Vor nicht allzu langer Zeit erkannte man Bilder von Webcams daran, dass man auf ihnen nichts erkannte. Die Dinger hingen wackelnd am Bildschirm herum und machten ruckelige und verpixelte Aufnahmen. Mit dem Handy geschossene Fotos? Ein verschwommener Witz in Briefmarkengröße. Das frühe Internet bestand aus Texten, Bilder spielten dort kaum eine Rolle.

Trotzdem generierten die schrabbeligen technischen Möglichkeiten schnell ein ganz neues Genre der sich selbst im Internet zeigenden Menschen, die unter Adressen wie beispielsweise Jennicam.org ihr Leben öffentlich machten. Als nächstes kamen lustige Partyfotos, dann die sogenannten Selfies, dann Livestreams. Bilder von sich im Internet zu sehen, ist nun normal, wer dort nicht zu finden ist, gilt praktisch als tot.

Wir könnten es noch bereuen, dass wir so freizügig mit unseren Gesichtern umgehen.

Inzwischen besteht das Netz aus Fotos und mehr und mehr auch aus Videos. Flickr und YouTube sind gigantisch und doch nur ein Bruchteil der Bilderflut. Webcams, digitale Kameras, Smartphones, größere Speicher, wachsende Bandbreite – diese fünf sorgten und sorgen dafür, dass täglich Petabyte Bilder ins Netz gekippt werden.

Livebilder von jedem Ereignis auf der Welt

Selbst gedrehte Videos sind Basis diverser Geschäftsmodelle, von Schminktipps und Sexangeboten bis hin zu Gesangsaufnahmen, die Millionen erreichen, und Nachrichten aus dem eigenen Wohnzimmer. Portale wie YouTube, Vimeo, UStream, selbstverständlich auch Youporn und immer wieder Facebook leben von dem Boom der digitalen Bilder aus unserem Leben.

Nachrichtensender, Blogger, Hobbyfilmer, zufällige Passanten – sie alle generieren außerdem Livebilder von jedem Ereignis auf der Welt. Geht irgendwo eine Bombe hoch, fällt ein Meteorit vom Himmel, sind bereits nach Minuten die ersten Videos im Web. Das berücksichtigt noch nicht einmal die kommenden Träger von Google Glass, der Kamera zur Dauerbeobachtung des eigenen Alltags.

Dazu kommen die Überwachungsvideos aus dem öffentlichen Raum. Noch sind die meisten davon nicht öffentlich. Doch auch das scheint sich zu ändern. Zum einen, weil viele Menschen einfach eine Webcam irgendwo hinhängen und sie streamen lassen, was vor ihrer Linse passiert. Zum anderen, weil auch Behörden inzwischen Überwachungsbilder online verfügbar machen, um sie beispielsweise von Freiwilligen durchsuchen lassen.

Die Polizei von Wellesley im US-Bundesstaat Massachusetts stellt Livebilder von Polizeieinsätzen via UStream ins Netz. Jeder könne auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und den Beamten bei der Arbeit zusehen, heißt es auf der Website. Sie ist nicht die einzige dieser Art.

YouTube, die Fingerabdruckdatenbank der Zukunft

Das Zeitalter der Videoüberwachung hat daher noch nicht einmal richtig begonnen. YouTube und seine Klone sind die Fingerabdruckdatenbanken der nahen Zukunft. Mit einem erheblichen Unterschied zu bisherigen Personensammlungen bei Polizeien und Geheimdiensten: Sie sind für jeden zugänglich, jeder kann sie auswerten.

Bislang konzentrierte sich die Videotechnik darauf, die Qualität der Aufnahmen zu verbessern. Die sind nun gestochen scharf, High Definition. Jetzt richten Wissenschaftler, Firmen und Geheimdienste ihre Arbeit auf die bessere Auswertung der Videodaten. Denn noch sind die Bilder nahezu ungesichtet, kein Mensch kann sich 1.000 Stunden Überwachungsvideos anschauen. YouTube dürfte daher der größte ungehobene Datenschatz unserer Zeit sein. Die automatische Analyse dieser Daten ist der nächste logische Schritt.

Mautkameras in Deutschland und anderen Ländern erfassen und verarbeiten längst automatisiert Autokennzeichen und gleichen sie mit Datenbanken ab.

Google arbeitet daran, Ziffern und Aufschriften auf Hausnummern und Firmenschildern zu erkennen und zu verstehen, um bei Streetview und anderen Diensten gewonnene Bilder auswerten zu können.