Der Blogger und Aktivist Glenn Greenwald CCC/30C3, CC-Lizenz

Mein Journalismus ist in die Jahre gekommen. Er strahlt nicht mehr wie früher, er hat Kratzer, hie und da ist ein Stück abgebrochen.

Zuerst nahm ihm das Netz sein Monopol: Jeder Blogger konnte plötzlich für eine große Rezipientenschaft Beiträge produzieren, die klassischen journalistischen Erzeugnissen in nichts nachstanden – wenn er sich nur genug bemühte. Nicht mehr der Zugang zu den Distributionskanälen definierte den Journalismus; den Journalisten definierte nicht mehr der Zahlungseingang eines Verlags oder einer Rundfunkanstalt auf seinem Konto.

Journalismus, so seither meine Arbeitshypothese, ist durch seine Haltung definiert. Journalisten sind jene, die sich alle erdenkliche Mühe geben, hinter die Dinge zu blicken, über die sie öffentlich berichten – und Rezipienten an diesem Erkenntnisprozess teilhaben lassen, so gut es nur geht.

Journalisten streben, behaupte ich, wie Wissenschaftler nach Erkenntnis, ja nach Wahrheit – im Bewusstsein, dass so viel romantischer Positivismus belächelt werden muss. Journalisten wissen, dass das nächste Gespräch, das nächste Dokument die Arbeitshypothese ihrer Recherche entkräften könnte. Journalisten arbeiten, frei nach Popper, mit Freude an der Falsifizierbarkeit ihrer Erkenntnisse und finden eine angemessene Darstellung für das, was sie zu wissen glauben und auch für das, was sie nicht wissen.


Es ist für mich deshalb schwer vorstellbar, dass Journalisten Akteure eines Themas sind, dem sie sich professionell widmen. Sie können am Abend nicht Wahlkampf für eine Partei machen, deren Innenleben sie tagsüber im Fernsehen kommentieren. Sie können nicht aktives Mitglied eines Verbandes sein, über dessen Aktionsgebiet sie berichten – und sei es noch so verdienstvoll. Sie können keine Aktien empfehlen, die sie selbst besitzen. Sie können nicht Freunde oder Geldgeber zum Gegenstand ihrer Berichterstattung machen.

Wir sollten unser Scheitern dokumentieren

Selbst wenn alle diese Zusammenhänge stets völlig transparent wären, so müssten solche Journalisten sich doch fragen, wie ihr Aktivismus ihr Streben nach Erkenntnis beeinflusst. Die weitere Frage nach ihrer öffentlichen Glaubwürdigkeit sei einmal vernachlässigt. Dass ein völlig neutraler Journalismus nicht denkbar und kein Journalist ohne Beeinflussung ist, dass wir täglich gegen das Neutralitätsprinzip verstoßen, sollte uns nicht davon abhalten, nach einem solchen Ideal zu streben – und unser Scheitern so gut wie möglich zu dokumentieren. Wir können sogar gekennzeichnete Kommentare verfassen und darin Stellung beziehen.

Natürlich hat auch dieses romantisches Journalismus-Ideal längst Kratzer. Die größte Schramme hat ihm ein Journalist zugefügt, der nach meiner Definition womöglich keiner ist. Glenn Greenwald, einem Juristen und Blogger, verdanken wir wesentliche Einblicke in das atemberaubende Überwachungssystem der NSA. Greenwald war aber schon lange und ist bis heute vor allem: ein Aktivist, der eine klare Haltung einnimmt und für seine Sache in den Kampf zieht. Meine Kollegen Kai Biermann und Patrick Beuth haben dies anlässlich einer Rede Greenwalds thematisiertund damit eine Debatte ausgelöst.

Die Frage, ob Glenn Greenwald, den die meisten Journalisten für seine Arbeit bewundern und beneiden, selbst ein Journalist ist, mag hauptsächlich Journalisten interessieren und manche Aktivisten. Ich halte sie dennoch nicht für müßig: Sie berührt den Kern dessen, was unsere Arbeit ist und was nicht – und was wir unseren Lesern täglich bieten wollen. Siehe oben.

Der große Glenn Greenwald und viele andere, die Großes für unsere Demokratie leisten, können sicher gut damit leben, für einige Journalisten nicht als Journalisten zu gelten. Die Demokratie lebt aber noch besser mit Journalisten, die weiter ihren romantischen Idealen nachhängen.