und was garnicht geht ist, dass sich andere Nationen einfach Informationen beschaffen anstatt sie anzufragen. Denn dann kommt noch der Verdacht auf Industriespionage hinzu.

  3. da brauchen "wir" ja wenigstens nichtmal mal mit unseren "Freunden" in USA oder GB oder hierzulande darüber streiten, ob die uns überwachen dürfen oder gar für Grundrechte kämpfen.
    Prima, so leicht kann man das den Regierenden machen..

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  4. Also nicht der, der belauscht ist schuldig, sondern der, der sich belauschen läßt ?
    Nicht der Täter, sondern das Opfer ?
    Man sollte das beispielsweise mal allen überfallenen Banken oder Tankstellen sagen: hätten Sie kein Geld, wären Sie auch nicht überfallen worden.
    Immer sollen die Opfer schuldig sein. Einfach nur pervers.

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    Denn wer nicht beboren ist, kann auch nicht sterben! ;-)

  5. ...haben die Überwacher doch schon gewonnen.
    Es ist wirklich kein Unterschied mehr zwischen dem, was die Stasi tat und dem, was die Geheimdienste tun.
    Ich finde, das sollte man nicht akzeptieren, denn es gibt keine Entschuldigung und keine guten Gründe für ein weniger an Freiheit. Hat die Überwachung die Anschläge in Boston verhindern können? Nein? Was also ist der Nutzen der Überwachung? Eine schnellere Aufklärung angesichts der Tatsache, dass es sich meist um Selbstmordattentäter handelt, ist doch wohl lachhaft.

    18 Leserempfehlungen
    • ohopp
    • 24. Juni 2013 13:37 Uhr

    bedenklich, wie die Zeit versucht dieses Ausmaß an Überwachung klein zu reden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Bundesnachrichtendienst | Recht | Behörde | Bewusstsein | Computer
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