ZEIT ONLINE: Herr Zimmermann, Sie haben die bis heute als sicher geltende E-Mail-Verschlüsselung PGP entwickelt und sind einer der bekanntesten Experten für Verschlüsselung. Verwenden Sie die Technik für alle E-Mails, die Sie versenden?

Phil Zimmermann: Nein. Es mag viele erstaunen, aber normalerweise verschlüssele ich meine E-Mails nicht. Viele meiner Kontakte  haben die Technik nicht. Nur ein Ende der Kommunikation zu verschlüsseln funktioniert aber nicht, es müssen schon beide Partner entsprechende Programme haben. Vielen privaten Nutzern ist das zu kompliziert. Sogar ich muss gestehen: Als Nutzer mit einem Macintosh ist Verschlüsselung über das Programm PGP, das ich selbst erfunden habe, kompliziert.

ZEIT ONLINE: Ist Verschlüsselung also immer noch ein Nischenthema, das nur für Nerds interessant ist? 

Zimmermann: Eigentlich sollte jeder seine Alltagskommunikation verschlüsseln. Wir müssen an die Folgen unseres Handelns für die Gesellschaft denken. Nicht jeder Inhalt einer WhatsApp-Nachricht ist hochsensibel. Darum geht es aber auch gar nicht. Indem wir unsere Kommunikation verschlüsseln, tragen wir dazu bei, dass es zu einer sozialen Norm wird. Verschlüsselte Nachrichten werden dann als normal akzeptiert.

ZEIT ONLINE: Wieso ist das wünschenswert?

Zimmermann: Kennen Sie den Film Spartakus? Es geht um einen Sklavenaufstand im alten Rom. Der römische Feldherr verspricht allen Sklaven ihre Freiheit, wenn sie ihren Anführer, Spartakus, ausliefern. Bevor der sich zu erkennen geben kann, steht ein anderer auf und sagt: "Ich bin Spartakus". Nach und nach stehen alle auf, um Spartakus zu schützen. Das ist es, was wir auch tun müssen: Wir alle müssen lernen, unsere Kommunikation zu schützen, denn damit bieten wir anderen Menschen Schutz. Wenn wir unsere Gesellschaft vor einer schlimmen Zukunft bewahren wollen, muss Verschlüsselung zur Bürgerpflicht werden.

ZEIT ONLINE: Dafür müsste Verschlüsselung aber erst einmal ihr Image-Problem loswerden. Viele Menschen denken an Spione und Dechiffriermaschinen, wenn sie das Wort hören.  

Zimmermann: Unsere Sicht der Rolle von Kryptografie braucht ein Update. Normale Menschen brauchen sie, um in der Informationsgesellschaft selbstbestimmt leben zu können. Wir brauchen sie für Internetbanking und Onlineeinkäufe, für Telefonate mit unserem Arzt und Gespräche mit Geschäftskollegen. Früher brauchte man als einfacher Bürger keine Verschlüsselung, man hat sich einfach von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Heute ist die Kommunikation ins Internet gewandert. Und plötzlich kann man ohne Verschlüsselung keine private Konversation mehr führen.

ZEIT ONLINE: Richtig. Der amerikanische Geheimdienst, die NSA, hört überall mit. Das hat Whistleblower Edward Snowden aufgedeckt. Wie beurteilen Sie als US-Bürger die Situation in ihrem Heimatland?

Zimmermann: Der frühere Präsident Jimmy Carter hat vor Kurzem gesagt, dass wir keine funktionierende Demokratie mehr haben. Und ich glaube, der Mann hat recht. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 sind wir durchgedreht. Regierungen auf der ganzen Welt haben einen Exzess der Überwachungstechnik eingeleitet und die Öffentlichkeit hat das akzeptiert. Jetzt müssen wir diese Auswüchse zurückdrängen. 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die NSA hat ihre Daseinsberechtigung. Ich glaube, dass Geheimdienste eine Aufgabe zu erfüllen haben. Aber die NSA verletzt den Sozialvertrag, der eigentlich für sie gelten sollte. Der Deal war, dass sie die eigene Bevölkerung nicht ausspäht.  

ZEIT ONLINE: Aber ausländische Bürger schon? Auch fremde Nationen haben ein Recht auf Datenschutz. 

Zimmermann: Natürlich möchte niemand gerne bespitzelt werden. Wenn China in Deutschland spioniert, muss aber kein Deutscher Angst haben, dass gleich die Polizei im Wohnzimmer steht, weil es eben nicht der eigene Staat ist, der Informationen sammelt. Erst wenn die Behörden Bürger im eigenen Land ausspähen, wird es gefährlich für die Demokratie. Auch Deutschland und andere europäische Länder haben Geheimdienste, die wahrscheinlich Dinge tun, die man vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

"Die wirklichen Kunden von Facebook sitzen in der Werbeindustrie"

ZEIT ONLINE:  Ist Verschlüsselung die Lösung, um Geheimdiensten wie der NSA zu begegnen? 

Zimmermann: Technik ist ein Teil der Lösung, aber sie genügt nicht. Ich kann meine Telefonate verschlüsseln, weil ich den nötigen Sachverstand habe. Das heißt aber nur, dass die Inhalte meiner Telefonate nicht abgehört werden können. Das reicht nicht aus. Wir müssen an allen Fronten gleichzeitig kämpfen, um Auswüchse der Überwachung zurückzudrängen, solange wir es noch können. Es ist Aufgabe jedes Amerikaners, zu verhindern, dass die NSA so weitermacht wie bisher.

ZEIT ONLINE:  Was passiert sonst? 

Zimmermann: Die Regierungen haben ein Überwachungssystem aufgebaut, das aus ihrer Sicht so großartige und wertvolle Informationen liefert, dass es schwer für sie ist, es aufzugeben. Doch selbst wenn man annimmt, dass die aktuelle Regierung Amerikas keine bösen Absichten hat: Wir wissen nicht, wer 2017 im Weißen Haus regieren wird. Wird diese Person die Moral eines Thomas Jefferson haben oder die eines Wladimir Putin? Die Überwachungsinstrumente, die wir jetzt bauen, werden an die nächste Regierung vererbt. Vielleicht verwendet diese sie dann dazu, um sich an der Macht zu halten.

Es geht auch um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Wer überall Überwachungskameras aufstellt, um zu sehen, ob jemand Müll auf die Straße wirft, hat vermutlich saubere Straßen. Aber der Preis dafür ist zu hoch. Man gibt seine persönliche Freiheit auf. Wenn jeder Schritt von uns überwacht wird und man das weiß, richtet man sein Verhalten unwillkürlich danach aus, will nicht auffallen, nicht anecken. Niemand wird noch etwas riskieren.

ZEIT ONLINE: Was müssen wir tun? 

Zimmermann: Die Bevölkerung muss erkennen, dass diese Themen wichtig sind. So wichtig, dass sie auch ihr Wahlverhalten danach ausrichten. Die Menschen können wählen und Politiker ins Amt bringen, die dafür sorgen, Überwachung einzudämmen. Sie können auch vor Gericht ziehen und gegen staatliche Überwachung klagen. Wir brauchen Demonstrationen, eine nationale Debatte. Wir müssen alle zur Verfügung stehenden demokratischen Mittel nutzen, um die Lage zu verändern. Die großen Aufgaben liegen in der Politik, nicht bei der Technik.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen über die Aufgaben eines Staatsbürgers. Wir sind alle auch Kunden von Unternehmen, zum Beispiel von Google oder Facebook. Wie sollten wir uns als Konsumenten verhalten?

Zimmermann: Idealerweise kommt es zu einer Abstimmung mit den Füßen. Kunden sollten sich an Firmen halten, die Geld für ihre Dienste verlangen, statt Kundendaten zu verhökern. Meine Firma Silent Circle verkauft Abonnements. Aber nicht die Daten unserer Kunden. Wir sind loyal zu Nutzern, die uns dafür auch bezahlen. Unser Sicherheitsmodell und unser Geschäftsmodell hängen zusammen. Denn was die Menschen nicht verstehen: Sie sind nicht die Kunden von Firmen wie Facebook. Sie gehören mit ihren Daten zum Inventar des Unternehmens. Die wirklichen Kunden von Facebook sitzen in der Werbeindustrie.    

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Welt in zwei Jahren aus? Gibt es mehr oder weniger Überwachung?

Zimmermann: Vorhersagen sind passiv. So denke ich nicht. Ich glaube, der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen ist, sie selbst zu schaffen. Wir müssen uns entscheiden, was wir wollen. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Dann müssen wir so hart wie möglich daran arbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Wenn man vorhersagen will, wie ein Football-Spiel ausgeht, ist es besser, aufs Feld zu gehen und sich den Ball zu schnappen und ihn selbst in die richtige Richtung zu tragen.

Nachtrag: Das Interview wurde geführt, bevor bekannt wurde, dass Geheimdienste sogar SSL-Verschlüsselung umgehen. Zimmermanns Äußerungen haben aber nicht an Aktualität eingebüßt.