ZEIT ONLINE: Herr Barlow, sind Sie ein Fluchthelfer von Edward Snowden?

John Perry Barlow: Die von mir gegründete Stiftung, die Freedom of the Press Foundation, ist mit dafür verantwortlich, dass sich Edward Snowden gezeigt hat, dass er sagt, was er gesagt hat, und dass er ist, wer er ist.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Barlow: Er hat uns früh kontaktiert, und wir haben ihn letztlich mit der Filmemacherin Laura Poitras und dem Journalisten Glenn Greenwald zusammengebracht. Auch weil wir klar machen konnten, dass wir einen sicheren Hafen für Whistleblower wie ihn bieten.

ZEIT ONLINE: Hat Edward Snowden den Journalisten Glenn Greenwald nicht von selbst angeschrieben?

Barlow: Snowden wusste von unserer Stiftung und hatte von Glenn Greenwald gehört. Aber Greenwald hat auf eine erste Mail nicht reagiert, was ich verstehen kann. Ich bekomme auch jede Woche fünf E-Mails von irgendwelchen Irren, die behaupten, sie wüssten von einem großen Unrecht und wollten nur verschlüsselt mit mir kommunizieren. Die haben irgendwelche paranoiden Ideen, und es kostet verdammt viel Zeit, einen absolut sicheren Kommunikationskanal aufzubauen. Deshalb hat Greenwald nicht reagiert, und Snowden hat sich an die Filmemacherin Laura Poitras gewandt, von der er wusste, dass sie im Vorstand unserer Stiftung sitzt. Außerdem hatte er gehört, dass wir Geld sammeln und verteilen könnten, dass wir für Sachen zahlen könnten wie Flugtickets und so weiter. Am Ende fühlte er sich dadurch sicher genug, um zu tun, was er getan hat.

ZEIT ONLINE: Ein komplizierter Weg.

Barlow: Inzwischen müssen viele Whistleblower den Umweg über unsere Stiftung gar nicht mehr gehen. Wir haben viele Medien davon überzeugt, einen Dienst namens Secure Drop auf ihrer Internetseite anzubieten. Mit ihm können Whistleblower diesen Medien anonym und sicher Dokumente zusenden. Auch DIE ZEIT hat doch inzwischen einen anonymen Briefkasten im Netz.

ZEIT ONLINE: Man fragt sich immer wieder: Wie konnte Edward Snowden so viele Dokumente an sich bringen und unbemerkt aus der NSA schleusen

Barlow: Er hat mir nichts darüber gesagt. Aber mein Eindruck ist, dass ihn viele Leute mit Material versorgt haben.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Barlow: Innerhalb der NSA gibt es sehr strenge Regeln. Ich kann mir schwer vorstellen, wie ein einzelner Mitarbeiter unbemerkt an so viele Informationen herankommen kann.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Beweise?

Barlow: Ich habe den festen Glauben, dass viele NSA-Mitarbeiter überlegt haben, was sie tun können, als sie gesehen haben, an was für einem diabolischen System sie mitarbeiten.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Barlow: Ich arbeite seit vielen Jahren als Berater für amerikanische Geheimdienste.

ZEIT ONLINE: Sie tun was?

Barlow: Ich will, dass die Dienste bessere Entscheidungen treffen, und ich glaube, dass sie bessere Arbeit leisten würden, wenn sie sich ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Quellen bedienen würden. Was hat es denn gebracht, alles überwachen zu wollen? Was hat es gebracht, in riesigen Datenseen zu schwimmen? Haben die Geheimdienste das Attentat auf den Boston Marathon verhindert? Nein.