Glenn Greenwald ©Ueslei Marcelino/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Greenwald, was war Ihre Reaktion, als Sie davon hörten, dass das Telefon der deutschen Bundeskanzlerin abgehört wird?

Greenwald: Die NSA-Überwachung ist ausdrücklich dafür da, zu garantieren, dass es nirgendwo und für niemanden eine echte Privatsphäre gibt. Der Fall Merkel ist nur ein weiterer Beweis.

ZEIT ONLINE: Wie steht es eigentlich um Sie selbst, sind Sie ein freier Mann?

Greenwald: Ja. Ich glaube schon. Ich kann tun, was ich will. Ich bin nicht im Gefängnis, es gibt allerdings möglicherweise ein paar Reisebeschränkungen für mich.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich wie kaum ein anderer Journalist mit dem Überwachungsprogramm der NSA auseinandergesetzt. Wird man paranoid, wenn man all die Akten liest, die Ihnen Edward Snowden überreichte?

Greenwald: Man kann paranoid werden, wenn man nicht aufpasst. Schauen Sie, ein paar meiner Freunde haben Medizin studiert. Als sie immer mehr Krankheiten kennenlernten, haben sie sich selbst krank gefühlt. So ähnlich könnte es auch mir gehen, aber ich arbeite dagegen an.

ZEIT ONLINE: Werden Sie überwacht?

Greenwald: Ich vermute, dass meine elektronische Kommunikation abgefangen wird. Ich vermute auch, dass ich persönlich beschattet werde. Aber ich mache mich nicht verrückt und schaue nach, ob ein fremdes Auto vor meiner Tür parkt. Wenn ich paranoid werde, hätte der Überwachungsstaat sein Ziel erreicht und mich auf einen kleinen Bewegungsradius beschränkt. Das ist ja sein Ziel: den Bürger in eine kleine schwarze Box zu zwängen, wo er sich nicht frei bewegen kann. Diese Macht übertrage ich dem Überwachungsstaat nicht.

ZEIT ONLINE: Wie verarbeiten Sie die Belastung und Verantwortung? Bietet der Guardian eine Art Supervision?

Greenwald: Mein Partner, meine Freunde und meine Berater halten mich im Gleichgewicht. Und Edward Snowden.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen mit ihm?

Greenwald: Ja, ich kommuniziere fast täglich mit ihm.

ZEIT ONLINE: Laura Poitras hat mit Ihnen und Snowden den NSA-Skandal aufgedeckt. Sie sagte im Sommer gegenüber einem Reporter der New York Times: "Mein Leben wird nie wieder wie früher sein. Ich weiß nicht, ob es so etwas wie Privatleben je wieder für mich geben wird." Gilt das auch für Sie?

Greenwald: Es ist ja nicht überraschend, dass ich ein Stück meines Privatlebens verliere, wenn ich einen Berg von Geheimdokumenten des mächtigsten Geheimdienstes des mächtigsten Staates dieser Erde veröffentliche. Ich wusste, dass das der Preis meiner Arbeit sein wird.

ZEIT ONLINE: Sie hätten den globalen Scoop fast vergeigt. Herr Snowden hat sie mehrmals anonym per E-Mail kontaktiert, aber sie antworteten ihm nicht.

Greenwald: Er schrieb mir im Dezember 2012 eine erste anonyme E-Mail. Ich antwortete ihm zunächst routinemäßig.

ZEIT ONLINE: Was wollte er?

Greenwald: Er bat mich, ein Verschlüsselungsprogramm zu installieren, damit er mir wichtige Information schicken könne. Aber das tat ich nicht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Greenwald: Er teilte mir nicht wirklich mit, was er wollte. Er sagte, er würde mir mehr mitteilen, wenn ich das Verschlüsselungsprogramm installiere.

ZEIT ONLINE: Dachten Sie, er sei ein Wichtigtuer?

Greenwald: Ja, als Journalist wird man ja immer wieder von Leuten kontaktiert, die verrückte Storys erlebt haben wollen. Viele davon sind der Fantasie entsprungen. Deshalb habe ich auch diesmal nicht geglaubt, dass ich irgendetwas Bedeutsames versäume. Die Mails dieses unbekannten Mannes habe ich daher nicht wirklich ernst genommen.