Logo von Google+ © REUTERS/Beck Diefenbach

Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich? Das fragte der britische Parlamentsabgeordnete Keith Vaz Alan Rusbridger und zweifelte damit den Patriotismus des Guardian-Chefredakteurs an, weil dieser Edward Snowdens Informationen über die NSA und das GCHQ veröffentlicht.

Genau diese Frage haben acht Technikkonzerne in ihrem offenen Brief an das Weiße Haus und an den US-Kongress beantwortet. Sie fordern darin eine Reform der weltweiten Überwachungspraxis der amerikanischen Regierung. Und sie stellen sich damit endlich auf die Seite der überwachten Bürger.

Selbstverständlich handeln sie dabei auch in ihrem eigenen ökonomischen Interesse, da massenhafte Überwachung des Internets dazu führt, dass die Öffentlichkeit, dass Kunden und andere Regierungen das Vertrauen in die Cloud-Technik verlieren, die ja mehrheitlich amerikanischen Unternehmen gehört. Überwachung ist schlecht für das Internet und was schlecht für das Internet ist, ist schlecht für das Silicon Valley und – um den alten Werbespruch von General Motors umzudrehen –, was schlecht für das Valley ist, ist schlecht für Amerika.

Doch in ihrem Brief geht es den Unternehmen vor allem um das Prinzip. Sie schlagen darin vor, dass die Regierung ihre eigene Macht begrenzen und die massenhafte Überwachung beenden soll. Sie mahnen mehr Transparenz an und fordern eine bessere Kontrolle der Überwachung, die bislang ja offensichtlich versagt hat. Und sie argumentieren gegen die sogenannte Balkanisierung des Internets, gegen die Forderung von Staaten also, dass Daten Ländergrenzen respektieren sollen.

Bravo. Ich habe lange darauf gewartet, dass das Silicon Valley endlich einen Standpunkt bezieht und klar macht, ob es in dieser Überwachungsaffäre Opfer oder Mittäter der NSA ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob die Regierung diese Firmen bereits komplett rekrutiert hat. Ich habe gehofft, dass die Unternehmen ihre Macht nutzen, um für unsere Rechte einzustehen. Und nun, wo sie sich geäußert haben, hoffe ich, dass die Regierungen ihnen zuhören – angefangen von der kalifornischen Senatorin und NSA-Anhängerin Dianne Feinstein bis hin zum Präsidenten Barack Obama.

In der Debatte um Überwachung und Bürgerrechte ist das ein wichtiger Punkt. Auch als Technikunternehmen damals den Kampf gegen die überzogenen Urheberrechtsforderungen im sogenannten SOPA-Gesetz gemeinsam aufnahmen, war das eine gute Geste. Nun müssen sie für unsere grundlegenden und in den USA in der Verfassung garantierten Rechte kämpfen, für das Recht auf freie Rede, für das Versammlungsrecht und für den Schutz vor ungerechtfertigter Durchsuchung und Festnahme. Ein Jammer, dass es dazu acht Unternehmen mit lustigen Namen braucht.

Wir sollten dabei auch nicht vergessen, wer auf dieser Liste fehlt. Unterschrieben haben sie die Firmen Google, Facebook, Twitter, Yahoo, Microsoft, AOL, Apple, LinkedIn. Ich sehe dort keine Telekommunikationskonzerne – Verizon, AT&T, Level 3, die Firmen, in deren Händen es liegt, unsere Kommunikationsdaten auszuliefern und die es den Regierungen erst möglich machen, den Internetdatenverkehr zu belauschen, fehlen. Wo ist Amazon, ein weiteres für die Cloud wichtiges Unternehmen, dessen Gründer Jeff Bezos gerade die Washington Post gekauft hat? Wo ist Cisco und wo sind die anderen Unternehmen, deren Produkte einerseits das Internet zusammenhalten und die andererseits von Regierungen dazu verwendet werden, um es zu zensieren? Wo sind die Finanzfirmen, wo sind eBay, Visa, American Express, die genauso viel über uns wissen?

Wo ist der offene Brief an den britischen Premierminister David Cameron, der dem Guardian gedroht hat, und wo ist der Brief an die Mitglieder des Parlamentsausschusses, die in der vergangenen Woche Rusbridger verhörten und die dabei versuchten, Journalismus – das Informieren der Öffentlichkeit über Handlungen der Regierungen gegen sie – als kriminell und unloyal darzustellen? Da die acht Technikunternehmen nun eine weltweite Reform fordern, würde ich mir wünschen, wenn sie diese Forderung an alle Regierungen der Welt stellen würden, angefangen bei der britischen Regierung.

Und wo sind all die Techniker? Es ist höchste Zeit, dass sie mit einer ernsthaften Debatte darüber beginnen, welchen Prinzipien sie folgen wollen und wo die Grenze ihrer nicht unerheblichen Macht liegt. Als bekannt wurde, dass die Regierung sogar die internen Leitungen zwischen den Datenzentren von Google und Yahoo angezapft hat, reagierten zwei Google-Ingenieure mit einem lauten "fickt Euch ins Knie". Aber Wut genügt nicht. Sie ist keine Basis, auf die sich bauen lässt.

Computerforscher und Datenanalysten sind die Atomwissenschaftler unserer Zeit, sie betreiben Technik, die für Gutes und für Böses benutzt werden kann. Sie müssen sich eine Ethik schaffen, nicht bezogen auf die Handlungen der Regierungsspione, sondern bezogen darauf, wie sie selbst mit ihrer Macht umgehen, wenn Geheimdienste, Regierungen oder gar ihr eigener Arbeitgeber von ihnen verlangen, unsere Privatsphäre zu verletzen, unsere eigenen Daten gegen uns zu verwenden oder unsere Redefreiheit einzuschränken. Die Techniker müssen entscheiden, was zu weit geht. Sie müssen die Frage beantworten, auf wessen Seite sie stehen. Ich schlage einen Hippokratischen Eid vor, dessen oberstes Prinzip lauten sollte: Schade keinem Nutzer.

Der Text erschien im Guardian und eine deutsche Version in Der Freitag. Übersetzung: Kai Biermann.