Graph SearchWie öffentlich sind Facebook-Nutzer wirklich?

Facebooks Suchwerkzeug Graph Search funktioniert wie eine Art Rasterfahndung. Ein Selbsttest fördert auch bei versierten Nutzern noch Unerwartetes zutage. von  und

Facebook Graph Serach

Facebook-CEO Mark Zuckerberg bei der Vorstellung von Graph Search im Januar 2013  |  © Stephen Lam/Getty Images

Der Kollege in der Redaktion fühlt sich sicher. Fotos von der letzten Party gebe es auf seiner Facebook-Seite nicht zu sehen, und auch sonst nichts Peinliches, sagt er. Zumindest sei so etwas für Außenstehende nicht sichtbar. Fremde bekämen nur das Titelbild seiner Seite gezeigt, erklärt der Kollege, der trotz allem ungenannt bleiben will. Seine Privatsphäre schütze er fein säuberlich mit den entsprechenden Einstellungen in seinem Profil. Ausschließlich seine Facebook-Freunde könnten sehen, was er so schreibt und welche Bilder er veröffentlicht.

 Ist das wirklich so? 

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Es ist nur ein kleiner Testlauf nötig, um auch versierten Nutzern vorzuführen, wie viele Informationen die neue Suchfunktionen Graph Search selbst über Fremde auf Facebook zutage fördern kann. Seit Juni wird sie nach und nach flächendeckend eingeführt, und auch von Freunden kann sie ganz unbekannte Seiten ans Licht bringen.

Dabei ist Graph Search nicht etwa ein Schnüffelwerkzeug. Die Funktion zeigt ausschließlich Informationen an, die auch vorher für den Suchenden bereits sichtbar waren. Nur ist das vielen der weltweit mehr als eine Milliarde Nutzern bisher vielleicht gar nicht bewusst. Wer das soziale Netzwerk privat oder beruflich weiterhin sinnvoll und sicher nutzen will – und trotz des aktuellen Spionage-Skandals wollen das die meisten Facebook-Nutzer – sollte deshalb ein wenig Zeit in das Management seiner digitalen Identität investieren.

Altlasten in den Kommentaren

Graph Search ist zwar bisher nur für Nutzer der englischen Sprachversion verfügbar. Die deutsche Version wird aber nicht lange auf sich warten lassen, und für einen Test können es auch Nutzer hierzulande schnell einrichten. Die Einstellungen finden sich auf der Facebook-Seite unter dem Zahnrad rechts oben, am Ende der Spalte mit den allgemeinen Einstellungen ist die Sprach-Option aufgeführt. Auf der Seite www.facebook.com/graphsearch steht dann eine kurze Demo und ein Button, mit dem das Einrichten beantragt werden kann.

So können wir umgehend den Namen des Kollegen mit den rigiden Privatsphären-Einstellungen in das nun größere weiße Suchfenster eingeben und etwa nach allen Fotos suchen, auf denen er zu sehen ist. Der Betroffene ist doch recht verblüfft darüber, was Graph Search so alles findet. Selbst wenn wir nicht mit ihm befreundet sind, werden Fotos von ihm angezeigt – nämlich solche, die Freunde von ihm auf Facebook gestellt und mit seinem Namen verbunden haben ("tagged") und die zudem öffentlich sichtbar sind. Seine eigenen Einstellungen sind da wirkungslos. Und weil Facebook einen Nutzer früher nicht informiert hat, wenn er auf Fotos markiert wurde, kann das jedem passieren. 

Einblicke in die Vergangenheit

Ähnlich unerwartet tauchen auch Beiträge auf, die der Kollege vor Jahren selbst öffentlich gepostet und in der Zwischenzeit einfach vergessen hat. Dass da Altlasten schlummern, dürfte den wenigsten bewusst sein, denn bisher mussten Nutzer mitunter sehr, sehr lange auf der Chronik nach unten scrollen, um solche "Jugendsünden" auszugraben. Noch unsichtbarer waren Kommentare. Ein flapsiger Spruch zu einem Foto oder ein flüchtiger Flirt-Dialog unter einem verlinkten Artikel – so etwas war bisher schon nach wenigen Wochen unter unzähligen Schichten neuer Kommentare, Postings und Fotos verborgen.

Nun bringt eine einfache Suchabfrage wie "Fotos von XY die AB kommentiert hat" all das an die Oberfläche. Es sind Einblicke in die Vergangenheit, die beim Lebensgefährten oder bei der Vorgesetzten durchaus für Überraschungen sorgen können. Auch bei Facebook-Freunden bietet Graph Search einen viel weiterreichenden Zugriff auf bereits vorhandene Informationen. Das gilt auch für all jene Postings, die die Filterblase vorher gar nicht durchdrungen hatten – also Beiträge, die der Facebook-Algorithmus aus dem Strom der Beiträge herausgefiltert hatte, weil sie den jeweiligen Nutzer vermeintlich nicht interessieren. Diese Inhalte werden nun alle angezeigt. Es ist diese Ausweitung, die Graph Search zu einem so mächtigen Werkzeug macht. 

Leserkommentare
  1. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es wirklich so einfach sein kann, aber:
    Mein Selbsttest mit einem Pseudo-Account hat ergeben, dass ich mich mein richtiges Profil nicht finde(Freunde testweise schon). In meinen Einstellungen habe ich es so angelegt, dass ich in der normalen Suche bereits nicht auftauche, also nicht "gefunden" werden kann. Und ich tauche jetzt auch nicht über graph search auf. Aber ich kann nicht glauben, dass dies eine so umfassende neue Funktion bereits aushebeln kann...?

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    die nicht-findbarkeits-option für profile sollte eigentlich komplett abgeschafft werden - du hattest wohl bisher noch glück, dass man deins nicht finden kann.

    @LindaSee Die Option, sich für die Suche generell "unsichtbar" zu machen, gab es früher tatsächlich. Dies ist aber, wie mir gerade auch von Facebooks PR bestätigt wurde, mittlerweile nicht mehr möglich. Verblüffend, dass das bei Ihnen noch funktioniert.

  2. Facebook ist ein Dampfer, der mit nur einem Ziel durch die digitalen Gewässer der selbst ausgerufenen Post-Privacy Ära schippert:
    All seine Passagiere möglichst weit von den sicheren Gestaden der Privatheit zu bringen.
    Denn Daten zu benutzen - und das wissen wir alle - ist Facebooks Geschäftsmodell.

    Nun haben soviele Menschen diesem System schon solche Unmengen an privaten Informationen überlassen, dass sie versuchen die verheerenden Folgen zu verharmlosen oder zu ignorieren.

    Doch in Zeiten von NSA-Skandal und Datenweitergabe von vermeindlich sicheren Diensteanbietern und Providern muß man nicht weiter als bis drei zählen können um zu verstehen, dass die Mischung aus freiwillig gelieferten Daten und heimlich im Hintergund gesammelten Daten ein pefektes Bild über einen Menschen liefern, das ihn berechenbar, ausnutzbar und hilflos gegenüber denen macht, die diese Daten besitzen.

    Graph Search ist deshalb nur eine Art Spielzeug für die Facebook Lemminge.
    Das soll nicht heißen, das es nicht gefährlich wäre. Doch die wahre Gefahr findet sich nicht auf dem Deck des Dampfers. Sie liegt in den Tiefen des digitalen Ozeans darunter.

    16 Leserempfehlungen
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    Jetzt mal ganz konkret und nicht so apokalyptisch: Inwiefern genau macht es mich "ausnutzbar und hilflos", dass Facebook (oder Google) viele Daten über mich besitzen?
    Das ist eben der riesige Unterschied zwischen der alltäglichen Datensammelei und dem Prism-Skandal. Wenn die NSA denkt, ich wäre ein Terrorist, weil sie zu doof ist, meine Datenspuren richtig zu interpretieren, muss ich mit allen Konsequenzen von Einreiseverbot bis hin zu Guantanamo rechnen. (Mal abgesehen davon, dass ich Facebook die Daten überwiegend freiwillig gebe.)

    @Redaktion: Es gibt übrigens einen sachlichen Fehler - natürlich kann man das Foto-Tagging durch Dritte abstellen ("Timeline and Tagging"). Nicht umsonst weist Facebook per Popup darauf hin, dass man seine Privatsphäre-Einstellungen wegen Graph Search mal durchchecken sollte.

  3. die nicht-findbarkeits-option für profile sollte eigentlich komplett abgeschafft werden - du hattest wohl bisher noch glück, dass man deins nicht finden kann.

  4. Doppelposting. Die Redaktion/ls

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    • joG2.0
    • 26. Juli 2013 10:28 Uhr

    ..."das war nicht vorhersehbar"."

    In einem Land, in dem jeder bspw seit immer weiß oder wenigstens seit Harrisburg, dass Atomkraft auch den Gau erlaubt aber dann überstürzt die Atomkraftwerke abschaltet, weil das Bekannte geschieht? Und schreit: "Wer hätte das gedacht?!" und Strom für eine Billion weg wirft? Ja, Sie mögen recht haben.

    Denn wer nicht weiß, dass Facebook öffentlich ist, ist einfach komisch. Es ist wie ein Marktplatz der Eitelkeiten. Wer sich auszieht, der sollte hübsch sein.

  5. durch was die Facebook-Treue dann schließlich kippen wird. Wir werden dann Sätze hören, wie "das war nicht vorhersehbar".
    Für Kriminelle ist Facebook auf jeden Fall eine klasse Erfindung.

    via ZEIT ONLINE plus App

    4 Leserempfehlungen
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    Nicht nur "Für Kriminelle ist Facebook auf jeden Fall eine klasse Erfindung."
    Facebook selbst IST eine kriminelle Erfindung!

    Weniger denkverstümmelte Generationen vor der heutigen Zeit hätten bereits bei Einführung solcher Systeme aufgeschrien anstatt sie benutzen.
    Wenn die Masse Mensch seit Jahrzehnten rund um die Uhr mit Reklame aller Art zugemüllt wird, braucht man sich aber nicht mehr zu wundern, wenn die individuelle Urteilskraft verschwindet.

  6. Vielleicht sollten wir mal unser Wertesystem leicht überdenken? Warum soll Öffentlichkeit und Transparenz so schlecht sein?

    Ich bin als Kind und Jugendlicher auch ohne Internet aufgewachsen, sehe aber jetzt, dass die heutigen Jugendliche eine ganz andere Auffassung von Privatsspähere haben. Ich meine dass diese nicht per se schlecht ist.
    „Niemand außer meinen Freunden darf sehen wie ich mit einem Bier in der Hand auf einer Party rumlaufe“ -> Warum nicht? Meinen sie ihr Chef tut das nicht? Falls ja, dann ist das sowieso eine Spaßbremse und sie passen nicht zu seiner Firma...

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    Jeder soll von mir aus gerne selbst entscheiden, was er im Internet veröffentlichen mag und was eben nicht. (Wobei ich nicht für komplette Transparenz bin) Aber Facebook sollte dabei einfach keinerlei Rolle spielen. Letzten Endes entscheiden die Programmiere dieses "sozialen" Netzwerkes nämlich, was für alle sichtbar wird und was ungesehen bleibt. Und diese Regeln ändern sie völlig willkürlich. Da geht es nur um Profit.

    Sehen Sie, das Problem dabei ist, dass sich die meisten Menschen der Tragweite ihres Handelns erst viel später bewusst werden.

    Wahrscheinlich findet es ein 17-jähriger lustig, wenn im (digitalen) Freundeskreis ein Video-Clip kursiert, in dem zu sehen ist, wie er nachts rotzbesoffen - mit entsprechenden Ausfallerscheinungen seinerseits - Laternen austritt. Mit 17 Jahren ist sowas tendenziell noch cool und wird im Freundeskreis noch positiv gewürdigt.

    Das ist aber etwas, was die selbe Person mit 27 Jahren sicher nicht den Kollegen im Büro mitgeteilt sehen möchte. Die lachen dann nicht mehr mit ihm, sondern über ihn.

    Aber es geht ja auch harmloser. Es ist weithin bekannt, dass diverse modische Trends mit zunehmend zeitlichem Abstand als hochnotpeinlich gelten. Der ein oder andere Leser hier dürfte gegen Ende der 80er oder Beginn der 90er Jahre beispielsweise mit Vokuhila-Oliba abgelichtet worden sein.
    Das sind Bildzeugnisse, die heute auf Grund von Scham sogar guten Freunden vorenthalten werden. Einer unbestimmten Öffentlichkeit möchte sowas kaum jemand zugänglich machen, schon gar nicht, wenn sich eine eindeutige Verbindung zur Person herstellen lässt.

    Ist ja kein Problem, das Foto verschwindet im "Giftschrank" und ist damit nachhaltig aus dem Verkehr gezogen. Aber auf Facebook, da wäre das Foto noch zu finden. Hochgeladen und "Getagged" von einem einstigen Schulfreund, den man eigentlich schon längst vergessen hatte.

    Was wohl die Kollegen dazu sagen? :)

    "Meinen sie ihr Chef tut das nicht?"

    ... Ihr Chef wird seinen Arbeitnehmern alles zubilligen, was er sich selbst gönnt?
    Meinen Sie, der pädophile Triebtäter wird sich nicht darüber freuen, wenn Ihre Tochter ihn via facebook über ihre abendlichen Aktivitäten informiert?
    Meinen Sie nicht, daß Einbrecher es richtig klasse finden, wenn Sie jetzt schon mal öffentlich kundtun, dass Sie und Ihre Familie sich in der 2. Augustwoche in Italien befinden werden?
    Meinen Sie nicht, dass Sie vielleicht bei Mercedes keinen Job im Management erhalten werden, wenn Sie sich im sozialen Netzwerk als glühender BMW-Liebhaber outen?
    Glauben Sie, dass Sie die MPU bestehen, wenn der Gutachter auf facebook sehen kann, wie sie sich bisher auf wilden Parties bekifft und besoffen haben?

    All das kann man natürlich glauben und die Veröffentlichung seines Privatlebens für gut und ungefährlich halten. Schließlich ist ja der Glaube des Menschen Himmelreich. Und jedem steht es frei, sich so gut zu blamieren, wie er kann.

  7. Einerseits über "Schnüffelaffären", die NSA, Geheimdienste, etc., beschweren und andererseits keine Eigenverantwortung für die persönlichen Daten übernehmen. Warum wird diese Netzwerk nicht einfach komplett gemieden? Es gibt genug Alternativen. Es würde nur ein paar Monate dauern und der grinsende Herr Zuckerberg könnte sich wieder an Harvard einschreiben.

    Zitat:

    "Dabei ist Graph Search nicht etwa ein Schnüffelwerkzeug.Die Funktion zeigt ausschließlich Informationen an, die auch vorher für den Suchenden bereits sichtbar waren. Nur ist das vielen der weltweit mehr als eine Milliarde Nutzern bisher vielleicht gar nicht bewusst."

    Ah ja, schon klar. Aber ansonsten sind alle noch wohlauf? Das gesamte System "Facebook" wird also laufend verändert. Und ist damit also alles andere als transparent für den Nutzer. Geschweige denn für irgendwelche Schäden haftbar. Warum sollte ich als private Person also mein Informationen hier hochladen? Nur weil es alle machen? Und weil "die Freunde" da sind?

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    "Einerseits über "Schnüffelaffären", die NSA, Geheimdienste, etc., beschweren und andererseits keine Eigenverantwortung für die persönlichen Daten übernehmen."

    Der Unterschied zwischen persönliche Daten (freiwillig!) bei Facebook einstellen einerseits und dem was die NSA macht andererseits ist der gleiche wie zwischen sich auf dem Klo einschließen und auf dem Klo eingeschlossen werden.

    • Agorist
    • 11. Oktober 2013 15:34 Uhr

    Woher wissen Sie das einerseits andererseits?

    Könnte es nicht sein, dass die, die sich auf facebook nackig ausziehen, keinen Kopf über die NSA-Schnüffeleien machen, während die, die sich über die NSA aufregen, nicht mal auf facebook sind? Oder facebook nur für Sachen nutzen, die sie wirklich veröffentlichen wollen?

    Abgesehen davon gibt es einen sehr großen Unterschied: Facebook benutzt die Daten, die wir ihnen schenken. Die NSA stiehlt unsere Daten.

  8. Jeder soll von mir aus gerne selbst entscheiden, was er im Internet veröffentlichen mag und was eben nicht. (Wobei ich nicht für komplette Transparenz bin) Aber Facebook sollte dabei einfach keinerlei Rolle spielen. Letzten Endes entscheiden die Programmiere dieses "sozialen" Netzwerkes nämlich, was für alle sichtbar wird und was ungesehen bleibt. Und diese Regeln ändern sie völlig willkürlich. Da geht es nur um Profit.

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