Es klang zunächst wie ein Witz. "Diese Mülltonne überwacht dich" – so werden die Leser eines Artikels im Online-Magazin Quartz begrüßt. Doch es war ernst gemeint: Die schwarzen Mülleimer registrieren Smartphones in ihrer Umgebung, erstellen Bewegungsprofile der Geräte, um den Besitzern passgenaue Reklame anzuzeigen. Und sie merken sich genau, wer da jeden Tag oder immer dienstags um zwei an ihnen vorbeigeht.

Die Vorstellung der wachsamen Mülltonne beunruhigt offenbar nicht nur in London viele Menschen. Es mag daran liegen, dass die Nerven blank liegen wegen des Überwachungsskandals, den Edward Snowden vor mehr als zwei Monaten ausgelöst hat. Der Artikel auf quartz.com jedenfalls blieb nicht ohne Folgen: Die Londoner Stadtverwaltung hat das Mülltonnen-Experiment mittlerweile verboten.

Die Macher des Start-ups Renew, das für die Aufstellung der neugierigen Mülleimer verantwortlich ist, sind sich keiner Schuld bewusst. Die Sensoren registrierten doch nur Handys, auf denen die WLAN-Suche aktiviert sei. Deren Besitzer würden ihre Daten also gewissermaßen freiwillig preisgeben, verteidigt sich Kaveh Memari, der CEO von Renew. Und wenn Renew mitschneide, wie und wohin sich die Handys und ihre Besitzer auf der Straße bewegen, wie häufig sie vorbeikommen und vor welchem Schaufenster sie stehenbleiben, übertrage man doch nur das Prinzip der Nutzeranalyse aus dem Internet auf die reale Welt. Firmen wie Facebook und Google schnitten viel mehr Daten mit, zitiert Quartz den trotzigen Start-up-Gründer. 

Ähnlich äußern sich die meisten der Entwickler, die auf diesem Gebiet arbeiten, und davon gibt es einige. Der Traum, die echte Welt und den Einzelhandel so eindeutig zu analysieren, wie es bei Amazon und auf anderen Shopping-Seiten im Netz seit Jahren üblich ist, wird derzeit an vielen Orten geträumt.

Vorbild Hollywood

Ein Offline-Tracking-System gibt es zum Beispiel von der Firma Brickstream, die Laufwege von Kunden einfach mit ihren Kameras aufzeichnet. Eleganter und günstiger ist es, sich die Tatsache zunutze zu machen, dass Smartphones auf der Suche nach einem WLAN ständig ihre MAC-Adresse und ihre Signalstärke übermitteln. Schon vor einem Jahr warb die Firma Navizon damit, dass sie Menschen auf diese Weise in Gebäuden lokalisieren kann, etwa in einem Kaufhaus oder in einem Museum.

Die Inspiration dafür, was sich mit diesen Daten anfangen lässt, liefert der nun auch schon elf Jahre alte Kinofilm Minority Report: Den Passanten, die hier an einem Geschäft vorbeigehen, werden individuell auf ihren Geschmack zugeschnittene Angebote eingeblendet. Die Werbung wird zum freundschaftlichen Einflüsterer, der die Bedürfnisse und Wünsche des Konsumenten genau kennt.

Sensor vor der Klotür in der Kneipe

So ungefähr hatten sich das wohl auch die Macher hinter Renew in London vorgestellt. Die Idee: Wer jeden Morgen an der Mülltonne vorbeikommt und zu einem Coffeeshop geht, könnte auf dem Bildschirm eines Morgens ja beispielsweise per Anzeige darauf hingewiesen werden, dass es im Konkurrenz-Café zum Cappuccino ein Croissant gratis dazu gibt. Oder der Kunde könnte für seine Treue im Stamm-Lokal mit einer automatischen Gutschrift belohnt werden. 

Aus den Bewegungen der Kunden im Geschäft lassen sich für die Händler wertvolle Informationen und Rückschlüsse ziehen, etwa wie der Laden optimal eingerichtet und bestückt werden kann. Renew-Gründer Memari träumt eigenen Angaben zufolge davon, einen Pub mit Sensoren auszurüsten. Die sollen ihm mitteilen, wie lange die Kunden bleiben, ob sie auf der Terrasse etwas trinken oder drinnen etwas essen und – dafür müsste ein Sensor vor den Toiletten postiert werden – welches Smartphone einem Mann gehört und welches einer Frau.