Demonstration gegen Überwachung in Südkorea im November © JUNG YEON-JE/AFP/Getty Images

E-Mails, Telefone, Foren, Chats, das ganze Internet, ja sämtliche digitale Kommunikation wird von Geheimdiensten gespeichert, gefiltert, überwacht. Doch kaum jemand scheint sich daran zu stören. Obwohl seit Monaten in Medien und Blogs darüber berichtet wird, gibt es, von einigen kleineren bis mittelgroßen Demonstrationen abgesehen, kaum Proteste gegen diese allumfassende Ausspähung.

Selbst in Ländern wie Deutschland, wo Datenschutz als hohes Gut gilt, ist es erstaunlich ruhig. Die Union, die diese Überwachung nicht nur befürwortet, sondern sogar noch ausdehnen will, erhielt gerade eines der besten Wahlergebnisse ihrer Geschichte. Was ist da los? Warum regt sich niemand auf, dass alles ausspioniert wird, was jemand sagt oder schreibt?

Wir haben diese Frage bei Twitter gestellt. Twitter ist nicht repräsentativ, schon gar nicht in Deutschland. Nur sieben Prozent der Deutschen nutzen das Nachrichtennetzwerk. Doch ist es ein gutes Werkzeug für eine solche Frage, lässt sich doch dank der Kürze der Tweets schnell ein Stimmungsbild erkennen. Unter dem nicht nur ironisch gemeinten Stichwort #wirSchafe wollten wir wissen, warum niemand auf die Straße geht.

Das Bild, das die weit über 200 Tweets zeichnen, die als Antwort auf unsere Frage kamen, ist trübe: zu faul, ernüchtert von Politik und demokratischen Möglichkeiten, zu abgestumpft, zu ignorant, zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen, zu feige, zu müde – viele Begründungen gibt es, warum man nichts gegen Überwachung tun kann und will.

Überwachung merkt man nicht, das ist die wohl am häufigsten genannte Entschuldigung. Sie sei wie Radioaktivität, twittert @das_chick: "Man schmeckt, riecht und hört sie nicht."

In vielen Variationen findet sich dieses Argument in den Antworten. Es tue nicht weh, daher lasse sich leicht verdrängen, dass man betroffen sei, schreibt @Alter_Pirat. Die Spionage koste die meisten Menschen kein Geld, schreiben andere, verursache keine Unannehmlichkeiten, kein Sodbrennen, keinen Krebs.

Auch die Überwacher sehe man nicht. Sie folgen einem nicht mit dem Auto, räumen nicht die Möbel in der eigenen Wohnung um, öffnen keine Briefe, schreiben nichts in die Kaderakte wie zu DDR-Zeiten.

Überhaupt sei das alles zu abstrakt, zu weit weg: die Überwachung, die Kommunikation, ja das ganze Internet. @holadiho bringt es auf die Formel: "Weil die meisten online immer noch nicht als lebensnotwendig sehen."

Der Gedanke, dass was man nicht sieht, auch nicht da ist, mag kindlich naiv erscheinen, aber wir Menschen sind eben so. Wobei Überwachung so unsichtbar nicht ist. Videokameras sind das beste Beispiel. Sie hängen überall, in Geschäften, an Bahnhöfen, in Fußgängerzonen, in Zügen und Bussen, in Schulen, in Büros. Sie sind sichtbar, trotzdem stört sich kaum jemand an der immer ausgedehnteren Videoüberwachung.

Wir sind nicht wie Schafe, sondern wie Frösche im wärmer werdenden Wasser, glaubt daher @Fotografiona. Wir haben uns an die schleichende Zunahme gewöhnt.