Der italienische Vulkan Vesuv stößt immer mal wieder Lava aus, an den Polen schmilzt das Eis und in chinesischen Metropolen wird die Luft dicker und dicker. Unwetter, Klimawechsel, Luft- und Meeresverschmutzungen, Flächenversiegelungen an Land oder Bodenabsenkungen in Städten, all das können die 30 Satelliten, die für das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus zu Diensten sein werden, bis ins Detail messen und erfassen.

Die Europäische Kommission und die Weltraumagentur Esa sprechen deshalb gerne von ihrer neuen Flaggschiff-Initiative. Drei Milliarden Euro kostet das Programm, das auf dem EU-Gipfel 2001 beschlossen wurde und das in Teilen 2012 angelaufen ist. Im April 2014 soll der erste der fünf Sentinel-Orbiter der Esa starten und das bestehende Satelliten-Netz der Copernicus-Mission ergänzen.

Weniger bekannt ist, dass einzelne Copernicus-Dienste dem umstrittenen Europäischen Grenzüberwachungssystem Eurosur und der nicht weniger kritisierten Grenzschutzgruppe Frontex Daten liefern.

Europa, so formulieren es Vertreter von Politik und von Flüchtlingsorganisationen, rüstet technologisch auf. Die Flüchtlingsabwehr werde nun auch mithilfe von Satellitenbildern aus dem Weltall organisiert.

Die Europäische Kommission selbst beschreibt ihr Ziel anders. Von wirksamem Umweltschutz und grenzüberschreitender Gefahrenabwehr im europäischen Maßstab ist die Rede. Unter dem Dach von Copernicus würden umfassende Daten mithilfe moderner Erdbeobachtungs- und Informationstechnik zusammengeführt und ausgewertet, heißt es auf Copernicus-Websites.

Eine ganze Reihe dieser Daten dient aber nicht dem Umweltschutz, sondern der Sicherheit. Gleich mehrere Dienste überwachen Meere und Grenzen und sollen explizit Eurosur zuarbeiten:

Die gesammelten Informationen gehen an das Eurosur-Netzwerk, das aus der Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA), aus dem Europäischen Satellitenzentrum der EU, aus Frontex und nationalen Koordinierungszentren sowie Küstenwachen, zivilen oder auch polizeilichen Einrichtungen besteht.

Auflösung ein Meter pro Bildpunkt

Die Dienste liefern bereits Daten, sagt Josef Aschenbacher, Leiter des Copernicus Büros bei der Weltraumagentur Esa im italienischen Frascati. Das Forschungsinstitut ist das Esa-Zentrum für die Erdbeobachtung. Laut Aschenbacher nutzen SAGRES und LOBOS Informationen, die die Orbiter von Cosmo-Skymed sammeln. Dabei handelt es sich um vier Radar-Satelliten der italienischen Raumfahrtbehörde, die Daten für militärische und zivile Zwecke liefern. Sie sind vor allem auf den Mittelmeerraum fokussiert, auf Verschmutzungen sowie Meeres- und Grenzüberwachung. Die Orbiter können Bilder machen, deren Auflösung ein Meter pro Bildpunkt beträgt. "Ölflecken auf dem Meer und Boote sind gut zu erkennen", sagt Aschenbacher.

Informationen sammeln auch zwei deutsche Radar-Satelliten der TerraSAR-Reihe sowie mehrere kommerzielle amerikanische Orbiter, die mit einer Technik ausgerüstet sind, wie sie früher nur Spionagesatelliten hatten. Darunter hochauflösende Kameras, die auch Infrarotaufnahmen machen. Damit werden Objekte ab einer Größe von einem halben Meter sichtbar, sagt Aschenbacher.

Keine öffentliche Debatte über Satellitenüberwachung

Ab Frühjahr 2014 wird die neue Esa-Sonde Sentinel-1 hinzukommen. Ein passender Name, Sentinel ist Englisch für Wächter. Deren Bilder und Daten haben zwar eine schlechtere Auflösung, decken aber eine größere Fläche ab. Sentinel-1 wird beim Überflug ein rund 290 Kilometer breites Gebiet abtasten können, während Satelliten mit hochauflösenden Instrumenten an Bord zwar mehr Details erfassen, das aber nur in einem zehn bis zwanzig Kilometer breiten Beobachtungstreifen.

Die Satelliten, sagt Aschenbacher, ermöglichen dennoch nur Momentaufnahmen. Sentinel etwa wird alle drei Tage eine Komplettaufnahme Europas liefern. Die Bündelung von Informationen verschiedener Orbiter verfeinert zwar das Bild und das Datennetz, aber das reiche nicht für eine stundengenaue Verfolgung. Es genügt allerdings, um beispielsweise sehen zu können, wie sich Menschen an der Küste sammeln, oder wie Flüchtlingsboote vorbereitet werden. "Vorbereitungen und auch die Reise dauern in der Regel eine längere Zeit", so Aschenbacher.

Dass der Einsatz von Satelliten in solchen Fällen effektiv ist, bestätigt Gordan Campbell. Der Schotte ist Experte für Grenzüberwachungsprojekte im Erdbeobachtungszentrum der Esa in Italien und befasst sich unter anderem damit, wie Satelliteninformationen dazu mit konventionellen Techniken und mit den Beamten zu Wasser, Luft und Land verknüpft werden können.

Hochgerüstete Abwehr von Flüchtlingen

Auf kurzen Routen, die Menschenhändler und Flüchtlinge etwa von Marokko nach Spanien nehmen, ist der Blick aus dem Weltraum wenig sinnvoll. Nur bei langen Wegen wie von Libyen nach Italien mache Satelliten-Überwachung Sinn, sagt Campbell.

Was Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl als eine neue Ära hochgerüsteter Flüchtlingsabwehr werten, verteidigt Campbell als Maßnahmen, die in erster Linie Leben retten sollen. Für ihn geht es vor allem darum, per Satellit illegalen Grenzverkehr und Menschenhandel aufzuspüren und zu stoppen, sagt er.

Neunzig Prozent der Informationen des Copernicus-Programms flössen in Anwendungen, die sich mit Umweltthemen befassen, sagt Volker Liebig, Esa Direktor für das Erdbeobachtungsprogramm.

Die restlichen zehn Prozent sorgen trotzdem für Aufregung. Die Grünen Europaabgeordnete Ska Keller, eine vehemente Kritikerin des Überwachungssystems Eurosur, beklagt die fehlende Debatte. Bisher sei noch viel zu wenig bekannt, dass Copernicus-Dienste auch zum Aufspüren von Flüchtlingen eingesetzt würden, sagt sie.

Für Günter Burckhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl, ist es inakzeptabel, dass Informationen und satellitengestützte Daten durch Eurosur und Frontex an Drittstaaten wie Syrien, Libyen, Ägypten oder die Türkei weitergegeben werden. Diese Länder missachteten Menschenrechte und Europa mache sich auf diese Weise mitschuldig, sagt Burckhardt. Die EU rüste diese Staaten technisch auf und mache sie zu Türstehern Europas. "Das beendet nicht das Sterben auf dem Mittelmeer, sondern macht die Wege für Flüchtlinge nur weiter und gefährlicher." Zivile, polizeiliche und militärische Konzepte würden hier vermischt. "Und Technik wird allumfassend für den Grenzschutz genutzt", sagt er.