NSAOffene Daten statt heimlicher Überwachung

Die Verfechter der Post-Privacy wollen Privatsphäre überwinden. Trotzdem ist es ihnen keineswegs egal, dass sie von Geheimdiensten überwacht werden. von Michael Seemann

Ich lebe weitestgehend Post-Privacy. Das meint, ich bemühe mich, einen Großteil meines Lebens öffentlich zu führen. Ich glaube, dass dieser Lebensstil zunehmend relevanter wird, dass in der Zukunft für Privatsphäre nur noch wenig Platz sein wird. Im Grunde glaube ich, dass das bereits heute der Fall ist. Die Verdatung der Welt schreitet voran und diese Daten sind nicht mehr zu kontrollieren. Wir müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen.

Natürlich schließe ich die Klotür hinter mir, trage Textilien an meinem Körper und natürlich habe auch ich Geheimnisse. Aber ich nutze die neuen digitalen Technologien Computer, Smartphone, Internet, um möglichst viel über mein alltägliches Leben öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlich ist das gar nichs Außergewöhnliches, von vielen Facebook-Nutzern unterscheide ich mich nur durch die Intensität und die bewusste Entscheidung zu dieser Lebensweise.

Anzeige

Prism, Tempora, XKeyscore und deren Konsequenzen setzen der Privatsphäre ebenfalls mächtig zu, dennoch ist Überwachung etwas völlig anderes als Post-Privacy. Post-Privacy will Daten befreien – mehr Daten für alle – Überwachung will unentdeckt bleiben und die Daten für sich behalten.

Dennoch kann jemanden, der Post-Privacy lebt, Prism nicht schockieren. Post-Privacy als bewusste Entscheidung setzt voraus, dass man sich mit der Tatsache seiner Öffentlichkeit bewusst auseinandersetzt. Man denkt über Risiken und Worst-Case-Szenarien nach. Post-Privacy wirkt wie eine stoische Übung. Wer den Worst Case für sich abgeklärt hat, verliert auch die Angst vor Überwachung.

Michael Seemann
Michael Seemann

Seemann bloggt und twittert seit Jahren unter dem Pseudonym mspro und beschäftigt sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Kontrollverlustes.

Aber auch Post-Privacy-Verfechter sind entschieden gegen Überwachung. In einer vollständig transparenten Welt würde zwar Überwachung keine Rolle mehr spielen, doch so lange wir noch in der alten leben, erschafft Überwachung ein Machtungleichgewicht. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen:

Wir haben Daten lange Zeit für böse gehalten, denn anhand von Daten können wir in Verdacht geraten. Daten können uns belasten, uns sogar ins Gefängnis bringen. Das stimmt auch, aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Dass wir diese einseitige Sicht auf Daten haben, liegt an der historischen Besonderheit, dass Datenverarbeitung lange Zeit nur und ausschließlich von großen Institutionen wie Staat und großen Unternehmen betrieben wurde. Das hat sich nun geändert, seit einigen Jahren sammeln, tauschen und verarbeiten wir alle Daten jeden Tag – und jeden Tag ein bisschen mehr.

Daten für die Gegenwehr

Vor Kurzem wurde die Anklage gegen den Pfarrer Lothar König, ein Aktivist in der linken Szene, fallen gelassen. Ihm wurde vorgeworfen, bei einer Demonstration zum Landfriedensbruch aufgewiegelt zu haben. Im Laufe des Prozesses tauchten Videos von der Demonstration auf, die der Darstellung der Polizei diametral widersprachen. Lothar König ist jetzt wieder ein freier Mann.

Auf der Demonstration Freiheit statt Angst im Jahr 2009 wurde ein Demonstrant von der Polizei verprügelt. Nachdem die Polizei erst alles abgestritten und dann behauptet hatte, man könne die Prügelpolizisten nicht identifizieren, hatten die Beamten der geballten Evidenz von mehreren Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven schließlich nichts mehr entgegensetzen. Zwei Polizisten wurden verurteilt.

Leserkommentare
  1. Sie können nie-nicht garantieren, dass "alles" von ihnen öffentlich ist. Der Verdacht und die Überwachung bleibt, sie wird auch mit Post-Privacy nicht verschwinden oder überwunden oder wie Sie sich das in ihrer - pardon - Naivität vorstellen.

    Das ist ja gerade das Problem. Gerade deshalb gibt es die Unschuldvermutung und gerade deshalb reden wir von und fordern Privatsphäre gegenüber dem Staat.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sorry! Das entspricht eher einem reifen, ausgewogenes und erwachsenen Verhalten.
    Haben es nicht alle selbst in der Hand, wieviel sie an Privatsphäre preisgeben wollen?
    Zudem: Wer andere überwachen muss, hat in der Regel etwas zu verbergen.Die vorgebliche Stärke offenbart wiederum die eigene Schwäche. Es ist die Angst vor eigenem Machtverlust, die alle totalitären Systeme - gleichgültig welcher Ideologie- mit Einschüchterung operieren lässt. Das ist ein kontraphobisches Muster und reflektiert letztlich nur die Banalität und Dummheit Machthabern, die es nötig haben, ihre parasitäre Dienstleistung durch Kontrolle und Einschüchterung absichern zu müssen.

    Insofern, vollste Zustimmung, Herr Seemann!
    "Die Macht der Vernetzung ist die Macht der Massen gegen jede Regierung, und ich bin der Überzeugung, dass durch diese Kraft auch jeder Geheimdienst bezwungen werden kann. Denn das ist, was wir tun sollten: Geheimdienste sind ein Fremdkörper in jeder demokratischen Gesellschaft."

    Da müssen wir hinkommen. Eine Demokratie braucht Offenheit und mündige Bürger, die auch in der Lage sind, Qualitätskontrollen bei ihren Staatsbediensteten durchzuführen. Auch Repräsentanten in Regierungen sind Dienstleister. Sie haben im Dienst ihrer Bevölkerung zu stehen, dafür werden sie bezahlt. Neusprech, Aussitzen, Lügen und die Öffentlichkeit durch pompöse Verschleierung zu täuschen, hat aufzuhören, genauso wie korrupte Lobbypolitik. Selbstlegitimierung ist nicht kompatibel mit einer Demokratie.

  2. herr seemann,

    ich finde die postprivacy bewegung interessant. habe noch nie davon gehört und werde mich dazu mal belesen. der vorteil liegt klar in der vernetzung, wie sie es beschreiben. danke für ihren artikel.

    ihr argument, geheimdienste würden daten monopolisieren stimmt. kann ihnen aber egal sein, da es für sie keine rolle spielt, ob es geheimdienste gibt die soetwas praktizieren oder nicht. sie können sich mit ohne oder geheimdienste vernetzen.

    der eigentliche knackpunkt ist, dass regierungen/geheimdienste diese daten für ihre zwecke nutzen. und es gibt leider keine "guten" regierungen, sondern interessengesteuerte regierungen, die Homosexualität nicht tolerieren (aserbaidschan, russland, kamerun sind beispiele, die ich kenne), die keine freie meinungsäußerungen akzeptieren (arabischer frühling, etc.), jeder kennt selbst beispiele.

    und solange diese menschen postprivacy nicht ausüben können bleibt es eine utopie. wie soziale gerechtigkeit und nachhaltigkeit und gewaltfreie konfliktlösungen, etc etc.

    hinzu kommt, dass man unsere daten für gewinnmaximierungen ausnutzt. was für mich nicht in frage kommen soll. ein beispiel stand in der le monde diplomatique vom juni glaube ich. flugesellschaften speichern cookies ihrer ersten suchanfrage. sie schauen woanderns nach billigen flügen, finden nix, kehren zurück zur fluggesellschaft, die anhand des cookies und bestimmten algorithmen sie (und nur sie persönlich) durch einen künstlich erhöhten preis zum kauf des tickets zwingt (könnte ja noch teurer werden).

    liebe grüße

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • GDH
    • 23. Juli 2013 13:10 Uhr

    So kritisch ich viele Post-Privacy-Varianten gegenüberstehe:

    Die Sicht, die Herr Seemann im Artikel wiedergibt, erscheint mir recht ausgewogen:
    Öffentliche Daten haben Vor- und Nachteile und Vertraulichkeit hat auch Vor- und Nachteile.

    Der Schlimmst Fall ist jedoch, dass etwas nicht öffentlich ist aber irgendwelchen Behörden trotzdem bekannt. Das vereint nämlich die Nachteile von Beidem:
    Behörden können die betreffenden Daten gegen Menschen verwenden aber die Öffentlichkeit hat keinen Zugriff auf diese Daten.

    DAS ist das Hauptproblem mit der Überwachung:
    Die Vorteile der Vertraulichkeit gehen verloren ohne dass die Vorteile der Öffentlichkeit nutzbar werden.

  3. Daten die ich nicht preisgebe kann man auch nicht für sich behalten. Das ist dann die sogenannte Datensparsamkeit und von mir eindeutig das Verhalten was ich vorziehen würde. Post-Privacy funktioniert ja nur solange wie ich ALLE anderen verpflichte genausoviele Daten über sich selbst ins Netz zu stellen, denn sonst habe ich massive Informationsgefälle bzw. -asymmetrien, die der des Geheimdienstes so nahe kommen, dass es als Lösung für mich unattraktiv, ja sogar gefährlich erscheint.

    Problem: Alle möglichen Institutionen gehen alles andere als sparsam mit meinen Daten um und wollen noch mehr über mich haben als sie ohnehin bereits haben. Da sollte man dann man ansetzen und gesetzlich zur Datensparsamkeit verpflichten. Das bedeutet dann auch der Geheimdienst darf nicht mehr sammeln.

    Ich brauche keinen Post-Privacy Lifestyle (der möglicherweise ja nur eine andere Form des Stockholm-Syndrom der Verleugnung einer "abusive relationship" ist), um meine Grundrechte auf freie Entfaltung zu verwirklichen, sondern gesetzlich verankerte Datensparsamkeit, die mit hohen Geld- UND Haftstrafen bestraft wird bei einem Vergehen.

    Tendenziell sind Informationsasymmetrien immer negativ für soziale Strukturen, denn sie erlauben die Konzentration von Macht durch die Akkumulation von Informationsvorteilen. Ob nun Kartellabsprachen, Hinterzimmerpolitik oder Börseninsiderhandel... alles Symptome für ein und das selbe Problem: Informationsasymmetrie.

    Post-Privacy-Lifestyle ist da keine Antwort. =)

    5 Leserempfehlungen
  4. So wie der Artikel für mich klingt ("konnte ich anhand des Location-Dienstes Foursquare nachweisen, dass ich zu der betreffenden Tatzeit gar nicht zu Hause war") wird damit die Unschuldsvermutung abgeschafft - wobei dieser Nachweis mit Foursquare nicht zu führen ist. Was Sie nachgewiesen haben war, daß Ihr Online-Benutzer bei Foursquare an einem anderen Ort eingeloggt war.

    "In dubio pro reo" bedeutet, dass die Schuld zweifelsfrei nachgewiesen werden muss, ansonsten ist die Anschuldigung haltlos. Sie scheinen mit dagegen ein verfechter zu sein: Ich muss meine Daten verteilen, um beweisen zu können, daß ich kein Dreck am Stecken habe.

    Das Beispiel von Herrn König taugt übrigens nicht zu diesem Beispiel. Hier hat die Polizei bewusst Videos zurückgehalten. Auch wurden damals in Dresden über 11.000 Handy-Benutzer "kriminalisiert", in dem sie einfach im "falschen" Funknetz eingeloggt waren und somit quasi verdächtig waren.

    Schöne neue Welt, in der man selbst seine Unschuld beweisen muss.

    4 Leserempfehlungen
  5. Sorry! Das entspricht eher einem reifen, ausgewogenes und erwachsenen Verhalten.
    Haben es nicht alle selbst in der Hand, wieviel sie an Privatsphäre preisgeben wollen?
    Zudem: Wer andere überwachen muss, hat in der Regel etwas zu verbergen.Die vorgebliche Stärke offenbart wiederum die eigene Schwäche. Es ist die Angst vor eigenem Machtverlust, die alle totalitären Systeme - gleichgültig welcher Ideologie- mit Einschüchterung operieren lässt. Das ist ein kontraphobisches Muster und reflektiert letztlich nur die Banalität und Dummheit Machthabern, die es nötig haben, ihre parasitäre Dienstleistung durch Kontrolle und Einschüchterung absichern zu müssen.

    Insofern, vollste Zustimmung, Herr Seemann!
    "Die Macht der Vernetzung ist die Macht der Massen gegen jede Regierung, und ich bin der Überzeugung, dass durch diese Kraft auch jeder Geheimdienst bezwungen werden kann. Denn das ist, was wir tun sollten: Geheimdienste sind ein Fremdkörper in jeder demokratischen Gesellschaft."

    Da müssen wir hinkommen. Eine Demokratie braucht Offenheit und mündige Bürger, die auch in der Lage sind, Qualitätskontrollen bei ihren Staatsbediensteten durchzuführen. Auch Repräsentanten in Regierungen sind Dienstleister. Sie haben im Dienst ihrer Bevölkerung zu stehen, dafür werden sie bezahlt. Neusprech, Aussitzen, Lügen und die Öffentlichkeit durch pompöse Verschleierung zu täuschen, hat aufzuhören, genauso wie korrupte Lobbypolitik. Selbstlegitimierung ist nicht kompatibel mit einer Demokratie.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist naiv anzunehmen, dass ein Staat der fast kostenlos auf ihre Facebook daten zugreifen kann dies nicht auch tun wird.
    Von daher können Sie Ethik anmahnen aber sie werden sie nicht erhalten. Staaten sind perse keine ethischen oder "guten" Konstrukte.
    Daher geht auch Aventurin in die richtige Richtung. Staatlicher (und unternehmerische) Ausspionierug können wir nur entziehen, wenn wir uns selbst nicht exibitionieren, die Privatsphäre anderer achten und auch die Privatsphäre verteidigen, sonst sind die Daten sind wirklich nicht mehr zu kontrollieren

    • Uwee
    • 22. Juli 2013 19:15 Uhr

    derzeit ist NSA der größte Geheimdienst. Das liegt daran das alle Daten des Internets über die USA laufen. Das Internet ist eher ein Bündel als ein Netz.
    In einer Netzstruktur aus dezentralen Netzen kann ich mir die Post-Privacy eher vorstellen.

  6. "Die Verdatung der Welt schreitet voran und diese Daten sind nicht mehr zu kontrollieren"
    Richtig. Es wrde jahrelang geraten wurde, vorsichtig und sparsam mit seinen Daten umgehen. Keinen hat es je wirklich gekümmert und viele haben es bis heute nicht verstanden was diese ominösen Daten eigentlich sind und, dass deren Qualität erst durch ihre Quantität zunimmt. Jetzt haben wir den Schlamassel und Herr Seemann rät noch mehr Daten öffentlich zu stellen. Ja, sehr intelligent.

    "Post-Privacy will Daten befreien – mehr Daten für alle"
    Daten für alle? Was zum...? Interessiert es mich als normaler Internetnutzer was Herr Seemann letzten Samstag gemacht hat? Nein! Was aber alle Menschen mit dem selben psychologischen Profil jeden Samstag so anstellen, würde mich schon interessieren. Nur als normaler Internetnutzer, sogar als Diplom Informatiker, habe ich nicht unbedingt die Mittel dazu es herauszufinden. NSA hingegen schon.

    "In einer vollständig transparenten Welt würde zwar Überwachung keine Rolle mehr spielen"
    Weil?

    "dass Datenverarbeitung lange Zeit nur und ausschließlich von großen Institutionen wie Staat und großen Unternehmen betrieben wurde"
    Ist immer noch so...

    "konnte ich anhand ... Foursquare nachweisen, dass ich zu der betreffenden Tatzeit gar nicht zu Hause war"
    Und saugen kann man nur vor Ort? :D

    Leider habe ich nicht mehr genug Zeichen. Liebe Leser, verteidigt weiter eure Privatsphäre und hören Sie nicht auf Herr Seemann. Er hat keine Ahnung.

    5 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service