NSA-Affäre"Verschlüsselung ist Bürgerpflicht"

Phil Zimmermann hat die E-Mail-Verschlüsselung PGP erfunden. Im Interview fordert er, gegen den Überwachungsstaat zu kämpfen und Dienste wie WhatsApp zu codieren. Interview: 

Demonstrant in Frankfurt mit selbstgebastelter Überwachungstechnik

Demonstrant in Frankfurt mit selbstgebastelter Überwachungstechnik  |  © Kai Pfaffenbach/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Zimmermann, Sie haben die bis heute als sicher geltende E-Mail-Verschlüsselung PGP entwickelt und sind einer der bekanntesten Experten für Verschlüsselung. Verwenden Sie die Technik für alle E-Mails, die Sie versenden?

Phil Zimmermann: Nein. Es mag viele erstaunen, aber normalerweise verschlüssele ich meine E-Mails nicht. Viele meiner Kontakte  haben die Technik nicht. Nur ein Ende der Kommunikation zu verschlüsseln funktioniert aber nicht, es müssen schon beide Partner entsprechende Programme haben. Vielen privaten Nutzern ist das zu kompliziert. Sogar ich muss gestehen: Als Nutzer mit einem Macintosh ist Verschlüsselung über das Programm PGP, das ich selbst erfunden habe, kompliziert.

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ZEIT ONLINE: Ist Verschlüsselung also immer noch ein Nischenthema, das nur für Nerds interessant ist? 

Zimmermann: Eigentlich sollte jeder seine Alltagskommunikation verschlüsseln. Wir müssen an die Folgen unseres Handelns für die Gesellschaft denken. Nicht jeder Inhalt einer WhatsApp-Nachricht ist hochsensibel. Darum geht es aber auch gar nicht. Indem wir unsere Kommunikation verschlüsseln, tragen wir dazu bei, dass es zu einer sozialen Norm wird. Verschlüsselte Nachrichten werden dann als normal akzeptiert.

Phil Zimmermann
Phil Zimmermann

Der amerikanische Informatiker Philip Zimmermann, 59 Jahre alt, ist ein führender Experte auf dem Gebiet der Verschlüsselung. 1991 entwickelte er das Softwarepaket Pretty Good Privacy (PGP), das E-Mails verschlüsselt. Auch heute gilt PGP noch als sicher. Für seine Leistung wurde Zimmermann in die Internet Hall of Fame aufgenommen und mit diversen Auszeichnungen geehrt. Zimmermann arbeitet immer noch an Tools für Kryptografie. Er ist Mitbegründer der Firma Silent Circle. Sie bietet Anwendungen an, mit denen Nutzer ihre Kommunikation abhörsicher machen können.

ZEIT ONLINE: Wieso ist das wünschenswert?

Zimmermann: Kennen Sie den Film Spartakus? Es geht um einen Sklavenaufstand im alten Rom. Der römische Feldherr verspricht allen Sklaven ihre Freiheit, wenn sie ihren Anführer, Spartakus, ausliefern. Bevor der sich zu erkennen geben kann, steht ein anderer auf und sagt: "Ich bin Spartakus". Nach und nach stehen alle auf, um Spartakus zu schützen. Das ist es, was wir auch tun müssen: Wir alle müssen lernen, unsere Kommunikation zu schützen, denn damit bieten wir anderen Menschen Schutz. Wenn wir unsere Gesellschaft vor einer schlimmen Zukunft bewahren wollen, muss Verschlüsselung zur Bürgerpflicht werden.

ZEIT ONLINE: Dafür müsste Verschlüsselung aber erst einmal ihr Image-Problem loswerden. Viele Menschen denken an Spione und Dechiffriermaschinen, wenn sie das Wort hören.  

Zimmermann: Unsere Sicht der Rolle von Kryptografie braucht ein Update. Normale Menschen brauchen sie, um in der Informationsgesellschaft selbstbestimmt leben zu können. Wir brauchen sie für Internetbanking und Onlineeinkäufe, für Telefonate mit unserem Arzt und Gespräche mit Geschäftskollegen. Früher brauchte man als einfacher Bürger keine Verschlüsselung, man hat sich einfach von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Heute ist die Kommunikation ins Internet gewandert. Und plötzlich kann man ohne Verschlüsselung keine private Konversation mehr führen.

ZEIT ONLINE: Richtig. Der amerikanische Geheimdienst, die NSA, hört überall mit. Das hat Whistleblower Edward Snowden aufgedeckt. Wie beurteilen Sie als US-Bürger die Situation in ihrem Heimatland?

Zimmermann: Der frühere Präsident Jimmy Carter hat vor Kurzem gesagt, dass wir keine funktionierende Demokratie mehr haben. Und ich glaube, der Mann hat recht. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 sind wir durchgedreht. Regierungen auf der ganzen Welt haben einen Exzess der Überwachungstechnik eingeleitet und die Öffentlichkeit hat das akzeptiert. Jetzt müssen wir diese Auswüchse zurückdrängen. 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die NSA hat ihre Daseinsberechtigung. Ich glaube, dass Geheimdienste eine Aufgabe zu erfüllen haben. Aber die NSA verletzt den Sozialvertrag, der eigentlich für sie gelten sollte. Der Deal war, dass sie die eigene Bevölkerung nicht ausspäht.  

ZEIT ONLINE: Aber ausländische Bürger schon? Auch fremde Nationen haben ein Recht auf Datenschutz. 

Zimmermann: Natürlich möchte niemand gerne bespitzelt werden. Wenn China in Deutschland spioniert, muss aber kein Deutscher Angst haben, dass gleich die Polizei im Wohnzimmer steht, weil es eben nicht der eigene Staat ist, der Informationen sammelt. Erst wenn die Behörden Bürger im eigenen Land ausspähen, wird es gefährlich für die Demokratie. Auch Deutschland und andere europäische Länder haben Geheimdienste, die wahrscheinlich Dinge tun, die man vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

Leserkommentare
  1. dass man zum einen nicht wirklich versteht was da vor sich geht und zum anderen sich sehr hilflos fühlt - niemand der Parteien erweckt wirklich den Eindruck und den Will sie hätte die Kompetenz und Ambition das was vor sich geht zu ändern... das ist frustrierend.

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    Genau so ist es. Noch vor wenigen Tagen wurde den Menschen geraten, nutzt verschlüsselte Webseiten, verschlüsselt eMails etc.pp. Heute hört man, die Amerikaner können auch diese Dinge problemlos lesen - durch massiven Geldeinsatz.

    Das Problem für den Bürger hier und auch für die amerikanische Bevölkerung ist, man hat gar keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren. Versucht man es steht man direkt unter Generalverdacht. Und die Politik versucht diese Thematik auszusitzen. Denn man weiß nicht wie man dieser Sache begegnen kann. Man wird sich bei unseren Politikern sicherlich tierisch ärgern darüber was die Amerikaner machen, nur man möchte ja auch nicht die Beziehungen gefährden. Also duldet man es - man gewährt ihnen die Narrenfreiheit.

    Aber was daraus entstehen kann beängstigt mich. Je mehr Macht eine Regierung hat, desto mehr missbraucht sie diese. Die Entwicklung deutet auf eine Veränderung von Demokratie zu totalitär hin. Die Amerikaner haben schon seit langem ihre Verfassung und ihre "Freiheit" verraten. Und auch in den meisten anderen "Demokratien" wird die Freiheit des Menschen" für den höheren Zweck der Terrorabwehr immer weiter beschnitten.

    >> niemand der Parteien erweckt wirklich den Eindruck <<

    ... aber das ist so nicht richtig. Sätze wie Ihren hört und liest man seit Beginn der Spähaffäre. Wenn einem das Thema wichtig ist, dann muss man sich die Parteien aber näher ansehen.

    Die brutalstmöglichen Verschleierer heißen CDU, CSU, und die FDP spielt - bizarrerweise! - mit.

    Von da an gehts bergauf. Linke, Grüne und auch die SPD sind da deutlich aktiver, selbst Steinbrück weiß, dass die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen das beste Druckmittel gegen die USA sind, das wir in der Hand haben. Und für die Piraten ist das Thema ein echtes Heimspiel, die dümpeln aber im demoskopisch nicht messbaren Bereich herum.

    Dabei wäre allein deren Anwesenheit im Bundestag ein echter Gewinn.

    Wieso zur Hölle hört man nichts von der Piraten Partei zu dem Thema. Liegt es an denen und sie lassen sich DIE chance auf großen Wählerzuspruch entgehen oder ist es die Presse die nichts mehr über die Piraten zu schreiben weiß, nachdem sie jede skurrilitaet der Mitglieder durch den Kakao gezogen hat...?!

  2. "Nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 sind wir durchgedreht."

    Richtig, eine nüchterne Analyse der Anschläge wäre angemessener gewesen als die medial unterstützte Hysterie. Ein empfehlenswerter Dokumentarfilm zum Thema:

    http://en.wikipedia.org/w...

    https://www.youtube.com/w...

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    Wer ist wir ??

    Wenn jemand durchgereht ist, dann die neue Führernation USA !!!

  3. hat hier:

    http://blog.freiheitstatt...

    die Möglichkeit dazu. Großdemonstration in Berlin, am 7.September 2013
    Beginn 13 Uhr

    Beste Grüße
    FSonntag

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  4. unsere 'mutti' hat doch bereits mit obama gesprochen und damit ist doch alles gut - das einlullen der wähler funktioniert auch bei diesem thema, was ja auch schließlich neuland für uns ist, sagt unsere bundeskanzlerin.

    => für einen großteil der wähler wird das kein thema sein (motto: wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten) und der rest kann nichts ausrichten, weil's zu wenige sind.

    2 Leserempfehlungen
  5. kompliziert und anspruchsvoll. Ein Selbstschutz ist daher für nur sehr wenige Leute möglich. Die Politik ist auf breiter Front gefordert. Wenn ich mir die CDU mit A.Merkel ansehe und die diesbezüglichen Aktivitäten, findet da das ganze Gegenteil von Bürgerschutz statt. Hier hilft nur noch abwählen am 22.09., denn genau diesen Politikern haben wir das gegenwärtige "digitale Elend" und den Verrat am "einfachen" Bürger zu verdanken.

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    • Snorrt
    • 06. September 2013 10:18 Uhr

    Leider werden von Seiten der Journalisten in der letzten Zeit nicht mehr die richtigen Fragen gestellt, noch dazu, wenn eine Steilvorlage geradezu danach schreit:

    "... Vielen privaten Nutzern ist das zu kompliziert. Sogar ich muss gestehen: Als Nutzer mit einem Macintosh ist Verschlüsselung über das Programm PGP, das ich selbst erfunden habe, kompliziert."

    Warum Herr Zimmermann sind Programme wie PGP eigentlich so kompliziert zu bedienen? Warum integriert man eigentlich kein Mailprogramm (Aufwand überschaubar), um wenigstens für wichtige, private Emails eine Möglichkeit zu schaffen? Warum übermittelt das Programm beim ersten Kontaktversuch zu einer fremden Emailadresse nicht den öffentlichen Schlüssel und fragt vollautomatisch ab, ob ein entsprechender öffentlicher Schlüssel bei der Gegenstelle existiert? Zu realisieren ist dies einfach über gängige Mailprotokolle, mit heutiger Technik, mit heutigen Möglichkeiten.

    Alles was ein User tun müsste: Programm installieren, 20 Zeichen umfassendes Passwort als Schlüssel hinterlegen, eine Mail verschicken.

    Dass NSA-Sklaven wie Microsoft den Einbau von OPGP extrem erschweren liegt auf der Hand. Dass Programmierer wie Zimmermann in ihr PGP keinen einfachen Emailclient einbauen und den Austausch der Schlüssel (öffentlich) automatisieren, verstehe ich nur, wenn ich daran denke, dass selbst die NYT einknickt, wenn die Damen und Herren Demokratieschänder von der NSA an die Tür klopfen.

    Kurz: Es geht, aber es wird nicht erlaubt.

    nur das doofe Beispiel email taugt dazu nicht viel.

    Den Computer verschlüsselt man bei Linux gleich bei der Installation vollständig, wer die NSA-Software Windows verwenden will, kann aber trotzdem mit truecrypt alles verschlüsseln. Truecrypt ist einfach zu installieren, Open Source, kostenlos und sicher.

    Den Torbrowser kann man genauso einfach runterladen und installieren wie jedes andere Programm. Und zum Austausch von Nachrichten, automatisch voll verschlüsselt, gibt es torchat.

    Dazu braucht niemand höhere Mathematik. Runterladen installieren starten, alles mit den Defaulteinstellungen, und man ist auf der sicheren Seite.

    Und, noch besser, beim Torbrowser leicht zu finden, kann man seinen Computer auch als Relay oder Brückenknoten zur Verfügung stellen und somit auch anderen helfen. Auch das geht mit wenigen Klicks und Defaulteinstellungen.

  6. Geht dieses mal waehlen und macht diesem Elend ein Ende!

    13 Leserempfehlungen
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    >> Geht dieses mal waehlen und macht diesem Elend ein Ende! <<

    ... gesehen wird man dem Elend wohl kein Ende machen können. Aber die Chance, die regierenden Erfüllungsgehilfen der USA erheblich bei der Arbeit zu stören, ist groß.

    Dem steht allerdings das verbreitete "die blöden Politiker sind alle gleich"-Gejammer im Weg.

  7. Genau so ist es. Noch vor wenigen Tagen wurde den Menschen geraten, nutzt verschlüsselte Webseiten, verschlüsselt eMails etc.pp. Heute hört man, die Amerikaner können auch diese Dinge problemlos lesen - durch massiven Geldeinsatz.

    Das Problem für den Bürger hier und auch für die amerikanische Bevölkerung ist, man hat gar keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren. Versucht man es steht man direkt unter Generalverdacht. Und die Politik versucht diese Thematik auszusitzen. Denn man weiß nicht wie man dieser Sache begegnen kann. Man wird sich bei unseren Politikern sicherlich tierisch ärgern darüber was die Amerikaner machen, nur man möchte ja auch nicht die Beziehungen gefährden. Also duldet man es - man gewährt ihnen die Narrenfreiheit.

    Aber was daraus entstehen kann beängstigt mich. Je mehr Macht eine Regierung hat, desto mehr missbraucht sie diese. Die Entwicklung deutet auf eine Veränderung von Demokratie zu totalitär hin. Die Amerikaner haben schon seit langem ihre Verfassung und ihre "Freiheit" verraten. Und auch in den meisten anderen "Demokratien" wird die Freiheit des Menschen" für den höheren Zweck der Terrorabwehr immer weiter beschnitten.

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  8. >> niemand der Parteien erweckt wirklich den Eindruck <<

    ... aber das ist so nicht richtig. Sätze wie Ihren hört und liest man seit Beginn der Spähaffäre. Wenn einem das Thema wichtig ist, dann muss man sich die Parteien aber näher ansehen.

    Die brutalstmöglichen Verschleierer heißen CDU, CSU, und die FDP spielt - bizarrerweise! - mit.

    Von da an gehts bergauf. Linke, Grüne und auch die SPD sind da deutlich aktiver, selbst Steinbrück weiß, dass die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen das beste Druckmittel gegen die USA sind, das wir in der Hand haben. Und für die Piraten ist das Thema ein echtes Heimspiel, die dümpeln aber im demoskopisch nicht messbaren Bereich herum.

    Dabei wäre allein deren Anwesenheit im Bundestag ein echter Gewinn.

    15 Leserempfehlungen
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    hab sie recht - nur hab ich bislang nichts konstruktives von den Piraten gehört - die machen lieber Schlagzeilen mit ihren Sexy-Parteimitgliedern und frovlen Büchern die den Unterhaltungsgrat von Marmelade haben... was soll denn das?

    Sorry, aber die SPD war bis 2009 in der Regierung, sitzt im PKGr und spielt ebenso wie die anderen den Unwissenden. Zudem werben sie für die Vorratsdatenspeicherung, empören sich aber gleichzeitig über die Abhörmethoden der NSA. Dass eine Oppositionspartei hier während des Wahlkampfes den Moralapostel gibt ist verständlich, der Wähler kauft das aber nicht ab. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, verhält es sich bei den Grünen. Kaum ein Wähler glaubt daran, dass irgendeine der etablierten Pareien diese Probleme ernsthaft angeht.

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