Von Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation

Die amerikanischen Behörden erfassen und speichern Milliarden von Metadaten über die elektronische Kommunikation von Menschen in aller Welt. Das erinnert Datenschützer an Big Brother – an einen Staat, der die Menschen umfassend überwacht und ihnen damit die Privatsphäre raubt. Vor fast 30 Jahren übten sich in Deutschland für weitaus weniger Daten Hunderttausende Menschen in zivilem Ungehorsam, brachten die Volkszählung vor das Bundesverfassungsgericht, das wiederum das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zum Grundrecht erklärte. Der Protest gegen Prism hingegen hält sich (noch) in Grenzen.

Manche haben wohl einfach ihren Kampf aufgegeben, im Angesicht der immer gigantischeren Sammlungen persönlicher Daten, die Unternehmen und Behörden vorrätig halten. Der jungen Generation wird unterstellt, sie schere sich spätestens seit Gmail und Facebook ohnehin nicht mehr um den Datenschutz, sondern konsumiere lieber unentgeltliche Internet-Dienste im Austausch gegen persönliche Daten. Vielleicht passt aber schlicht die Metapher vom Überwachungsstaat nicht mehr auf Big Data, vielleicht hat sich das Bedrohungsszenario gewandelt.

Big Data ist die Fähigkeit, unzählige Einzelinformationen nicht bloß zusammenzufügen, sondern zur Vorhersage menschlichen Verhaltens zu verwenden, das gar nicht offenkundig mit den Einzelinformationen in einem Zusammenhang steht.

Mit Big Data lassen sich diese Korrelationen erkennen: aus kleinsten Veränderungen des Einkaufsverhaltens erkennt etwa die Firma Target in den USA mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass eine Kundin schwanger ist (sogar der Geburtstermin lässt sich relativ genau vorhersagen). Ein amerikanischer Finanzinformationsdienstleister ermittelt aus vordergründig völlig banalen soziodemografischen Daten die Wahrscheinlichkeit, wie verlässlich jemand seine Medikamente einnimmt. Lediglich aus dem Freundeskreis auf Facebook lässt sich vorhersagen, ob jemand wahrscheinlich homosexuell ist, oder ein Scheidungskind. 30 Bundesstaaten in den USA nutzen empirische Datenanalyse um vorherzusagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Häftling, der einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellt, in den nächsten zwölf Monaten wieder in eine Schießerei verwickelt wird.

Immer geht es um das Gleiche: aus riesigen Mengen scheinbar uninteressanter Daten lassen sich immer genauere Vorhersagen über andere, sehr sensible Bereiche unseres Seins treffen – insbesondere wie Menschen sich verhalten werden. Die Richtung ist klar. Es geht nicht mehr um das Ausspähen der Gegenwart, sondern um einen Einblick in die Zukunft. Das ist der Kern von Prism. Präsident Obama hat schon recht, wenn er sagt, die von Prism gesammelten Daten seien doch für sich genommen recht harmlos. Er verschweigt freilich, dass sich daraus statistische Vorhersagen gewinnen lassen, die viel tiefere, sensiblere Einblicke gewähren.

Wenn uns nun der Staat verdächtigt, nicht für das was wir getan haben, sondern für das was wir – durch Big Data vorhersagt – in der Zukunft tun werden, dann drohen wir einen Grundwert zu verlieren, der weit über die informationelle Selbstbestimmung hinausgeht. Im Schatten von Prism ist nichts Geringeres in Gefahr als der freie Wille – die essenzielle Freiheit des Menschen auch in der Zukunft über sein Handeln selbst zu bestimmen. Das muss uns klar werden! Wenn die Menschen verstehen, was durch Prism auf dem Spiel steht – die menschliche Freiheit zu handeln – werden sie diese zentrale Grundfreiheit verteidigen. Das jedenfalls hoffe ich.