NSA : Offene Daten statt heimlicher Überwachung

Die Verfechter der Post-Privacy wollen Privatsphäre überwinden. Trotzdem ist es ihnen keineswegs egal, dass sie von Geheimdiensten überwacht werden.

Ich lebe weitestgehend Post-Privacy. Das meint, ich bemühe mich, einen Großteil meines Lebens öffentlich zu führen. Ich glaube, dass dieser Lebensstil zunehmend relevanter wird, dass in der Zukunft für Privatsphäre nur noch wenig Platz sein wird. Im Grunde glaube ich, dass das bereits heute der Fall ist. Die Verdatung der Welt schreitet voran und diese Daten sind nicht mehr zu kontrollieren. Wir müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen.

Natürlich schließe ich die Klotür hinter mir, trage Textilien an meinem Körper und natürlich habe auch ich Geheimnisse. Aber ich nutze die neuen digitalen Technologien Computer, Smartphone, Internet, um möglichst viel über mein alltägliches Leben öffentlich zugänglich zu machen. Eigentlich ist das gar nichs Außergewöhnliches, von vielen Facebook-Nutzern unterscheide ich mich nur durch die Intensität und die bewusste Entscheidung zu dieser Lebensweise.

Prism, Tempora, XKeyscore und deren Konsequenzen setzen der Privatsphäre ebenfalls mächtig zu, dennoch ist Überwachung etwas völlig anderes als Post-Privacy. Post-Privacy will Daten befreien – mehr Daten für alle – Überwachung will unentdeckt bleiben und die Daten für sich behalten.

Dennoch kann jemanden, der Post-Privacy lebt, Prism nicht schockieren. Post-Privacy als bewusste Entscheidung setzt voraus, dass man sich mit der Tatsache seiner Öffentlichkeit bewusst auseinandersetzt. Man denkt über Risiken und Worst-Case-Szenarien nach. Post-Privacy wirkt wie eine stoische Übung. Wer den Worst Case für sich abgeklärt hat, verliert auch die Angst vor Überwachung.

Michael Seemann

Seemann bloggt und twittert seit Jahren unter dem Pseudonym mspro und beschäftigt sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Kontrollverlustes.

Aber auch Post-Privacy-Verfechter sind entschieden gegen Überwachung. In einer vollständig transparenten Welt würde zwar Überwachung keine Rolle mehr spielen, doch so lange wir noch in der alten leben, erschafft Überwachung ein Machtungleichgewicht. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen:

Wir haben Daten lange Zeit für böse gehalten, denn anhand von Daten können wir in Verdacht geraten. Daten können uns belasten, uns sogar ins Gefängnis bringen. Das stimmt auch, aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Dass wir diese einseitige Sicht auf Daten haben, liegt an der historischen Besonderheit, dass Datenverarbeitung lange Zeit nur und ausschließlich von großen Institutionen wie Staat und großen Unternehmen betrieben wurde. Das hat sich nun geändert, seit einigen Jahren sammeln, tauschen und verarbeiten wir alle Daten jeden Tag – und jeden Tag ein bisschen mehr.

Daten für die Gegenwehr

Vor Kurzem wurde die Anklage gegen den Pfarrer Lothar König, ein Aktivist in der linken Szene, fallen gelassen. Ihm wurde vorgeworfen, bei einer Demonstration zum Landfriedensbruch aufgewiegelt zu haben. Im Laufe des Prozesses tauchten Videos von der Demonstration auf, die der Darstellung der Polizei diametral widersprachen. Lothar König ist jetzt wieder ein freier Mann.

Auf der Demonstration Freiheit statt Angst im Jahr 2009 wurde ein Demonstrant von der Polizei verprügelt. Nachdem die Polizei erst alles abgestritten und dann behauptet hatte, man könne die Prügelpolizisten nicht identifizieren, hatten die Beamten der geballten Evidenz von mehreren Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven schließlich nichts mehr entgegensetzen. Zwei Polizisten wurden verurteilt.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Was, bitte, sollte daran naiv sein?

Sorry! Das entspricht eher einem reifen, ausgewogenes und erwachsenen Verhalten.
Haben es nicht alle selbst in der Hand, wieviel sie an Privatsphäre preisgeben wollen?
Zudem: Wer andere überwachen muss, hat in der Regel etwas zu verbergen.Die vorgebliche Stärke offenbart wiederum die eigene Schwäche. Es ist die Angst vor eigenem Machtverlust, die alle totalitären Systeme - gleichgültig welcher Ideologie- mit Einschüchterung operieren lässt. Das ist ein kontraphobisches Muster und reflektiert letztlich nur die Banalität und Dummheit Machthabern, die es nötig haben, ihre parasitäre Dienstleistung durch Kontrolle und Einschüchterung absichern zu müssen.

Insofern, vollste Zustimmung, Herr Seemann!
"Die Macht der Vernetzung ist die Macht der Massen gegen jede Regierung, und ich bin der Überzeugung, dass durch diese Kraft auch jeder Geheimdienst bezwungen werden kann. Denn das ist, was wir tun sollten: Geheimdienste sind ein Fremdkörper in jeder demokratischen Gesellschaft."

Da müssen wir hinkommen. Eine Demokratie braucht Offenheit und mündige Bürger, die auch in der Lage sind, Qualitätskontrollen bei ihren Staatsbediensteten durchzuführen. Auch Repräsentanten in Regierungen sind Dienstleister. Sie haben im Dienst ihrer Bevölkerung zu stehen, dafür werden sie bezahlt. Neusprech, Aussitzen, Lügen und die Öffentlichkeit durch pompöse Verschleierung zu täuschen, hat aufzuhören, genauso wie korrupte Lobbypolitik. Selbstlegitimierung ist nicht kompatibel mit einer Demokratie.

sehr interessanter denkansatz

herr seemann,

ich finde die postprivacy bewegung interessant. habe noch nie davon gehört und werde mich dazu mal belesen. der vorteil liegt klar in der vernetzung, wie sie es beschreiben. danke für ihren artikel.

ihr argument, geheimdienste würden daten monopolisieren stimmt. kann ihnen aber egal sein, da es für sie keine rolle spielt, ob es geheimdienste gibt die soetwas praktizieren oder nicht. sie können sich mit ohne oder geheimdienste vernetzen.

der eigentliche knackpunkt ist, dass regierungen/geheimdienste diese daten für ihre zwecke nutzen. und es gibt leider keine "guten" regierungen, sondern interessengesteuerte regierungen, die Homosexualität nicht tolerieren (aserbaidschan, russland, kamerun sind beispiele, die ich kenne), die keine freie meinungsäußerungen akzeptieren (arabischer frühling, etc.), jeder kennt selbst beispiele.

und solange diese menschen postprivacy nicht ausüben können bleibt es eine utopie. wie soziale gerechtigkeit und nachhaltigkeit und gewaltfreie konfliktlösungen, etc etc.

hinzu kommt, dass man unsere daten für gewinnmaximierungen ausnutzt. was für mich nicht in frage kommen soll. ein beispiel stand in der le monde diplomatique vom juni glaube ich. flugesellschaften speichern cookies ihrer ersten suchanfrage. sie schauen woanderns nach billigen flügen, finden nix, kehren zurück zur fluggesellschaft, die anhand des cookies und bestimmten algorithmen sie (und nur sie persönlich) durch einen künstlich erhöhten preis zum kauf des tickets zwingt (könnte ja noch teurer werden).

liebe grüße

Kompromissvorschlag

So kritisch ich viele Post-Privacy-Varianten gegenüberstehe:

Die Sicht, die Herr Seemann im Artikel wiedergibt, erscheint mir recht ausgewogen:
Öffentliche Daten haben Vor- und Nachteile und Vertraulichkeit hat auch Vor- und Nachteile.

Der Schlimmst Fall ist jedoch, dass etwas nicht öffentlich ist aber irgendwelchen Behörden trotzdem bekannt. Das vereint nämlich die Nachteile von Beidem:
Behörden können die betreffenden Daten gegen Menschen verwenden aber die Öffentlichkeit hat keinen Zugriff auf diese Daten.

DAS ist das Hauptproblem mit der Überwachung:
Die Vorteile der Vertraulichkeit gehen verloren ohne dass die Vorteile der Öffentlichkeit nutzbar werden.

@ 17: Zustimmung und Ergänzung zum Kompromissvorschlag

Exakt! Darin liegen auch die größten Gefahren.
"Der Schlimmst Fall ist jedoch, dass etwas nicht öffentlich ist aber irgendwelchen Behörden trotzdem bekannt. Das vereint nämlich die Nachteile von Beidem: Behörden können die betreffenden Daten gegen Menschen verwenden aber die Öffentlichkeit hat keinen Zugriff auf diese Daten."
Dennoch: Überwachungssysteme und Behörden sind in in ihrem Bürokratismus und ihren Algorithmen ganz banale, (Ordnungs-) Macht fokussierte Systeme, die auf blinden Gehorsam und Unterwerfung aufbauen und abzielen. Es ist insofern überhaupt nicht erforderlich zu wissen, was diese Supersysteme an Einzeldaten speichern. Es reicht völlig, deren selbstlegimierende Verschleierungstaktik zu durchschauen, um auf dieser Basis Ansatz und Ergebnis gegenüberstellen zu können.
In der Regel verstehen Repräsentanten noch nicht einmal ihren eigenen Ansatz mitsamt Programmierung und verwechseln dabei ihren verfassungskonformen Auftrag mit Ausübung ihrer Rolle.

Es sind immer noch Menschen, die Daten im Kern ihrer Bedeutung auswerten und die Konsequenzen ihres Handelns bzw. auch ihres Machtmissbrauchs als Staatsbedienstete gegenüber der Öffentlichkeit legitimieren müssen, wenn sie sich auf ihrem Posten halten wollen.
Mißbrauch von Daten kann nur durch begrenzt werden, dass diejenigen, die Amtsmißbrauch betreiben, zur Verantwortung gezogen werden. Und dass die Öffentlichkeit in allen Einzelfällen auch aufdeckend darüber informiert wird. Medien sind hier gefragt.