Die Rentner der Zukunft werden eine digitale Sehhilfe mit Internet-Anbindung haben. Stellen Sie sich vor, Großkonzerne blenden in diese dann neben dem Bild des Enkels Werbung für Spielzeug ein. Oder Geheimdienste klinken sich in das Sichtfeld ihrer politisch interessierten Freunde. Damit wäre es möglich, die Wahrnehmung vieler Menschen und damit ihr Verhalten entscheiden zu beeinflussen. Klingt wie Science-Fiction?

Schon heute gibt es Brillen, mit eingebautem Computer. Wenn wir den Status Quo im Netz stillschweigend hinnehmen, könnte es zu einer realistischen Perspektive werden.

Das Netz ist nicht zu der schönen neuen, offenen und gleichberechtigten digitalen Welt geworden von der die Nerds und Geeks in den Neunzigern geträumt hatten. Wohin wir schauen, finden wir geschlossene Systeme, geheime Codes, unfreie Standards und Hintertüren für Geheimdienste. Willkommen in der globalen Gated Community!

Dabei waren einst offene Standards der Schlüssel zur Erfolgsgeschichte des Netzes. Bruce Schneier schreibt, die Geheimdienste hätten den Gesellschaftsvertrag der Netzbewohner kaputt gemacht. Doch wie frei ist ein Vertrag, den ich mit einem Monopolisten schließe? Die Berichte der letzten Monate legen den Verdacht nahe, das Internet sei irgendwo kaputt – doch wie können wir es reparieren? Die Antwort: Wir müssen bei Geheimdiensten aber auch bei den Unternehmen ansetzen.

Zentralisierte Daten lassen sich leichter verkaufen

Der Markt im digitalen Raum begünstigt die Einrichtung eines engmaschigen Überwachungsnetzes. Einige wenige Monopolisten generieren Gewinne durch umfassende Datensammlungen. Die Struktur folgt der Logik des Consumerism, der Frage wie man Nutzerinteraktionen am effektivsten zu Geld machen kann. Statt dezentraler offener Strukturen und Marktplätze etablieren sich so zentralisierte und abgeschottete Shopping-Malls mit Vollüberwachung.

Geheimdienste brauchen nur wenige Anbieter anzuzapfen, um einen Großteil der Nutzerdaten abzugreifen: Google, Apple, Microsoft und Facebook. Mit staatlichem Druck werden sie gezwungen, Hintertüren in ihre unfreie Software und in ihre Verschlüsselungsdienste einzubauen. Sind sie nicht willig, dann kommt man mit Gerichtsbeschluss und Maulkorberlass. Die Snowden-Dokumente zeigen, dass mehrere tausend Menschen in Dutzenden Unternehmen über die Zugriffsmöglichkeiten der Dienste informiert waren, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Das Netz entwickelt sich zu einem Zusammenspiel von wenigen Gated Communities, in denen aus ökonomischen Gründen überwacht wird und für die Marktforscher und der Staat einen Zweitschlüssel bekommen.

Unser Recht an den eigenen Daten geben wir bei den Pförtnern der digitalen Hotels ab. Das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. Wer einen Rechner ohne vorinstallliertes Microsoft mit Hintertüren-Outlook oder ohne Apple Betriebssystem kaufen möchte, kann lange suchen. Den kommerziellen und staatlichen Überwachern kann nur entgehen, wer Zeit und technischen Sachverstand hat.

Menschen gehen nicht zu Facebook, weil das Unternehmen die besten Geschäftsbedingungen auf dem Markt hat. Die liest sowieso niemand. Menschen gehen zu Facebook, weil alle anderen bereits dort sind und so schnell auch nicht wieder wegkönnen. Wer aus den geschlossenen Gesellschaften ausbrechen will, muss seine Bekanntschaften und sein Leben zurücklassen. Dieser Netzwerkeffekt befeuert das Entstehen von Monopolen. 

Datenportabilität, also das Recht, seine Daten in einem frei lesbaren Format einzupacken und anderswohin mitzunehmen, ist nicht vorgesehen. Soziale Netzwerke wollen uns in ihrem goldenen Käfig halten. Das verhindert Vielfalt und Wettbewerb im Netz – bei dem auch Anbieter eine Chance hätten, die anders mit den Daten ihrer Nutzer umgehen. Sie kommen gegen die Monopolisten hinter ihren hohen Mauern nicht an.