ZEIT ONLINE: Sie sind nun seit fast genau zehn Jahren der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Haben Sie etwas erreicht?

Peter Schaar: Ich glaube, dass das Thema Datenschutz in der Öffentlichkeit stärker verankert ist als noch vor zehn Jahren. Wie stark das in reale Politik umgeschlagen ist, müssen andere beurteilen. Ich hoffe jedenfalls, einiges bewegt zu haben. Zumindest gibt es viele kleine Erfolge.

ZEIT ONLINE: Welche?

Schaar: Wir konnten nicht verhindern, dass biometrische Merkmale in Pässe und Personalausweise aufgenommen wurden. Aber wir haben verhindert, dass diese Merkmale in externen Datenbanken landen. In anderen europäischen Staaten oder in den USA werden sie teilweise sogar an zentraler Stelle gespeichert.

Wir haben den Trend, das Gesundheitswesen zu informatisieren, sicherlich nicht aufgehalten. Aber wir haben erreicht, dass die elektronische Gesundheitskarte, ein zentraler Baustein des deutschen Gesundheitswesens, gegen Missbrauch und unzulässigen Zugriff gut gesichert ist – und zwar nicht nur vor dem Zugriff durch Kriminelle, sondern auch vor dem durch staatliche Stellen.

Wir konnten auch das Bundesverfassungsgericht munitionieren, zum Beispiel bei der Entscheidung zur Vorratsdatenspeicherung.

Das sind kleine und größere Erfolge, die dazu beigetragen haben, Datenerfassung und Überwachung zu begrenzen. Verhindern konnte ich sie nicht.

ZEIT ONLINE: Die Vorratsdatenspeicherung wurde in Ihrer Amtszeit in Deutschland eingeführt, wieder abgeschafft und könnte jetzt in der großen Koalition wiederkommen. Mit welchen Gefühlen sehen Sie das?

Schaar: Ich würde es bedauern, wenn die Vorratsdatenspeicherung wieder eingeführt würde. Ich hoffe, dass die neue Koalition nicht vorschnell ein neues Gesetz verabschiedet, sondern in Brüssel darauf hinwirkt, die EU-Richtlinie kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zurückzunehmen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, der Datenschutz sei stärker in der Bevölkerung verankert als früher. Hat er denn mit der Entwicklung der digitalen Gesellschaft Schritt gehalten?

Schaar: Es gibt Umfragen, laut denen die Snowden-Enthüllungen in den USA tatsächlich zu einer Verhaltensänderung geführt haben, gerade bei jüngeren Internetnutzern. Die Leute sind also lernfähig.

Das liegt aber nicht nur an den Enthüllungen. Vielmehr ist der opferlose Datenschutzverstoß, den wir nicht merken, zunehmend Vergangenheit. Heute beeinflussen Daten unser Leben ganz real. Beim Scoring zum Beispiel: Aus abstrakten statistischen Zusammenhängen wird ein individuelles Risiko berechnet, was dazu führt, dass man keinen Kredit oder Handyvertrag bekommt.

Mit Blick auf Big Data werden diese vorhersagenden Modelle viel gravierender und sie werden unser Leben extrem verändern. Denken Sie an die individualisierte Medizin. Vermutlich werden Sie – wenn wir da nicht gegensteuern – in Zukunft bestimmte Behandlungen nur noch bekommen, wenn Sie sich vorher einer genetischen Untersuchung unterziehen. Bestimmte Medikamente werden Ihnen dann aufgrund Ihrer genetischen Disposition verweigert. Solche Entscheidungen werden uns massiv in unseren Lebenschancen beeinflussen.

Oder denken Sie daran, dass unser Verhalten dauernd registriert wird. Ein risikobasiertes System für die Kfz-Versicherung mag ja schön klingen, aber was bedeutet es wirklich? Derjenige, der in Gegenden herumfährt, in denen bestimmte Risiken einfach größer sind ...

ZEIT ONLINE: … in Großstädten zum Beispiel …

Schaar: … zahlt dann mehr. Unser Verhalten wird auf diese Art und Weise gesteuert. Wir fahren dann vielleicht nicht mehr ins deutsch-polnische Grenzgebiet, weil wir fürchten, dass wir dann demnächst mehr für die Versicherung zahlen müssen. Es geht nicht mehr um die Frage, wie entfalten wir uns, sondern um die Frage, wie schaffen wir es, nicht aufzufallen? Das ist das Gegenteil von Freiheit. Da haben Datenschützer eine große Aufgabe.

ZEIT ONLINE: Hat sich Ihr Verhalten schon verändert?

Schaar: Ja, ich achte stärker auf Sicherheit. Ich habe zum Beispiel das Verschlüsselungssystem GPG auf meinem Computer und versuche, in sensiblen Bereichen keine Cloud-Dienste amerikanischer Provenienz zu benutzen – was man eben so machen kann, um seine eigenen Daten zu schützen. Was ich hoffentlich nicht geändert habe, ist, meine Meinung zu sagen und damit gegebenenfalls auch anzuecken.