Trusted Computing : Bundesbehörden sehen Risiken beim Einsatz von Windows 8

Microsoft will bei Windows 8 den neuen Trusted-Computing-Standard nutzen. Experten der Bundesregierung haben darin ein Sicherheitsproblem für Behörden gesehen.

ZEIT ONLINE hat diesen Artikel zunächst unter einer anderen Überschrift veröffentlicht. Microsoft hat daraufhin vor Gericht eine Einstweilige Verfügung erwirkt, aufgrund derer ZEIT ONLINE den Artikel nicht weiter unter der ursprünglichen Überschrift verbreiten darf. Um ihn weiter zugänglich machen zu können, hat ZEIT ONLINE Überschrift und Teaser sowie den ersten Absatz geändert.

Die Beteiligten haben einen Rechtsstreit über die Zulässigkeit der Berichterstattung der Beklagten über Windows 8 geführt: dieser Rechsstreit ist im gegenseitigen Einvernehmen und Entgegenkommen beigelegt. Dabei wurden die Interessen der Parteien angemessen in Ausgleich gebracht.

Wie vertrauenswürdig ist Microsoft? Für die Bundesverwaltung und alle deutschen Behörden, Unternehmen und Privatanwender, die auch in Zukunft mit dem Betriebssystem Windows arbeiten wollen, stellt sich diese Frage heute mehr denn je. Denn früher oder später müssten sie Windows 8 oder dessen Nachfolger verwenden. Aus internen Dokumenten, die ZEIT ONLINE vorliegen, geht aber hervor, dass IT-Experten des Bundes bei Windows 8 Probleme für die IT-Sicherheit der Bundesverwaltung erkannt haben. Der Grund dafür ist nicht das Betriebssystem allein, sondern dessen Kombination mit dem sogenannten Trusted Computing.

Trusted Computing ist alles andere als ein neues Phänomen. Seit rund zehn Jahren ist die Technik auf dem Markt. Vereinfacht gesagt, geht es dabei um den Versuch, den Rechner vor Manipulationen durch Dritte zu schützen, zum Beispiel vor Viren und Trojanern. Der Benutzer soll sich dabei um nichts mehr kümmern müssen. Um das zu erreichen, braucht es erstens einen speziellen Chip, der Trusted Platform Module (TPM) genannt wird, und zweitens ein darauf abgestimmtes Betriebssystem. Zusammen regeln sie unter anderem, welche Software der Nutzer auf einem Computer installieren darf und welche nicht. Wie das genau funktioniert und welche Funktionen sonst noch zum Trusted Computing gehören, wird zum Beispiel hier und hier erklärt.

Die Art und Weise, wie der Chip und das Betriebssystem zusammenarbeiten, ist standardisiert. Die entsprechende Spezifikation wird von der Trusted Computing Group (TCG) festgelegt. Die TCG wurde vor zehn Jahren von Microsoft, Intel, Cisco, AMD, Hewlett-Packard und Wave Systems gegründet – allesamt US-Unternehmen.

Die bisherige TPM-Spezifikation wird demnächst durch eine neue ersetzt, sie heißt kurz TPM 2.0. Was in Smartphones, Tablets und Spielekonsolen längst üblich ist, wird durch die Kombination von TPM 2.0 und Windows 8 auch auf PCs und Notebooks zum Normalfall: Hardware und Betriebssystem sind aufeinander abgestimmt, und der Hersteller des Betriebssystems legt fest, welche Anwendungen auf einem Gerät installiert werden können und welche nicht. Anders gesagt: Trusted Computing ist ein Weg, ein Digital Rights Management (DRM) durchzusetzen.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Microsoft könnte damit theoretisch bestimmen, dass kein Textverarbeitungsprogramm außer Microsoft Word unter Windows 8 funktioniert. Das kann wettbewerbsrechtlich problematisch sein. Es hat aber auch sicherheitsrelevante Folgen, eben weil der Nutzer keinen Einfluss auf das hat, was Microsoft erlaubt und was nicht. Drei Punkte sind dafür entscheidend: Erstens ist das TPM im Gegensatz zum bisherigen Standard künftig schon beim ersten Einschalten des Computers aktiviert. Wer den Computer in Betrieb nimmt, kann also nicht mehr selbst entscheiden, ob er die Trusted-Computing-Funktionen nutzen will (Opt-in). Zweitens ist künftig kein nachträgliches, vollständiges Deaktivieren des TPM mehr möglich (Opt-out). Drittens übernimmt das Betriebssystem die Oberhoheit über das TPM, im Fall eines Windows-Rechners also letztlich Microsoft.

Spätestens im Jahr 2015 wird praktisch jeder handelsübliche Computer mit Windows 8.x nach dem Standard TPM 2.0 funktionieren. Was Microsoft durch Aktualisierungen dann aus der Ferne mit dem System und damit dem ganzen Computer macht, ist für den Nutzer nicht vollständig zu überblicken.

Zusammengefasst verlieren die Nutzer eines Trusted-Computing-Systems die Kontrolle über ihren Computer. Das gehört zwar ein Stück weit zur Grundidee von Trusted Computing, wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hier sehr ausführlich erklärt. Das BIS empfiehlt Behörden, Unternehmen und Privatanwendern den Einsatz dieser Technik auch, sofern sie bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Zu diesen Voraussetzungen aber gehören die Optionen des Opt-in und des Opt-out – und die fallen künftig weg.

"Vertraulichkeit und Integrität nicht gewährleistet"

Stattdessen könnte Microsoft festlegen, welche Programme noch auf dem Computer installiert werden können, bereits eingerichtete Programme nachträglich unbrauchbar machen und Geheimdiensten helfen, fremde Computer zu kontrollieren. Die zuständigen Fachleute im Bundeswirtschaftsministerium, in der Bundesverwaltung und beim BSI warnen denn auch unmissverständlich vor dem Einsatz von Trusted Computing der neuen Generation in deutschen Behörden.

So heißt es in einem internen Papier aus dem Wirtschaftsministerium von Anfang 2012: "Durch den Verlust der vollen Oberhoheit über Informationstechnik" seien "die Sicherheitsziele 'Vertraulichkeit' und 'Integrität' nicht mehr gewährleistet." An anderer Stelle stehen Sätze wie: "Erhebliche Auswirkungen auf die IT-Sicherheit der Bundesverwaltung können damit einhergehen." Die Schlussfolgerung lautet dementsprechend: "Der Einsatz der 'Trusted-Computing'-Technik in dieser Ausprägung … ist für die Bundesverwaltung und für die Betreiber von kritischen Infrastrukturen nicht zu akzeptieren."

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Kommentare

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Windows << OS X, Ubuntu < Spezielle Linux-Distributionen

Kurz gesagt: Besser, aber nicht perfekt. Bei Apple und bei Android sind mindestens die Kerne der Betriebssysteme Open Source. Bei Android noch deutlich mehr. Bei Macs (mit OS X) haben Sie ein hohes Sicherheitsniveau, aber keine Bevormundung wie sie Microsoft mit TPM anstrebt. Was Sicherheit und Datenschutz angeht kann man es bei Desktop-Systemen so sagen: Windows ist die mit Abstand schlechteste Wahl. Mit großem Abstand folgt dann Apples OS X und in etwa auf gleicher Stufe praktisch orientierte Linux-Distributionen wie Ubuntu. Dann folgt mit großem Abstand als Optimum von entsprechender Ideologie getriebene Linux-Distributionen (z. B. http://www.gnu.org/distro...). Nachteil bei letzteren, aber auch z. B. bei Ubuntu, ist die schlechtere UX (obwohl es dabei enorme Fortschritte gab). Das ist zwar eine emotionale Streitfrage, aber für die meisten Normalnutzer eigentlich offensichtlich. Deswegen und wegen der größeren Hardware- und Software-Unterstützung halte ich OS X noch immer für den besten Kompromiss. Das ist also die Situation. Windows am schlimmsten und bestimmte eher unbekannte Linux-Distributionen am besten und zwischen beiden Polen das praktisch sinnvolle ;)

Monopole

Trusted Computing ist ein geradezu klassisches Beispiel für die schädliche Wirkung von Monopolen. Windows ist seit Jahren das einzig nennenswerte Betriebssystem für PCs, auf dem gängige Software läuft (Linux nehm ich jetzt mal raus, darauf laufen zum Beispiel keine aktuellen PC-Spiele).

Schon seit Jahren versucht Microsoft, dieses Monopol auszunutzen, ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie MS damals gegen den ersten konkurrierenden Internetbrowser vorgegengan ist. In diesem Bereich hat Microsoft sein Monopol dank Mozilla und Co. schon verloren.

Jetzt ist es an der Zeit, dass auch bei den Betriebssystemen das Monopol endlich endet: Was die Welt jetzt braucht, ist ein alternatives Betriebssystem, auf dem alle Windows-Programme uneingeschränkt laufen, dass aber nicht von Microsoft stammt und auf dem natürlich auch dieses unsägliche "Trusted Computing" fehlt. Jede der großen Softwareschmieden hat jetzt ein paar Jahre Zeit, solch eine Windows-Altrnative zu entwickeln, die Stimmung gegen Microsoft auszunutzen und dadurch viel Geld zu verdienen.

Es hat in der Vergangenheit schon einige dieser Angriffe gegeben, zum Beispiel OS/2. Die nächste ernstzunehmende Attacke auf Microsoft Windows wird Erfolg haben.