Evgeny Morozov: Keine Frage des Internets

Silicon Valleys Verkaufsargumente – Freiheit, Einfluss, Spaß – haben sich erledigt. Wie aber kam es überhaupt zu diesen Verkaufsargumenten? Warum sprechen wir über "das Internet", als sei es ein separater Raum mit eigenen Gesetzen, Regeln und moralischen Geboten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den Netzdiskurs im umfassenderen Diskurs der Moderne verorten. Warum dominieren im Internet Konsum und Überwachung? Weil das, was wir "das Internet" nennen, nur eine kleine – wenngleich wachsende – Teilmenge aller anderen modernen Interaktionen ist, die sich durch eine Eigenschaft auszeichnen. Sie alle werden nämlich durch dasselbe technische Protokoll ermöglicht: TCP/IP. Warum also dominieren im Internet Konsum und Überwachung? Nun ja – weil in der Moderne selbst Konsum und Überwachung dominieren.

Diese einfache Antwort ist schwer zu sehen, weil "das Internet" so sehr Mythos ist wie technisches Protokoll. Denken wir an eine beliebige vergleichbare Infrastruktur, Straßen zum Beispiel. Straßen erfüllen banale Funktionen, vom Handel bis zur Verteidigung. Wir kämen nicht auf den Gedanken, zu fragen: Warum werden nicht mehr Straßen dazu verwendet, Menschen an die Kultur heranzuführen oder öffentliche Debatten anzustoßen? Bei Straßen wissen wir, warum das so ist: Dergleichen ist Sache von Institutionen, nicht von Infrastrukturen. Wenn wir nicht in die Kultur investieren, dann aufgrund von Austeritätspolitik, Neoliberalismus und so weiter – und nicht, weil die "Straßen" ihr emanzipatorisches Potenzial eingebüßt haben.

So sprechen wir aber nicht über "das Internet". Dies liegt nicht zuletzt daran, dass wir merkwürdige Verheißungen und eine grenzenlose Macht darauf projiziert haben. Warum das so ist, ist eine viel interessantere Frage als die, was mit dem Netz geschieht. Was mit ihm geschehen wird, hängt davon ab, wie es mit der Moderne selbst weitergeht. Internetexperten nach ihrer Meinung zu solchen Themen zu fragen ist so, als würde man Straßenexperten dazu befragen, wie man Investitionen in die Kultur anregen könne: Das ist sinnlos.

Evgeny Morozov ist Weißrusse und gilt als einer der profiliertesten Netzkritiker. Anfang Oktober erscheint sein neues Buch "Smarte neue Welt":

Jaron Lanier: Information kostet

Ein Teil des Problems ist die falsche Vorstellung von "kostenlosen" Informationen. Einer der wichtigsten Hebel, mit dem traditionell die Staatsmacht in Schranken gehalten wurde, ist das Budgetrecht. Wenn Informationen "frei" im Sinne von "kostenlos" sind, entfällt jeder Faktor, der den Staat mäßigen könnte. Gesetze sind immer "auslegbar", vor allem im Verborgenen. Geld aber ist wörtlich zu nehmen. Bürger, die sich daran gewöhnt haben, ihre Privatsphäre gegen die irreführende Illusion der Kostenlosigkeit einzutauschen, sollten sich nicht wundern. Die Lösung des Problems: Monetarisiert die Informationen von Otto Normalverbraucher.

Jaron Lanier ist ein US-Informatiker, Künstler und -Autor. Sein neuestes Buch "Who Owns the Future?" ist gerade erschienen.

Anke Domscheit-Berg: Gegen die Monopole

An das Internet knüpft sich eine Vielfalt von Hoffnungen: die Überwindung der Distanz zwischen Menschen, ein radikal einfacherer und in der Anlage grenzenloser Zugang aller zu Wissen und Kultur. Wir fangen gerade erst an, zu ahnen, welche ungeheuren Potenziale die digitale Gesellschaft noch mit sich bringt. Die Giganten, die der junge Weltmarkt Internet hat entstehen lassen, haben ihren Teil dazu beigetragen, uns Netzwerke, neue Ausdrucksformen und Zugang zum intellektuellen Erbe aller zu ermöglichen.

YouTube mag ein Monopolunternehmen sein, aber dass mehr als eine halbe Million Menschen in einer Woche das Video Was ist ein Überwachungsstaat angeschaut hat, ist einfach großartig. Dennoch ist es problematisch, dass so viele der Dienste, die von Millionen Menschen gern und häufig genutzt werden, Monopole sind, die zusätzlich ihre Server in den USA stehen haben und damit dem Patriot Act und teils geheimen Rechtsauslegungen unterliegen, denn das revolutionäre Potenzial des Internets basiert auf seiner dezentralen Struktur. Monopole sind aber das Gegenteil von dezentral. Sie entsprechen Monokulturen, und wie in der Landwirtschaft sind sie ein Risiko. Kurzfristig lösen sie ein Problem, langfristig gefährden sie den Fortbestand ganzer Systeme. Dass sich Geheimdienste unsere Kommunikationsdaten durch Zugriff auf die Kundendaten von Großunternehmen verschaffen, ist die Heuschreckenplage unserer Zeit und bestandsgefährdend für die Demokratie. Sie zeigt die Verwundbarkeit zentraler Strukturen in einem von Dezentralität abhängigen System.

Ist das Internet kaputt? Ich würde sagen, noch nicht ganz. Aber wir stehen jetzt an einem Scheideweg, und es hängt von uns allen ab, welche Richtung wir einschlagen. Wir können uns mehrheitlich weiter blind und taub stellen und uns dann in einer Welt wiederfinden, in der wir versuchen, unseren Kindern zu erklären, was ein freies Internet einmal bedeutete und wie mit seinem Ende auch viele andere Freiheiten für immer verschwanden. Wir können uns aber auch machtvoll erheben und das Internet – so wie wir es kannten – mit Zähnen und Klauen zurückerobern. Wir können Alternativen entwickeln und nutzen, die vielfältig sind und nicht von Monopolisten betrieben werden. Wir können darauf bestehen, dass unsere Grundrechte auch in einer digitalen Welt gelten. Und wir können Politiker abwählen, die das alles nicht verstehen.

Anke Domscheit-Berg ist Netzaktivistin und Spitzenkandidatin der brandenburgischen Piratenpartei für die Bundestagswahl.

Das Ziel ist die Steuerung der Gesellschaft

Viktor Mayer-Schönberger: Die dritte Internetphase

Nun also haben wir die dritte Phase erreicht. Viele Jahre lang wurde das Internet von Politik und Gesellschaft missachtet – zuerst zu Recht, weil die Konsequenzen seiner Nutzung zu klein waren, zu harmlos, in einer Zeit, die vom Kalten Krieg und dessen Ende beherrscht war. Danach folgten Jahre der Missachtung ohne guten Grund, einer dicken, zähen Ignoranz geschuldet.

Die zweite Phase begann vielleicht mit der Dotcom-Blase. Das Internet war, so wurde nun immer mehr Menschen klar, ein Platz, an dem die Dinge offenbar anders liefen. Mehr Produkte waren zu haben, und noch dazu günstiger. Man gelangte an Informationen, die bisher schwer zugänglich, sorgsam gehütet oder schlicht zu teuer waren. Das Internet etablierte sich als wundersamer Ort der Andersheit, der nicht zuletzt, aber eben auch nicht nur Freiheit suggerierte. Die Diskussion über diesen Ort blieb einem eigentümlichen Sonderweg verbunden, der sich nicht primär im Ergebnis, sondern im Zugang der Menschen und Institutionen, in ihren Versuchen, das Internet als Phänomen zu erfassen, widerspiegelte. Das Internet war dort, wo viele sein wollten.

Das Bekanntwerden von Prism markiert vielleicht die dritte Phase. Sie ist gekennzeichnet von einer zutiefst informationellen Sicht der Welt, in der Macht sich primär aus dem Zugang zu Informationen ableiten lässt, nein, noch genauer, von der Fähigkeit, Informationsflüsse zu steuern. Das Internet ist die alle Bereiche unserer Lebenswelt durchdringende Infrastruktur dieser Informationsflüsse. Der Kampf um die Vorherrschaft über die Steuerung der Informationsflüsse und um die sich daraus ergebende Deutungshoheit ist in vollem Gange.

Die Regierung Obama hat diese informationelle Macht erkannt – ganz folgerichtig will sie daraus Nutzen ziehen. Überraschen darf uns das nicht. Denn im Kern ist das die neue Aufgabe von Regierungen – die umfassende, auf Information basierende, voraussehende Steuerung der Gesellschaft. Dabei sind Regierungen Nachzügler. Sie folgen den Unternehmen wie Google und Facebook und Organisationen wie Wikipedia (und WikiLeaks!), die das längst erkannt haben. Das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor am Internet Institute der Oxford University, er veröffentlichte in diesem Jahr gemeinsam mit Kenneth Cukier das Buch "Big Data".

Jeff Jarvis: Das Netz muss offen bleiben

Der Kampf um die Kontrolle – und die Seele – des Internets hat gerade erst begonnen. Ich bezweifle, dass den Erfindern des Netzes bewusst war, wie subversiv es sein würde, jedermann mit jedermann zu verbinden und dabei die Institutionen zu umgehen, die traditionell für die Vermittlung solcher Verbindungen zuständig waren: angefangen von den Medien bis zum Staat, von den Universitäten bis zum Einzelhandel. Diese Institutionen haben sich nunmehr in Wagenburgen verschanzt, um ihre alten Vorrechte zu verteidigen: die Medien das Urheberrecht, der Staat die Geheimhaltung.

So sehr sie es aber auch in ihre Regie übernehmen wollen, im Internet geht es eher um Individuen als um Institutionen. Heutzutage kann sich jeder, der im Netz ist, an ein Publikum wenden, mit diesem zusammentun und gemeinsam aktiv werden. Jeder kann Informationen finden, verarbeiten, verkaufen und neue Informationen hervorbringen.

Im Dienst dieser Bedürfnisse und Chancen entstehen große neue Institutionen: Google, um uns mit den Informationen, Facebook, um uns untereinander, Twitter, um uns mit jedermann zu verbinden. Sie und wir handeln in einem voranschreitenden Prozess die Normen und die Ethik der Privatsphäre, Transparenz und Kontrolle aus. Nun aber tritt der Staat in Erscheinung. Er mag sich als Beschützer der Privatsphäre gerieren, in Wirklichkeit aber ist er ihre größte Bedrohung, denn er kann Informationen sammeln und gegen uns verwenden wie niemand sonst. Das Problem mit der NSA, das Edward Snowden enthüllt hat, ist keines der Technologie. Es geht um Transparenz. Der Fall NSA zeigt, dass Geheimhaltung zersetzend ist und absolute Geheimhaltung absolut zersetzend.

Wir müssen jetzt die Diskussion über die Grundlagen einer freien und offenen Gesellschaft führen, die duch Snowden endlich angestoßen wurden. Wie schützen wir diese Grundlagen vor den neuen technischen Möglichkeiten, "einfach alles zu sammeln", wie es NSA-Chef Keith Alexander ausgedrückt hat? Zu diesen Grundlagen gehören: 1. eine Ethik der Privatsphäre, die Staaten und Unternehmen daran hindert, heimlich unsere Daten zu überwachen; 2. das Ideal, dass der Staat im Normalfall offen ist und nur im Notfall geheim operiert; heute verhält es sich genau umgekehrt; 3. das Recht, sich online genauso zusammenzutun, zu sprechen, zu versammeln und zu handeln wie offline; 4. ein Verständnis der folgenden Tatsache: Wenn im Netz auch nur das kleinste bisschen von irgendeiner Institution aufgehalten, umgeleitet oder ausspioniert wird, dann kann nichts – auch nicht das Netz selbst – als frei gelten; 5. eine Übereinkunft dahingehend, dass das Netz offen bleiben muss und von keinem Staat kontrolliert oder zersetzt werden darf.

Jeff Jarvis ist Journalist, Blogger und Journalismus-Dozent in New York. 2012 erschien von ihm das Buch "Mehr Transparenz wagen!"

Markus Beckedahl: Rettet die Grundrechte

Seit Wochen decken immer neue Enthüllungen auf, wie unser digitales Leben anlasslos voll überwacht und gerastert wird. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern nur noch, wie oft und durch wen. Unsere Nachrichtendienste sind offensichtlich Profiteure und Beteiligte dieser globalen Überwachungsinfrastruktur, die durch Gesetze und eine Kooperation von Sicherheitsbehörden mit Unternehmen heimlich geschaffen wurde. Unsere Bundesregierung will davon nichts wissen. Dies wird jeden Tag unglaubwürdiger und einer Demokratie unwürdig.

Viele Menschen wollen nicht akzeptieren, dass unsere gesamte Kommunikation anlasslos, möglicherweise für immer, gespeichert  wird. Wir kommunizieren, arbeiten und lieben online. Wir möchten in dabei ebensowenig dauerüberwacht werden wie in unserem Schlafzimmer, im Gespräch mit Freunden oder beim Spazieren im Wald.

Technisch können wir aus den Enthüllungen lernen, dass der Schutz unserer Privatsphäre bei der Entwicklung von neuen Technologien sofort von Anfang an mitgedacht werden muss. Dezentrale Infrastrukturen bieten weniger Möglichkeiten zum Abgreifen der Daten als eine Zentralisierung bei einem großen Anbieter. Viele Ansätze gibt es in der Open-Source-Welt. Wir brauchen neue Förderinstrumente, um diese Projekte finanziell unterstützen zu können. Unabhängigkeit sollte uns das wert sein.

Politisch muss die Antwort sein, bestehende Datenaustausch-Abkommen mit den USA sofort zu kündigen und über mehr Datenschutz und eine notwendige demokratische Kontrolle neu zu verhandeln. Die aktuelle EU-Datenschutzreform muss genutzt werden, um starke Rechte gegenüber Sicherheitsbehörden und Unternehmen durchzusetzen.

Ich habe die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft Antworten darauf finden, wie unsere Grundrechte auch online gesichert und durchgesetzt werden können – politisch wie technisch. Es geht um nichts Geringeres als unsere digitale Zukunft mit den Grundwerten und Grundrechten, die wir kennen und lieben gelernt haben. Und die für eine freie und demokratische Gesellschaft essenziell sind.

Markus Beckedahl ist einer der bekanntesten deutschen Blogger. Er betreibt das Blog netzpolitik.org und hat den Verein Digitale Gesellschaft gegründet.

Paranoia und Gigantomanie

Florian Rötzer: Ohne Lebenselixier

Völlig überrascht scheinen Bürger und Politiker von dem großen Lauschangriff der USA auf Deutschland und den Rest der Welt zu sein. Sicher, der Whistleblower Snowden klärte die Welt, die Amerikaner eingeschlossen, über die Realisierung des paranoiden, gigantomanischen Unternehmens auf, möglichst alle Daten der Telefon- und Internetkommunikation abzugreifen, zu durchsuchen und möglichst lange zu speichern.

Aber die Überraschung der Politiker ist geheuchelt, die der Bürger bestenfalls erklärbar aus Desinteresse oder einer hypnotischen Starre. Schließlich haben die Amerikaner, gefolgt von vielen befreundeten Staaten, nach dem 11. September 2001 ihre Gesetzgebung und ihre technische Aufrüstung lautstark auf präventive Sicherheit umgestellt. Mit Milliarden gefördert wurden wahnwitzige Projekte, um etwa aus der Ferne gefährliche Gehirne ausmachen zu können. Programme wie Total Information Awareness, das Folgeprojekt von Echelon und Vorläufer von Prism oder XKeyscore, sollte möglichst alle Datenquellen, Überweisungen, Kreditkartenbuchungen, Reisedaten, biometrische Daten inklusive, anzapfen und nach "verdächtigem Verhalten" durchsuchen. Die Europäer haben längst mitgezogen, das EU-Forschungsprogramm Indect ist mindestens so maßlos, allerdings nicht mit den finanziellen Mitteln ausgestattet wie die Projekte der Darpa, der NSA oder des  britischen GCHQ.

Technisch haben Unternehmen wie Staaten seit der Erfindung des Web ausgeschöpft, was die Informationstechnik ermöglichte – totale Informationskontrolle, die Technik verkaufte man auch gerne den autoritären Staaten. Als das Internet Mitte der Neunziger Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs zum kommerzialisierten Massenmedium wurde, bauschte die Politik nicht nur in den USA die davon ausgehenden Gefahren (Terrorismus, Piraterie, Kinderpornografie, Kriminalität) gezielt auf, um durch Angst und Dämonisierung den Zugriff auf die Daten zu erweitern. Online galten nicht die bürgerlichen Freiheiten und auch nicht die Versammlungsrechte, Anonymität, Lebenselixier der städtischen Kultur, wurde zur Bedrohung. Das Verschwinden der Utopie des Internets und der Netzkultur als Keimzelle einer neuen Gesellschaft war schon damals besiegelt – die Opposition war marginal. Und die Internetüberwachung spielte nur die Pionierrolle für die Überwachung der öffentlichen und der privaten Räume. Aus dem Spruch, dass das, was offline gilt, auch online gelten müsse, ist der Anspruch geworden, dass das, was online möglich ist, auch offline realisiert werden muss.

Florian Rötzer ist Chefredakteur des Onlinemagazins "Telepolis".

Geert Lovink: Das Prinzip Hoffnung

Das Internet hat seine Anfangsphase hinter sich und ist inzwischen voll in die Gesellschaft integriert. Die Utopie der neunziger Jahre fußte auf der Vorstellung, das Internet sei irgendwo draußen angesiedelt, in einer Parallelwelt, einer virtuellen Realität. Die Technik ist jedoch den entgegengesetzten Weg gegangen. Sie ist kleiner, mobiler und sogar unsichtbarer (und damit mächtiger) geworden. Der Umstand, dass praktisch jeder auf diesem Planeten von ihr Gebrauch macht, bedeutet auch, dass sie in alle Aspekte der Gesellschaft einbezogen worden ist. Firmenmonopole und staatliche Überwachungsmaßnahmen sind ein Teil hiervon.

Das Internet ist kein Hype, wie die Meinungsmacher der alten Medien prophezeiten. Mit Adorno gesprochen, sind soziale Medien das "Wesentliche der Gesellschaft". Mit dem Erwachsenwerden des Internet haben sich allerdings auch gewisse Ideen der Gründergeneration überholt. Dies gilt insbesondere für den libertären Konsens über die Vorgehensweise bei Fragen, die viele unterschiedliche Beteiligte betreffen und von Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Staaten angeblich gemeinsam im Gespräch gelöst werden. Dieser Konsens ist in die Brüche gegangen. Wir leben im Zeitalter des Konflikts und sollten uns besser darauf einstellen.

Verabschieden wir uns von dem zwanghaften Positivismus der Vorstellung, alles "managen" zu können! Es ist höchste Zeit für einfallsreiche Kampagnen gegen Google, höchste Zeit, Alternativen zu Facebook und Twitter zu entwickeln – und voranzutreiben –, aber auch höchste Zeit, die sogar noch gefährlichere Finanzsoftware unschädlich zu machen. Wir müssen eine langfristige alternative öffentliche Infrastruktur aufbauen, die unsere Grundfreiheiten sichert und sich nicht im Besitz von Unternehmen befindet und die nicht vom Staat verwaltet wird. Höchste Zeit, dass die Hacker ihr subkulturelles Ghetto der freien Software verlassen und dass die Zivilgesellschaft sich mit Wikileaks, Anonymous, Snowden und dem jeweils nächsten auf dieser Liste befasst und ihnen Unterstützung gewährt.

Netzkritik sollte sich nicht darauf beschränken, über Datenströme zu stöhnen. Das Prinzip Hoffnung bleibt auch hier in Kraft. Es gibt alternative Ideen genug, auch hier im Alten Europa. Utopie, so zeigt das Lehrstück Internet, kommt aber ohne Kapitalismuskritik nicht aus.

Geert Lovink ist niederländisch-australischer Medientheoretiker. 2012 erschien sein Buch "Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur".

Nathan Jurgenson: Keine digitale Lösung

Wir sollten das Netz nicht als einen separaten Raum verstehen, der überwacht wird. Wir haben es nicht mit einer "Internetüberwachung" zu tun, sondern schlicht und einfach mit einer Überwachung – nicht eines getrennten Raums, sondern jener einen Realität, jenes einen Lebens, in der und das wir nun einmal leben.

Die Überwachung durch digitale Mittel erfasst vieles von dem, was wir tun, auch wenn wir uns gerade einmal nicht vor einem unserer leuchtenden Rechtecke befinden. In der Literatur und auch in der Öffentlichkeit wird über das Internet diskutiert, als ginge es um einen fernen Schauplatz. Einen solchen "digitalen Dualismus" müssen wir jedoch zurückweisen. Wir müssen das Netz vielmehr einfach als eine weitere Erscheinungsform von Information verstehen, die unsere Realität überzieht, gleich dem Text oder der Stimme. Weil es sich beim Netz nie um einen abgesonderten Raum gehandelt hat, waren die jahrhundertealten Formen von Macht in ihren kommerziellen, observierenden, misogynen, rassistischen, klassenspezifischen und allen möglichen sonstigen Konfigurationen immer tief in seiner Struktur verwurzelt. Dass sie sich auch heute noch manifestieren, darf uns also nicht überraschen.

Folglich sollte unsere Reaktion auf die Enthüllungen über Überwachung und Macht nicht darin bestehen, dass wir uns das Internet als Schlachtfeld zurechtlegen. Hier geht es nicht um "digitale" oder "Internet"-Aspekte, um "digitale" Probleme, und es gibt auch keine "digitalen" Lösungen. Wir müssen den gesamten Komplex vielmehr als ein modernes gesellschaftliches Problem mit tiefen historischen Wurzeln verstehen. Nicht um Recht und Gerechtigkeit im Netz, sondern um Recht und Gerechtigkeit ganz allgemein gilt es zu kämpfen.

Nathan Jurgenson ist Soziologe, Netz-Theoretiker und Autor für zahlreiche US-Medien.

Der Entwurf für ein neues Netz

Daniel Suarez: Baut neue Sraßen

Noch gibt es die Hoffnung auf ein offenes, uneingeschränktes Internet, wenngleich es dem Netz, wie wir es heute kennen und nutzen, kaum ähneln dürfte. Dieses "Internet 2.0" zu erschaffen, wird die Beteiligung von Menschen auf der ganzen Welt erfordern. Auch eine neue Netzwerkarchitektur wird dafür nötig sein – eine, die auf dezentralisierter Kontrolle und quelloffener Software und Hardware basiert.

Nun könnte man meinen, das Internet zeichne sich bereits durch eine dezentralisierte Architektur aus. In seinen Anfangstagen war das auch so. Dabei handelte es sich jedoch lediglich um einen Nebeneffekt der rasanten weltweiten Ausbreitung dieses Netzwerks. Es entwickelte sich einfach schneller, als die maßgeblichen Kreise aus Wirtschaft und Staat reagieren konnten – ganz abgesehen davon, dass jene Kreise die Veränderungen, die das Netz nach sich ziehen würde, zunächst gar nicht voll zu erfassen vermochten. Überall mussten die Interessenwächter überrascht feststellen, dass ihr exklusiver Zugang zu Informationen und Menschen umgangen wurde. Dies waren die unbekümmerten Jugendtage der Dotcom-Booms, als das Internet angeblich jedes Geschäft und jede soziale Aktivität, mit der es in Berührung kam, in seiner bisherigen Form "hinwegfegte" und umgestaltete. Was es ja auch tat, zumindest eine Zeitlang.

Doch blieben die einschlägigen Interessengruppen nicht untätig. Parallel zum Heranreifen des Internets und der gewaltigen Glasfasernetzwerke, aus denen es zusammengeschaltet ist, zogen sie neue Mauern und Tore an den Nadelöhren hoch, die alle Daten passieren müssen. Große Technologieunternehmen entwickelten darüber hinaus praktische – allerdings durch Eigentumsrechte geschützte – Mobilgeräte und die eingemauerten Gärten der sozialen Netzwerke, die nicht nur zu digitalen Kuratoren avancierten, sondern auch gewaltige Mengen von Daten über die Aktivitäten und sozialen Kontakte, ja selbst die alltäglichsten Schritte ihrer Nutzer anhäuften.

Das entspricht so gar nicht dem Gesellschaftsvertrag, mit dem die meisten Menschen großgeworden sind.

In der modernen Welt dienen Computernetzwerke nicht einfach nur der Gesellschaft, sie werden vielmehr selbst zum Gefüge der Gesellschaft. Dies aber heißt, dass wir sie als staatsbürgerliche Infrastruktur behandeln müssen – so wie Straßen und Autobahnen, die im Allgemeinen auch nicht als gewinnorientierte Unternehmen betrieben werden. Sie dienen dazu, die Gesellschaft mit sich selbst zu verbinden. Kommerz ist ein Teil davon, nicht aber der Hauptzweck.

Jahrhundertelang mussten unsere Vorfahren für die Rechte kämpfen, die uns die Demokratie gewährt. Um diese Freiheiten für die kommenden Generationen zu sichern, werden wir ein neues Netzwerk entwerfen müssen, das unseren Grundsätzen entspricht. Dieses Netz wird seinem Wesen nach nicht zentralisiert und obrigkeitsstaatlich sein, sondern dezentralisiert und unter örtlicher Kontrolle. Die Netzbürger werden in ihm nicht nur über theoretische Rechte verfügen – sondern zumal über die echte Handlungsfähigkeit, ihre Rechte auch zu verteidigen.

Daniel Suarez ist amerikanischer Softwareentwickler und Schriftsteller. Seine Bücher handeln von Katastrophen im Internet. Im Frühjahr erschien "Kill Decisions".

Übersetzungen von Michael Adrian