Ich lebe weitestgehend Post-Privacy. Das meint, ich bemühe mich, einen Großteil meines Lebens öffentlich zu führen. Ich glaube, dass dieser Lebensstil zunehmend relevanter wird, dass in der Zukunft für Privatsphäre nur noch wenig Platz sein wird. Im Grunde glaube ich, dass das bereits heute der Fall ist. Die Verdatung der Welt schreitet voran und diese Daten sind nicht mehr zu kontrollieren. Wir müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen.

Natürlich schließe ich die Klotür hinter mir, trage Textilien an meinem Körper und natürlich habe auch ich Geheimnisse. Aber ich nutze die neuen digitalen Technologien Computer, Smartphone, Internet, um möglichst viel über mein alltägliches Leben öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlich ist das gar nichs Außergewöhnliches, von vielen Facebook-Nutzern unterscheide ich mich nur durch die Intensität und die bewusste Entscheidung zu dieser Lebensweise.

Prism, Tempora, XKeyscore und deren Konsequenzen setzen der Privatsphäre ebenfalls mächtig zu, dennoch ist Überwachung etwas völlig anderes als Post-Privacy. Post-Privacy will Daten befreien – mehr Daten für alle – Überwachung will unentdeckt bleiben und die Daten für sich behalten.

Dennoch kann jemanden, der Post-Privacy lebt, Prism nicht schockieren. Post-Privacy als bewusste Entscheidung setzt voraus, dass man sich mit der Tatsache seiner Öffentlichkeit bewusst auseinandersetzt. Man denkt über Risiken und Worst-Case-Szenarien nach. Post-Privacy wirkt wie eine stoische Übung. Wer den Worst Case für sich abgeklärt hat, verliert auch die Angst vor Überwachung.

Aber auch Post-Privacy-Verfechter sind entschieden gegen Überwachung. In einer vollständig transparenten Welt würde zwar Überwachung keine Rolle mehr spielen, doch so lange wir noch in der alten leben, erschafft Überwachung ein Machtungleichgewicht. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen:

Wir haben Daten lange Zeit für böse gehalten, denn anhand von Daten können wir in Verdacht geraten. Daten können uns belasten, uns sogar ins Gefängnis bringen. Das stimmt auch, aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Dass wir diese einseitige Sicht auf Daten haben, liegt an der historischen Besonderheit, dass Datenverarbeitung lange Zeit nur und ausschließlich von großen Institutionen wie Staat und großen Unternehmen betrieben wurde. Das hat sich nun geändert, seit einigen Jahren sammeln, tauschen und verarbeiten wir alle Daten jeden Tag – und jeden Tag ein bisschen mehr.

Daten für die Gegenwehr

Vor Kurzem wurde die Anklage gegen den Pfarrer Lothar König, ein Aktivist in der linken Szene, fallen gelassen. Ihm wurde vorgeworfen, bei einer Demonstration zum Landfriedensbruch aufgewiegelt zu haben. Im Laufe des Prozesses tauchten Videos von der Demonstration auf, die der Darstellung der Polizei diametral widersprachen. Lothar König ist jetzt wieder ein freier Mann.

Auf der Demonstration Freiheit statt Angst im Jahr 2009 wurde ein Demonstrant von der Polizei verprügelt. Nachdem die Polizei erst alles abgestritten und dann behauptet hatte, man könne die Prügelpolizisten nicht identifizieren, hatten die Beamten der geballten Evidenz von mehreren Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven schließlich nichts mehr entgegensetzen. Zwei Polizisten wurden verurteilt.