Er hat etwas von einem Gespenst, dieser frühere Geheimdienstmitarbeiter, der seit einem Monat im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo umgeht. Seit Wochen gibt es keine neuen Bilder von Edward Snowden, nur vage Beglaubigungen seiner Existenz, trotzdem verbreitet er zumindest indirekt mit immer neuen Enthüllungen Angst und Schrecken: unter Geheimdienstlern, deren Überwachung sämtlicher digitaler Kommunikationskanäle er aufgedeckt hat, aber natürlich vor allem bei den Überwachten. Snowden hat das Vertrauen vieler Menschen in Sicherheit und Privatsphäre im Netz erschüttert, vermutlich unwiederbringlich.

Keine noch so harmlose E-Mail, kein Chat und kein Handygespräch sind im Zweifel sicher vor dem Zugriff der Behörden – das Bewusstsein dafür bricht sich seit Wochen Bahn, zum Beispiel in Twitter-Witzeleien, in denen morgens etwa die Mithörer von BND und NSA begrüßt werden. Es lässt sich in Deutschland seit diesem Donnerstag aber auch erstmals in harten Zahlen fassen.

"Vor allem das Misstrauen gegenüber staatlichen Stellen ist deutlich gewachsen", kommentiert der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, Dieter Kempf, die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage. Demnach vertrauen 58 Prozent der Deutschen staatlichen Behörden wenig oder gar nicht mehr, wenn es um ihre persönlichen Daten im Netz geht. Vor zwei Jahren waren das noch 40 Prozent. Zwei Drittel der Befragten gehen mittlerweile davon aus, dass ihre Daten im Internet grundsätzlich unsicher sind, 2011 dachten das "nur" 55 Prozent der Befragten. Es sei höchste Zeit für eine umfassende Aufklärung, sagt Kempf, nur so könne der Vertrauensverlust gestoppt werden.

Mit diesem Appell befindet sich der Bitkom-Präsident in guter Gesellschaft. Für den kommenden Samstag haben Initiativen weltweit zu Anti-Prism-Demonstrationen aufgerufen. Auch der Chaos Computer Club mobilisiert für den Aktionstag. Verschiedene Organisationen haben gemeinsam einen offenen Brief an die Bundesregierung und die EU aufgesetzt, in dem sie Aufklärung und gesetzliche Sicherungsmechanismen gegen die Totalüberwachung fordern.

Der anfängliche Schock über die Enthüllungen des weltumspannenden Abhörapparates scheint langsam abzuklingen und in Aktivismus umzuschlagen. Doch angesichts des Ausmaßes der Lauschattacke ist die Hoffnung auf eine schnelle Behebung des Schadens gleich null. Selbst wenn die Bundesregierung ihre enervierende Lethargie, die nicht nur den Blogger Sascha Lobo zur Verzweiflung treibt, endlich aufgeben sollte – einen einfachen Weg zurück zum Status quo ante bellum gibt es nicht. Dass alle Missstände nun kurzerhand ausgeräumt werden und das neue Datenzentrum der NSA in Utah nicht in Betrieb geht, daran glaubt niemand.

Der Überwachungsskandal hat deshalb durchaus das Potenzial, die Digitalisierung insgesamt ein ganzes Stück zurückzuwerfen. Bitkom-Präsident Kempf hatte schon kurz nach den ersten Snowden-Enthüllungen von einem "mulmigen Gefühl" bei vielen Nutzern gesprochen. Das wird von Meldungen darüber verstärkt, dass die Überwacher offenbar selbst die frei verfügbaren Verschlüsselungstechnologien zu kontrollieren versuchen.

Das erschütterte Vertrauen könnte sich auch auf die deutsche Wirtschaft auswirken. Die Mitglieder des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer VDMA etwa fühlen sich bedroht und ausspioniert von Geheimdiensten, die mutmaßlich der Konkurrenz in Übersee zuarbeiten. Und Anbieter von Cloud-Anwendungen könnten bei Kunden auf größeres Misstrauen stoßen, so Kempfs Befürchtung. "Wir sorgen uns vor allem, weil eine Volkswirtschaft, die in puncto IT einen Gang zurückschaltet, zwangsläufig an Wettbewerbsfähigkeit verliert."

Hoffen auf weitere Enthüllungen

"Ich fürchte, dass Menschen, Firmen und Regierungen, vor allem in Europa, den Glauben an das Internet verlieren und sein Wachstum verlangsamen", schreibt auch Jeff Jarvis, Buchautor, Blogger und Befürworter größtmöglicher digitaler Offenheit.

Aber welche Konsequenzen werden Unternehmen und Privatpersonen ziehen? "Wir können die Folgen im Moment noch nicht abschätzen", sagt Markus Beckedahl, Initiator des Blogs netzpolitik.org und des Lobby-Vereins Digitale Gesellschaft. Von der Bundesregierung erwarte niemand mehr etwas in dieser Frage. Aber er treffe tatsächlich immer häufiger Menschen, die sich aus Protest gegen die Überwachung bei amerikanischen Online-Diensten wie Facebook abmelden, sagt Beckedahl. "Es kann sein, dass die Snowden-Enthüllungen historisch betrachtet zu einer Art Tschernobyl für uns werden", sagt Beckedahl – zu einer derart großen Katastrophe, dass Menschen in aller Welt ihr bisheriges Verhalten überdenken und ändern. "Wir können nur hoffen, dass Edward Snowden noch mehr Dokumente veröffentlicht", sagt Beckedahl.

So anschaulich der Tschernobyl-Vergleich ist – die Reaktorkatastrophe im Jahr 1986 trug zwar die Argumente der Anti-Atomkraft-Bewegung in die Mitte der Gesellschaft und verfestigte sie dort zu einem breiten Konsens. Doch es war eine zweite Groß-Katastrophe nötig, um den Atomausstieg politisch auf den Weg zu bringen. Es wäre erfreulich, wenn der Kampf gegen die Massenüberwachung auch ohne ein Datenschutz-Fukushima Wirkung zeigt.