Facebook greift scheinbar aus sämtlichen Eingabefenstern seiner Internetseiten Tastatureingaben ab und analysiert diese. Das geht aus einer Studie zweier Facebook-Analysten der Carnegie Mellon University in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania hervor. Schon während eine Nachricht oder ein Chronik-Beitrag in ein Fenster getippt wird, werden die Eingaben übertragen. Der Grund: Facebook will herausfinden, warum mancher Beitrag am Ende doch gelöscht wird.

Last-minute Self-Censorship heißen diese zurückgezogenen Beiträge im Fachjargon. Als Datenbasis für ihre Untersuchung nutzten die Autoren die Daten von 3,9 Millionen englischsprachigen Facebook-Nutzern. Ihr Ergebnis: Rund 71 Prozent der Nutzer haben mindestens einmal Beiträge zurückgezogen. Innerhalb von 17 Tagen hat jeder zweite Nutzer regelmäßig Statusmeldungen doch nicht freigegeben. Bei schwer bestimmbarer Leserschaft, also besonders bei Veröffentlichungen auf Pinnwänden oder in der Timeline, wurden Beiträge besonders häufig wieder gelöscht. Es gibt auch geschlechtsbedingte Unterschiede, wie die Facebook-Experten herausgefunden haben: Männer zensieren eigene Inhalte häufiger als Frauen.

Die Inhalte der unveröffentlichten Mitteilungen waren dabei nicht Gegenstand der Untersuchungen der Wissenschaftler. Lediglich die Metadaten der Eingaben seien für die Studie analysiert worden, also wie oft sich welche Personen entschlossen haben, Eingaben wieder zu löschen. Damit wissen die Forscher nicht, ob Facebook auch unveröffentlichte Inhalte speichert.

In den Datenschutzbestimmungen von Facebook ist dieser Art von Daten keine Passage gewidmet. Allerdings lässt sich das Unternehmen per Zustimmungsklick bestätigen, dass alle Daten, die entstehen, wenn Nutzer miteinander kommunizieren, von Facebook verarbeitet werden dürfen. 

Den Grund, warum sich Facebook für die später gelöschten Nachrichten und Beiträge interessiert, ist den Autoren zufolge das Eigeninteresse des Unternehmens. Schließlich sind alle nicht geteilten oder verschickten Nachrichten ein Verlust für ein Unternehmen, dessen Erfolgsmodell auf Interaktion und dem Mitteilungsbedürfnis seiner Nutzer beruhe.

Die Autoren gehen davon aus, dass Facebook über die Analyse dieser Daten bessere Möglichkeiten zur Eingrenzung von Empfängergruppen entwickeln will, da Nutzer ihre Posts häufig löschten, weil sie befürchteten, befreundete Menschen damit zu belästigen.

Nachtrag: Facebook legt Wert auf die Feststellung, dass die Inhalte solcher Postings nicht gespeichert und nicht analysiert werden. In einer Mitteilung heißt es: "Facebook does not track content people decide not to post. We recently conducted a study that looked at how often people self-censor by typing text without sharing it. This research only looked at whether text was entered, not the content, and involved only anonymous and aggregate information."

Facebook will also herausbekommen, wie oft Menschen etwas davon abhält, einen schon fertigen Text zu veröffentlichen.