Digitaler Stromzähler von RWE © Roland Weihrauch/dpa

Der Wortzusatz smart, englisch für schlau oder intelligent, ist in Politik und Werbung beliebt, um etwas zu verkaufen, seien es Fernseher, Bomben oder Grenzüberwachungsanlagen. Nicht selten ist die Bezeichnung smart dabei irreführend bis unsinnig. Die sogenannten Smart Meter, die intelligenten Stromzähler, sind ein gutes Beispiel dafür. Denn erstens sind sie nicht sonderlich schlau. Und zweitens hat derjenige, der sie in seiner Wohnung oder seinem Haus einbaut, von ihnen keinen Vorteil.

Das ist das Ergebnis eines Gutachtens, das das Unternehmen Ernst & Young im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt hat. Demnach können Stromkunden mit den Smart Metern kein Geld sparen – im Gegenteil, sie zahlen sogar drauf.

Smart Meter haben im Vergleich zu herkömmlichen Stromzählern vor allem zwei Funktionen. Auf einem kleinen Bildschirm zeigen sie eine Kurve des aktuellen Stromverbrauchs an, und sie können Daten über diesen Stromverbrauch – alternativ auch über den Gas- oder Wasserverbrauch – an den Stromanbieter zurücksenden.

Die Idee: Stromkunden sehen damit, wann sie wie viel verbrauchen und ändern möglicherweise ihr Verhalten. Beispielsweise, indem sie die Waschmaschine nachts laufen lassen, wenn der Strombedarf insgesamt niedriger und die Kilowattstunde daher billiger ist. Gleichzeitig kann der Stromanbieter sein Netz besser auslasten und dank aktueller Daten über den Verbrauch seiner Kunden die richtige Menge Energie einspeisen und so Lastspitzen vermeiden.

Nachts Wäsche waschen?

Das Ganze hat zwei Haken: Erstens ist Strom hierzulande bislang fast immer gleich teuer. Wer nachts seine Wäsche wäscht, spart also kein Geld. Er nervt höchstens seine Nachbarn, die vom Gerumpel der Maschine aufwachen. Seit 2012 müssen zwar alle Anbieter last- und zeitabhängige Tarife bieten, Firmen wie Yello führen daher zusammen mit den Smart Metern neue Tarifmodelle ein. Um wie viel billiger es ist, die Nebenzeiten darin zu nutzen, lässt sich allerdings erst sagen, wenn sich diese Modelle etabliert haben.

Ganz zu schweigen davon, dass die Stromzähler in vielen Häusern im Keller hängen, wo sie niemand sieht. Wie angesichts dessen eine Änderung der Nutzer erreicht werden soll, ist schleierhaft. Yello immerhin nutzt dafür eine App, der Zähler schickt die Daten auf das Handy des Kunden. Das aber sorgt für neue Probleme.

Denn zweitens fürchten Datenschützer, dass der Stromanbieter und andere Unternehmen die Kunden ausspionieren können. Die Zähler sind so genau, dass sich mit ihnen problemlos messen und dank statistischer Vergleiche errechnen lässt, wie viele Menschen gerade in der Wohnung sind und was sie tun. Kein Wunder also, dass die Geräte bislang ein Flop sind, kaum jemand entscheidet sich dafür.

Für die Studie wurde nun untersucht, welche Stromeinsparungen mithilfe der Zähler möglich sind und welche Kosten der Einbau der Geräte verursacht. Die Wirtschaftsprüfer legten dabei das sogenannte EU-Szenario zugrunde. Das geht davon aus, dass bis 2020 mindestens 80 Prozent der Haushalte einen solchen Zähler haben. 

Das aber sei "für Deutschland weder wirtschaftlich noch umsetzbar", heißt es in dem Gutachten. Die 80-Prozent-Vorgabe führe "für den Großteil der Endkunden zu unverhältnismäßig hohen Kostenbelastungen", weil "auch Kleinstverbrauchergruppen weit über ihren Systemnutzen involviert und kostenmäßig belastet werden". Soll heißen: Solche Zähler lohnten sich nur für Großkunden wie Unternehmen, nicht aber für jeden Haushalt.

Denn selbst wenn die Menschen sich umstellen, sparen sie dadurch kaum. In den Berechnungen der Studie heißt es, private Haushalte mit einem Verbrauch von bis zu 6.000 Kilowattstunden könnten durch Smart Meter 1,2 bis 1,8 Prozent ihrer Stromkosten sparen. Das wären durchschnittlich 39 Euro im Jahr. Aber einen Verbrauch von 6.000 Kilowattstunden erreichen nur Haushalte mit vier und mehr Personen, die Mehrzahl der Deutschen also würde noch weniger sparen. Insgesamt geht man bei Privathaushalten von 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch aus. Deutlich weniger als 39 Euro also. 

Mehrkosten von bis zu 109 Euro im Jahr

Die neuen Zähler sind jedoch sehr viel teurer. Die Studie kalkuliert, dass ihre nahezu komplette Einführung bis 2020 insgesamt 20,8 Milliarden Euro kosten wird. Darin enthalten sind 12,3 Milliarden Betriebskosten, die jedes Jahr anfallen. Die Autoren schlagen vor, diese Kosten auf die Kunden umzulegen. Wer einen neuen Zähler bekommt, würde nach diesem Modell 89 Euro im Jahr dafür zahlen. Werde die Umlage auf alle Stromkunden in Deutschland verteilt, egal ob sie einen neuen Zähler bekommen oder nicht, wären es noch 21,60 Euro pro Jahr.

Diese Zahlen gelten, wenn das EU-Szenario umgesetzt würde, was derzeit hierzulande aber nicht geplant ist. Der Einbau von Smart Metern ist in Deutschland zwar bereits Pflicht. Das Gesetz fordert aber nur, dass bei jedem Neubau und bei jeder Totalsanierung solche Zähler verbaut werden müssen. Werde nach diesem Muster weitergemacht, würde es für die Kunden der neuen Zähler sogar noch teurer, berechnet die Studie: Jeder Zähler würde den Stromkunden sogar 109 Euro pro Jahr kosten, wenn die Anbieter die Kosten weiterreichen.

Alle 15 Minuten Daten schicken

Die Kosten sind dabei aber nicht einmal das größte Problem. Laut Gesetz müssen die deutschen Zähler noch keine Datensendefunktion enthalten, nützen dem Stromanbieter also noch nichts. Die Gutachter empfehlen nun, das zu ändern. Gerade wegen der miesen Bilanz, die sie selbst ausstellen, raten sie dazu, noch viel mehr Zähler einzubauen. Denn so hätten die Stromanbieter etwas davon – ihre Kosten könnten sinken.

Daher fordert die Studie auch explizit, die Datensendefunktion anzuschalten. Jeder Zähler sollte viertelstündlich den Stromverbrauch an den Stromanbieter schicken, heißt es in dem Gutachten. 

Patrick Breyer, aktiv im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und Mitglied der Piratenfraktion des Landtags Schleswig-Holstein, sagt dazu: "Eine zwangsweise Fernübertragung unseres Stromverbrauchs in Echtzeit wäre ein Alptraum für unsere Privatsphäre in den eigenen vier Wänden. Mit diesen Daten könnten unsere An- und Abwesenheit, unsere Besucher, unsere Geräte und unsere Gewohnheiten im eigenen Heim enthüllt werden – ein unglaublicher Angriff auf die Unverletzlichkeit der Wohnung."

Kundendaten verkaufen

Wie kritisch die Datenübertragung ist – von Hackern ganz abgesehen –, zeigt unfreiwillig auch die Studie der Wirtschaftsprüfer. Denn die empfehlen, die anfallenden Daten  zu verwerten. Die Zählerbetreiber, heißt es in dem Gutachten, also die Stromanbieter, könnten für eine "weitergehende Nutzung der Daten durch Dritte" Geld einnehmen. "Andere Marktteilnehmer" könnten damit "Produkte und Mehrwertdienstleistungen leichter vermarkten". 

Weil der Verkauf der Daten auf Widerstand der Verbraucher treffen könnte, solle er aber "in der Phase der Einführung vermieden werden". Die Stromkunden sollen also nicht nur für die teuren Zähler zahlen, sie sollen später auch noch ihre persönlichen Daten vermarkten lassen.

Genau das befürchten Datenschützer schon lange. In einem Leitfaden für Hersteller und Anbieter von Smart Metering haben die deutschen Datenschutzbeauftragten gefordert: "Es gilt insbesondere zu vermeiden, dass Profile der Lebensführung von Menschen gebildet werden können. Dies käme einem Eingriff in die Privatsphäre entsprechend einem 'messtechnischen Lauschangriff' gleich."

Genau solche Profile aber wären bei einem Verkauf der Daten besonders interessant. Denn wer nachts wäscht, interessiert sich vielleicht ja auch für eine neue, leisere Waschmaschine.