Der britische Geheimdienst GCHQ hat die Enthüllungsplattform WikiLeaks zumindest zeitweise überwacht und unter anderem aufgezeichnet, von welcher IP-Adresse Nutzer aus aller Welt auf eine Seite von WikiLeaks zugegriffen haben. Das berichten Glenn Greenwald und Ryan Gallagher im neuen Online-Magazin The Intercept unter Berufung auf Dokumente von Edward Snowden.

In einer Power-Point-Präsentation der GCHQ ist ab Seite 33 zu sehen, wie der Geheimdienst eine Seite von WikiLeaks (mutmaßlich wikileaks.org) in Echtzeit überwachte und sowohl die IP-Adressen der Besucher aufzeichnete als auch die Suchmaschine, den Browser und die Suchbegriffe, über die sie auf die Seite gelangten. Der Codename für das System lautete ANTICRISIS GIRL. Die eingesetzte Analysesoftware ist frei erhältlich und heißt Piwik

Ob WikiLeaks dauerhaft überwacht wurde und noch wird, oder nur zu Demonstrationszwecken für die Präsentation, ist unklar. Der Geheimdienst wollte eine entsprechende Frage von The Intercept nicht beantworten.

Die Sammlung von IP-Adressen könnte die Geheimdienste auf die Spur von Whistleblowern bringen, die einer Plattform wie WikiLeaks über einen digitalen Briefkasten Dokumente schicken – vorausgesetzt, die Whistleblower haben keine Vorsichtmaßnahmen zur Verschleierung ihrer IP-Adresse getroffen. Zur fraglichen Zeit war das Einreichungssystem von WikiLeaks aber bereits abgeschaltet. Außerdem kann die Behörde anhand der IP-Adressen versuchen, die Unterstützer, Spender und Leser der bei WikiLeaks veröffentlichten Dokumente zu finden und weiter zu überwachen.

Möglich sei die Datensammlung, weil der Geheimdienst Zugriff auf die transatlantischen Glasfaserkabel hat, schreiben Greenwald und Gallagher. Tempora heißt dieses überaus mächtige Programm, es ist eines der ersten durch Snowden-Dokumente bekannt gewordenen Schleppnetz-Überwachungsprogramme der Briten.

In anderen, NSA-internen Dokumenten, die Greenwald und Gallagher auszugsweise veröffentlicht haben, wird angedeutet, dass die USA andere Regierungen – darunter Island und Deutschland – für eine Zusammenarbeit gewinnen wollten, um gegen Assange und "das menschliche Netzwerk, das WikiLeaks unterstützt", vorzugehen. Was genau mit dem "menschlichen Netzwerk" gemeint ist, bleibt unklar. Es könnte sich nur um die engsten Partner von WikiLeaks-Gründer Julian Assange handeln, oder aber um "potenziell Tausende Freiwillige, Spender und Journalisten", heißt es im Artikel von Greenwald und Gallagher.

Ein weiteres Dokument gibt eine NSA-interne Diskussion darüber wieder, wie WikiLeaks und andere Plattformen so eingestuft werden können, dass Beschränkungen für die Überwachung von US-Nutzern wegfallen: Wenn die Internetplattformen als "malicious foreign actor", also als "bösartiger ausländischer Akteur" eingestuft würden, müsste die NSA nicht mehr peinlich genau darauf achten, alle US-Nutzer auszufiltern. Als Beispiele neben WikiLeaks nennen die an der Diskussion beteiligten NSA-Mitarbeiter auch Anonymous und The Pirate Bay als potenzielle Anbieter (im Wortlaut: Server), auf denen "gestohlene US-Daten" liegen oder verteilt werden könnten.

Ob das Ergebnis dieser Diskussion in irgendeiner Weise umgesetzt worden ist, geht aus den Dokumenten nicht hervor.