Glenn Greenwald : "Die USA halten Journalismus für ein Verbrechen"

Der Journalist Glenn Greenwald spricht im Interview über die Festnahme seines Partners am Flughafen Heathrow und die Frage, wie gut sich USB-Sticks verschlüsseln lassen.
Der Journalist und Anwalt Glenn Greenwald enthüllte im britischen "Guardian" den NSA-Skandal. © Sergio Moraes/Reuters

ZEIT ONLINE: Ihr Partner David Miranda ist am vergangenen Wochenende neun Stunden lang am Flughafen Heathrow in London verhört worden. Haben Sie da selber noch Lust, international zu verreisen? In die USA zum Beispiel, Ihr Heimatland?

Glenn Greenwald: Das Risiko liegt natürlich auf der Hand. Die USA halten Journalismus für ein Verbrechen, das haben sie sehr klar ausgedrückt. Das war auch schon vor den Ereignissen am vergangenen Wochenende der Fall, aber nach dieser Eskalation ist das Risiko sicherlich noch größer einzuschätzen. Andererseits: Das ist doch mein Heimatland! Die Verfassung garantiert eine freie Presse, und ich habe keine Verbrechen begangen.

ZEIT ONLINE: Also werden Sie demnächst zurück in Ihre Heimat reisen oder nicht?

Greenwald: Wenn die Zeit dafür gekommen ist.

ZEIT ONLINE: Sie leben zurzeit in Rio de Janeiro, und die brasilianische Regierung hat Ihnen kürzlich Schutz vor den USA angeboten. Fast ist ein wenig ironisch, wo ja auch in Brasilien allerlei Übergriffe gegen die Pressefreiheit bekannt sind ...

Greenwald: Nennen Sie mir mal bitte ein Land, wo es keine Probleme mit der Regierung gibt. In Fragen von Asyl oder internationalem Schutz läuft es ja nicht so, dass man sich ein Land sucht, das in jeder Hinsicht perfekt ist. Es geht darum, einen Ort zu finden, an dem man nicht verfolgt wird. Auch die USA, die eine ganze Fülle von Menschenrechtsverletzungen begehen, bieten jedes Jahr Tausenden von Menschen Asyl an.

ZEIT ONLINE: Mal eine ganz praktische Frage. Warum musste Ihr Partner David Miranda Dokumente oder Daten persönlich für Sie von Berlin nach Rio transportieren? Hätte man sie nicht verschlüsseln und über das Internet verschicken können? Dann wäre er in Heathrow vielleicht gar nicht erst festgehalten worden.

Greenwald: Ich will nicht genau erzählen, was er transportiert hat, aber es gibt eine Menge Dinge, die sich für eine solche Übertragung nicht eignen. Man kann keine physischen Gegenstände per Internet verschicken, und bestimmte Dateien sind dafür zu groß. Und dann ist da noch die Sicherheitsfrage. Man meint vielleicht, dass man die Daten bei der Übertragung schützt, aber ganz sicher ist man nie. Die US-Regierung hat eine Riesenmenge Geld und Expertise in das Internet gesteckt, um es unter Kontrolle zu behalten. Also bleibt als einzig sicherer Weg, Dinge persönlich zu überbringen.

ZEIT ONLINE: Das ist allerdings gerade ordentlich schief gegangen. Können Sie jetzt wenigstens ganz sicher sein, dass die Daten auf den beschlagnahmten USB-Sticks oder Festplatten wirklich effektiv geschützt sind?

Greenwald: Nun, wenn ich mich da auf die Dokumente der Vereinigten Staaten beziehen darf, zu denen ich ja Zugang habe, dann kann ich sagen: Die Behörden können offenkundig keine Verschlüsselung knacken, wenn sie richtig angewendet wird. Zumindest nicht auf viele Jahre hinaus. Also fühle ich mich bei verschlüsselten Informationen auf einem USB-Stick viel sicherer, als wenn ich die Daten irgendwo hochlade.

ZEIT ONLINE: Sprich, Sie sind ganz sicher, dass die Polizei oder Geheimdienste keine Daten bei David Miranda beschlagnahmen konnten, auf die sie jetzt Zugang hätten.

Greenwald: Alles, was er mit sich trug, sogar seine rein persönlichen Sachen fürs Studium, war durch Verschlüsselung geschützt, und das halten wir ohnehin immer so.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

97 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren