Die Rede des NSA-Aufdeckers Glenn Greenwald anlässlich des jüngsten Chaos Communication Congress in Hamburg hat nicht nur Geheimdienstler provoziert, sondern auch Journalisten. So fragten Patrick Beuth und Kai Biermann in einem Kommentar auf ZEIT ONLINE, ob sich Greenwald ob seiner Medienschelte überhaupt noch dem Journalismus zugehörig fühle. Jochen Wegner führte die Debatte in der ZEIT weiter: "Es ist für mich (…) schwer vorstellbar, dass Journalisten Anwälte eines Themas sind, dem sie sich professionell widmen."

Nun mag es im Alltagsbetrieb nicht oft einen Unterschied machen, ob ein Artikel von einem ordentlich bei einem traditionellen Großverlag angestellten und von Berufsverband, Verwertungsgesellschaft und Finanzamt anerkannten Journalisten oder von einem parajournalistischen Akteur stammt. Greenwald hat sich mit einem Komplex von Geheimdienstlern, Überwachungsindustrie und Machtpolitikern angelegt, der sich seinen eigenen weitgehend rechtsfreien Raum geschaffen hat und diesen beständig ausdehnt. Der demokratische Kontrollmechanismen systematisch schwächt oder gar ausschaltet. In diesem Zusammenhang kann er jeglichen Schutz brauchen, den der zivile Rechtsstaat ihm noch bietet. Und in diesem genießen Journalisten immer noch einen Hauch mehr Schutz als Aktivisten, sie dürfen etwa über ihre Quellen schweigen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

So verabschiedete der Justizausschuss des US-Senats erst am 12. September bei laufender NSA-Debatte die neueste Version des Free Flow of Information Act, eines Gesetzes, das auf Bundesebene regeln soll, welche journalistischen Akteure unter welchen Umständen vor staatlichen Eingriffen besonderen Schutz genießen. Die Debatte über dieses Gesetz zieht sich schon seit Jahren hin, sie ist auch untrennbar mit dem Problem verbunden, wie der Staat mit Whistleblowern aus dem eigenen Apparat umgehen soll. 

In Abschnitt elf der aktuellen Fassung des Gesetzes wird definiert, wer ein Journalist ist – hauptsächlich klassische Angestellte und Freelancer der üblichen Nachrichtenverarbeiter. Whistleblower, speziell solche, die Dokumente aus dem Deep State des Sicherheitsapparats verbreiten, sind ausdrücklich ausgenommen. Parajournalistische Akteure, etwa Blogger, bleiben im Limbo hängen und müssen im Zweifelsfall auf verständnisvolle Richter hoffen. Ob der aktuelle Gesetzentwurf Senat und Repräsentantenhaus passieren wird, ist noch nicht absehbar. Edward Snowden wäre von diesem Gesetz nicht geschützt, auch Glenn Greenwald, der eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt, müsste wegen der National-Security-Klausel bangen.  

Die Grenzen zwischen Aktivisten und Journalisten verschwimmen

Dass Journalist auch in Deutschland kein präzise umrissenes Berufsbild ist, hat einen handfesten Grund. Hier waren es nämlich zuletzt die Nationalsozialisten, die in ihrem Schriftleitergesetz so richtig exakt definiert haben, wer unter welchen Umständen als Journalist zu gelten und welche Aufgaben er zu erfüllen hat. In der Bundesrepublik wollten sich Staat und Medienbranche von dieser Praxis bewusst abgrenzen. 

Die Debatte darüber, was als Journalismus durchgeht und was nicht, ist in einer Demokratie ein zuweilen lästiges, aber letztendlich doch angenehmes Hintergrundrauschen. Es gehört zu den Selbstvergewisserungs- und Steuerungsprozessen einer zuletzt ökonomisch sehr verletzlichen Branche und zeigt, dass sie funktioniert.

Wer unter welchen Umständen journalistisch agiert, wird innerhalb gewisser Parameter, wie sie etwa der Kodex des Deutschen Presserats vorgibt, immer wieder neu ausgehandelt. In einer Branche, deren Kerngeschäft nach dem Kommunikationswissenschaftler Otto Groth die "vermittelte Mitteilung" ist, und zwar unter verschärften Bedingungen des technischen Wandels in der Informationsgesellschaft, sind solche Grauzonen produktiv und notwendig. Auch aus Sicht der Wissenschaft, deren Arbeitsweise Jochen Wegner für den Journalismus einfordert, ist es in diesem vermittelnden und damit konnektionistisch arbeitenden System produktiver, den Standpunkt nicht essenzialistisch festzubetonieren, sondern relational zu denken – also immer in Bezug auf die im jeweiligen Fall relevanten Objekte, Motive und Akteure.  

Speziell in diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten wird man es verstärkt mit Menschen und Organisationen zu tun bekommen, die Anwälte oder Akteure des Themas sind, das sie bearbeiten. Damit sind nicht nur parajournalistische Medienmacher jüngeren Datums wie der ehemalige Tech-Blogger Michael Arrington gemeint, der kein Problem damit hatte, über Start-ups zu berichten, in die er selbst investiert hatte. Auch Veteranen des US-amerikanischen IT-Journalismus bieten Angriffsflächen. Sind Kara Swisher und Walt Mossberg, die gerade ihre neue Website Re/code präsentiert haben, nicht doch in erster Linie knallharte Silicon-Valley-Power-Broker und Kongressveranstalter, also Aktivisten in eigener Sache?

Beim Überwachungsthema müssen Journalisten Aktivisten sein

Was für Individuen wie Swisher und Mossberg gilt, das lässt sich auch auf ganze Organisationen anwenden, beispielsweise auf das Imperium von Michael Bloomberg. Im Frühjahr 2013 wurde ruchbar, dass Mitarbeiter des journalistischen Teils des Bloomberg-Imperiums das Verhalten bestimmter Nutzer des Finanzinfo-Terminalsystems des Konzerns analysiert hatten, um Insiderinformationen für neue Storys abzugreifen. Im Rückgriff auf die Argumentationsform im Fall Greenwald könnte man sich fragen, ob Bloomberg nun eine Nachrichtenagentur ist oder nicht doch ein fröhlicher Haufen von Eigeninteresse getriebener Finanzaktivisten.

Bisher ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, den Journalistenstatus von Swisher und Mossberg oder von Bloombergs Agenturpersonal nachhaltig infrage zu stellen. Wenn aber Swisher, Mossberg und die Bloombergs Journalisten sind, dann ist es Glenn Greenwald hundert- und tausendfach.

Abgesehen davon, dass Greenwald mit den klassischen Methoden des investigativen Journalismus vorgeht, zeichnet sich sein Fall nämlich durch eine besondere Eigenschaft aus: Journalisten ist es schlicht unmöglich, nicht Akteur des Überwachungsthemas zu sein. Wenn Geheimdienste und andere Behörden unkontrollierten Lese- und Schreibzugriff auf alle Kommunikationsnetze haben und deren Sicherheitsmechanismen systematisch unterwandern, um ihre Arbeit bequemer zu machen, dann sind alle journalistischen Formen systemisch bedroht, können ihren Aufgaben in der Gesellschaft nicht mehr nachkommen. 

Die Faustregel, dass idealtypische Journalisten nicht zu Akteuren des von ihnen bearbeiteten Themas werden sollten, könnte Glenn Greenwald nur erfüllen, indem er für immer schwiege. Die Forderung gerät zu einer Art Kōan, zu einer meditativen Übungsaufgabe. Kōans wiederum sind die Sache von Gläubigen und Mönchen. Journalisten aber sollen – und müssen! – in diesem Fall kämpfen.