Viktor Mayer-Schönberger: Die dritte Internetphase

Nun also haben wir die dritte Phase erreicht. Viele Jahre lang wurde das Internet von Politik und Gesellschaft missachtet – zuerst zu Recht, weil die Konsequenzen seiner Nutzung zu klein waren, zu harmlos, in einer Zeit, die vom Kalten Krieg und dessen Ende beherrscht war. Danach folgten Jahre der Missachtung ohne guten Grund, einer dicken, zähen Ignoranz geschuldet.

Die zweite Phase begann vielleicht mit der Dotcom-Blase. Das Internet war, so wurde nun immer mehr Menschen klar, ein Platz, an dem die Dinge offenbar anders liefen. Mehr Produkte waren zu haben, und noch dazu günstiger. Man gelangte an Informationen, die bisher schwer zugänglich, sorgsam gehütet oder schlicht zu teuer waren. Das Internet etablierte sich als wundersamer Ort der Andersheit, der nicht zuletzt, aber eben auch nicht nur Freiheit suggerierte. Die Diskussion über diesen Ort blieb einem eigentümlichen Sonderweg verbunden, der sich nicht primär im Ergebnis, sondern im Zugang der Menschen und Institutionen, in ihren Versuchen, das Internet als Phänomen zu erfassen, widerspiegelte. Das Internet war dort, wo viele sein wollten.

Das Bekanntwerden von Prism markiert vielleicht die dritte Phase. Sie ist gekennzeichnet von einer zutiefst informationellen Sicht der Welt, in der Macht sich primär aus dem Zugang zu Informationen ableiten lässt, nein, noch genauer, von der Fähigkeit, Informationsflüsse zu steuern. Das Internet ist die alle Bereiche unserer Lebenswelt durchdringende Infrastruktur dieser Informationsflüsse. Der Kampf um die Vorherrschaft über die Steuerung der Informationsflüsse und um die sich daraus ergebende Deutungshoheit ist in vollem Gange.

Die Regierung Obama hat diese informationelle Macht erkannt – ganz folgerichtig will sie daraus Nutzen ziehen. Überraschen darf uns das nicht. Denn im Kern ist das die neue Aufgabe von Regierungen – die umfassende, auf Information basierende, voraussehende Steuerung der Gesellschaft. Dabei sind Regierungen Nachzügler. Sie folgen den Unternehmen wie Google und Facebook und Organisationen wie Wikipedia (und WikiLeaks!), die das längst erkannt haben. Das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor am Internet Institute der Oxford University, er veröffentlichte in diesem Jahr gemeinsam mit Kenneth Cukier das Buch "Big Data".

Jeff Jarvis: Das Netz muss offen bleiben

Der Kampf um die Kontrolle – und die Seele – des Internets hat gerade erst begonnen. Ich bezweifle, dass den Erfindern des Netzes bewusst war, wie subversiv es sein würde, jedermann mit jedermann zu verbinden und dabei die Institutionen zu umgehen, die traditionell für die Vermittlung solcher Verbindungen zuständig waren: angefangen von den Medien bis zum Staat, von den Universitäten bis zum Einzelhandel. Diese Institutionen haben sich nunmehr in Wagenburgen verschanzt, um ihre alten Vorrechte zu verteidigen: die Medien das Urheberrecht, der Staat die Geheimhaltung.

So sehr sie es aber auch in ihre Regie übernehmen wollen, im Internet geht es eher um Individuen als um Institutionen. Heutzutage kann sich jeder, der im Netz ist, an ein Publikum wenden, mit diesem zusammentun und gemeinsam aktiv werden. Jeder kann Informationen finden, verarbeiten, verkaufen und neue Informationen hervorbringen.

Im Dienst dieser Bedürfnisse und Chancen entstehen große neue Institutionen: Google, um uns mit den Informationen, Facebook, um uns untereinander, Twitter, um uns mit jedermann zu verbinden. Sie und wir handeln in einem voranschreitenden Prozess die Normen und die Ethik der Privatsphäre, Transparenz und Kontrolle aus. Nun aber tritt der Staat in Erscheinung. Er mag sich als Beschützer der Privatsphäre gerieren, in Wirklichkeit aber ist er ihre größte Bedrohung, denn er kann Informationen sammeln und gegen uns verwenden wie niemand sonst. Das Problem mit der NSA, das Edward Snowden enthüllt hat, ist keines der Technologie. Es geht um Transparenz. Der Fall NSA zeigt, dass Geheimhaltung zersetzend ist und absolute Geheimhaltung absolut zersetzend.

Wir müssen jetzt die Diskussion über die Grundlagen einer freien und offenen Gesellschaft führen, die duch Snowden endlich angestoßen wurden. Wie schützen wir diese Grundlagen vor den neuen technischen Möglichkeiten, "einfach alles zu sammeln", wie es NSA-Chef Keith Alexander ausgedrückt hat? Zu diesen Grundlagen gehören: 1. eine Ethik der Privatsphäre, die Staaten und Unternehmen daran hindert, heimlich unsere Daten zu überwachen; 2. das Ideal, dass der Staat im Normalfall offen ist und nur im Notfall geheim operiert; heute verhält es sich genau umgekehrt; 3. das Recht, sich online genauso zusammenzutun, zu sprechen, zu versammeln und zu handeln wie offline; 4. ein Verständnis der folgenden Tatsache: Wenn im Netz auch nur das kleinste bisschen von irgendeiner Institution aufgehalten, umgeleitet oder ausspioniert wird, dann kann nichts – auch nicht das Netz selbst – als frei gelten; 5. eine Übereinkunft dahingehend, dass das Netz offen bleiben muss und von keinem Staat kontrolliert oder zersetzt werden darf.

Jeff Jarvis ist Journalist, Blogger und Journalismus-Dozent in New York. 2012 erschien von ihm das Buch "Mehr Transparenz wagen!"

Markus Beckedahl: Rettet die Grundrechte

Seit Wochen decken immer neue Enthüllungen auf, wie unser digitales Leben anlasslos voll überwacht und gerastert wird. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern nur noch, wie oft und durch wen. Unsere Nachrichtendienste sind offensichtlich Profiteure und Beteiligte dieser globalen Überwachungsinfrastruktur, die durch Gesetze und eine Kooperation von Sicherheitsbehörden mit Unternehmen heimlich geschaffen wurde. Unsere Bundesregierung will davon nichts wissen. Dies wird jeden Tag unglaubwürdiger und einer Demokratie unwürdig.

Viele Menschen wollen nicht akzeptieren, dass unsere gesamte Kommunikation anlasslos, möglicherweise für immer, gespeichert  wird. Wir kommunizieren, arbeiten und lieben online. Wir möchten in dabei ebensowenig dauerüberwacht werden wie in unserem Schlafzimmer, im Gespräch mit Freunden oder beim Spazieren im Wald.

Technisch können wir aus den Enthüllungen lernen, dass der Schutz unserer Privatsphäre bei der Entwicklung von neuen Technologien sofort von Anfang an mitgedacht werden muss. Dezentrale Infrastrukturen bieten weniger Möglichkeiten zum Abgreifen der Daten als eine Zentralisierung bei einem großen Anbieter. Viele Ansätze gibt es in der Open-Source-Welt. Wir brauchen neue Förderinstrumente, um diese Projekte finanziell unterstützen zu können. Unabhängigkeit sollte uns das wert sein.

Politisch muss die Antwort sein, bestehende Datenaustausch-Abkommen mit den USA sofort zu kündigen und über mehr Datenschutz und eine notwendige demokratische Kontrolle neu zu verhandeln. Die aktuelle EU-Datenschutzreform muss genutzt werden, um starke Rechte gegenüber Sicherheitsbehörden und Unternehmen durchzusetzen.

Ich habe die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft Antworten darauf finden, wie unsere Grundrechte auch online gesichert und durchgesetzt werden können – politisch wie technisch. Es geht um nichts Geringeres als unsere digitale Zukunft mit den Grundwerten und Grundrechten, die wir kennen und lieben gelernt haben. Und die für eine freie und demokratische Gesellschaft essenziell sind.

Markus Beckedahl ist einer der bekanntesten deutschen Blogger. Er betreibt das Blog netzpolitik.org und hat den Verein Digitale Gesellschaft gegründet.