Zum Wesen eines Briefes gehört, dass man ihn verschließen kann – der verklebte Umschlag zeigt jedem, dass kein Unbefugter die Botschaft darin lesen soll. Das hielten Gesellschaften einst für so wichtig, dass sie es per Gesetz schützten, sogar zum Grundrecht erklärten. Preußen, Frankreich und andere Länder drohten bereits im 18. und spätestens im 19. Jahrhundert jedem mit übler Strafe, der fremde Briefe öffnete.

Bei der Entwicklung des Internets wurde dieser Schutz der Kommunikation leider vergessen, das Grundrecht nicht wahrgenommen. Die Priorität war eine andere, es ging vor allem darum, das Teilen und Vernetzen so leicht wie möglich zu machen. Teilen können wir nun, global vernetzt sind wir auch. Höchste Zeit, dass wir das Vergessene nachholen und Sicherungen einbauen, um unsere Daten gegen den Blick Unbefugter zu verschließen.  

Denn E-Mails – noch immer die häufigste Form der elektronischen Kommunikation – sind wie Postkarten. Theoretisch kann jeder sie mitlesen. Was das Problem noch verschärft: Der Absender weiß aufgrund der verteilten Struktur des Internets nicht einmal, über welche Rechner und Knoten seine Mails laufen und wer sie deshalb alles abfangen kann. Vollständiger Kontrollverlust also.

Trotzdem verschlüsselt kaum jemand seine elektronischen Briefe. Menschen sind so. Sie wollen motiviert werden. Wege dazu gäbe es, aber sie werden nicht genutzt, zu viele profitieren von der Unsicherheit. 

So gibt es kein Gesetz, das von den E-Mail-Anbietern fordert, eine Sicherung einzubauen. Ob GMail oder GMX, ob Thunderbird oder Applemail, kein Dienst, kein Mailprogramm ist gezwungen, seinen Nutzern eine unkomplizierte Verschlüsselung anzubieten. Daher tut es auch kaum einer. (Ja, es gibt S/Mime, das nutzt aber auch niemand.) Denn nirgendwo gibt es einen einfachen Knopf, der dazu führt, dass Mails automatisch und vor allem ohne weiteres Gefrickel verschlüsselt werden.

Warum eigentlich nicht?

Briefe kleben wir doch auch zu und schicken Postkarten, die jeder lesen kann, nur, wenn der Inhalt belanglos ist. Seit Phil Zimmermann 1991 das Programm PGP erfand und kostenlos zur Verfügung stellte, existiert ein sicheres System, um E-Mails zu verschlüsseln. Warum aber wird es allein dem Nutzer überlassen, warum soll das nur sein Problem sein? Wer verschlüsselt kommunizieren will, muss sich entsprechende Programme wie GnuPG selbst installieren. Er muss sich informieren, herumbasteln, ausprobieren. 

Technik genügt nicht, ist aber der erste Schritt

Das sei informationelle Selbstbestimmung und Autonomie, sagen Sie? Jeder dürfe selbst entscheiden, wie er mit seinen Daten umgehe? Nunja. Hier ist ein Gleichnis dazu:

Bevor es Sicherheitsgurte im Auto gab, war die Zahl der Menschen, die bei Unfällen in Deutschland starben, hoch, fast 20.000 im Jahr. Dann beschloss der Staat, etwas dagegen zu unternehmen. Er verpflichtete zuerst die Autofirmen, Gurte einzubauen und dann die Fahrer, sie auch zu benutzen. Schließlich verlieh er dem Gebot mit Werbekampagnen und vor allem mit Bußgeldern Nachdruck, weil das Anbieten einer Sicherheitstechnik längst nicht genügt, damit viele sie nutzen.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Zahl der Angeschnallten stieg auf Werte um neunzig Prozent, die Zahl der Toten sank. Drastisch.