Betrügern ist es offenbar gelungen, das bisher als weitgehend sicher geltende mTAN-Verfahren für Onlinebanking zu umgehen. Darauf deuten mehrere Betrugsfälle innerhalb der vergangenen Wochen hin, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. In einem Fall hoben Betrüger Mitte September vom Konto einer Frau 58.000 Euro ab, in einem anderen waren es Ende August 77.000 Euro. Bei drei weiteren Kunden erbeuteten die Täter insgesamt 200.000 Euro.

Die Betrüger spionierten den Computer der Bankkunden aus und kamen so an das Passwort fürs Onlinebanking, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Anschließend hätten sie sich eine zweite SIM-Karte für die Nummer des Kunden besorgt. Fortan seien alle für den Kunden bestimmten SMS auch an die Betrüger gegangen – darunter die mTAN-Nummern. 

Das mTAN-Verfahren war von vielen deutschen Banken erst 2011 eingeführt worden, um Onlinebanking sicherer zu machen. Davor hatten Banken an Kunden, die ihr Konto online verwalten wollten, meist gedruckte Listen mit TAN-Nummern verschickt. Das neue Verfahren funktioniert nach dem Prinzip der Zwei-Faktor-Authentifizierung: Es werden zwei unterschiedliche Kommunikationskanäle genutzt, bis eine Überweisung von der Bank getätigt wird. Das galt bisher als weitgehend sicher. 

Wer als Bankkunde am Computer eine Überweisung in Auftrag gibt, muss für das mTAN-Verfahren einen Sicherheitscheck bestehen. Dabei wird eine mehrstellige Transaktionsnummer, die TAN-Nummer, per SMS auf das Handy des Kunden geschickt. Das Gerät muss bei der Bank registriert sein. Der Kunde gibt den Code anschließend im Onlinebanking-Menü seines Browsers ein, um die Echtheit des Auftrags zu bestätigen.   

Betrüger ließen sich einfach eine zweite SIM-Karte zuschicken

Es habe schon zuvor Angriffe auf das mTAN-Verfahren gegeben, die jüngsten Fällte zeigten allerdings eine neue Qualität, sagt Florian Glatzner, Referent beim Bundesverband der Verbraucherzentrale (vzbv). Bisher sei der Computer der Onlinebanking-Kunden der zentrale Ansatzpunkt für Missbrauchsversuche gewesen, nicht das Handy. Der PC sei mit einer Schadsoftware infiziert worden. Sobald das Handy an den Rechner angeschlossen worden sei, habe sich die Schadsoftware dann auch auf den zweiten Authentifizierungskanal verbreitet. 

"Die Betrüger konnten sich in den aktuellen Fällen aber einfach beim Mobilfunkanbieter eine zusätzliche SIM-Karte im Namen des betroffenen Bankkunden bestellen", sagt Glatzner. "Da sprechen wir von Identitätsdiebstahl." Dass ein solch simpler Trick funktioniere, zeige völlig unzureichende Sicherheitsmaßnahmen seitens der Telefonanbieter. Bisherige Schutzvorkehrungen, wie beispielsweise sein für das mTAN-Verfahren benutzte Handy nicht mit dem Computer zu synchronisieren, liefen angesichts der neuesten Meldungen ins Leere, sagt Glatzner. 

Mehrere Geschädigte sind Kunden der Telekom. Laut einem Sprecher sei der Diebstahl nur möglich gewesen, weil die Betrüger am gehackten Computer sensible Informationen wie Bankverbindungen oder Kundenadressen auslesen konnten. Auf diese Weise hätten sie eine zusätzliche SIM-Karte für eine Mobilfunknummer beantragen können und sie an eine beliebig wählbare Adresse senden lassen. Die Firma allein habe den Betrug also nicht ermöglicht.

Experten raten vom mTAN-Verfahren ab

Der Sprecher räumte aber ein, dass Kunden bislang von der Bestellung einer weiteren SIM-Karte nicht in Kenntnis gesetzt worden wären. Das habe die Firma nun geändert. Wer eine neue Karte bestellt, kann sie nur noch an die bei Vertragsabschluss definierte Kundenadresse liefern lassen. Zusätzlich schickt der Betreiber eine Info-SMS an die Haupt-SIM der Kunden, sobald der Bestellauftrag für eine zweite SIM-Karte eingeht, die Multi-SIM. So sollen die Kontrollmöglichkeiten der Kunden verbessert werden. Die Telekom empfehle allen Kunden zudem einen Virenschutz für den Computer.

Glatzner vom Bundesverband der Verbraucherzentrale hält die Maßnahmen der Telekom für eine Mindestlösung. "Das hätte schon viel früher passieren müssen." Das mTAN-Verfahren empfehle er grundsätzlich keinem Verbraucher. Er rät Kunden, die nicht aufs Onlinebanking verzichten wollen, auf das sogenannte Chip-TAN-Verfahren auszuweichen. Dazu ist ein kleines externes Gerät nötig, das sich Kunden meist selbst kaufen müssen. Darin wird daheim vor dem Computer die Bankkarte geschoben. Dann wird eine TAN erzeugt, über ein mehrstufiges Verfahren wird die Transaktion mit der Bank abgewickelt. "Der Chip-Generator kostet Geld, aber das ist gut investiert", sagt Glatzner. Das Verfahren gilt als betrugssicher – noch.