Die Anlage der britischen Royal Air Force in Nord-Yorkshire gilt als Teil des GCHQ-Netzwerks. © dpa / str

Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald hat auf seiner Onlineplattform The Intercept ein neues Dokument veröffentlicht, das aus Edward Snowdens Akten stammen soll. Es bietet Einblicke in Onlineoperationen des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communications Headquarters) gegen Aktivisten.

Das Dokument mit dem Titel The Art of Deception: Training for Online Covert Operations (Die Kunst der Täuschung: Training für verdeckte Onlineoperationen) behandelt Strategien, mit denen Agenten gegen unliebsame Hacker vorgehen, die politische Ziele verfolgen. Opfer solcher Maßnahmen im Netz könnten nach Ansicht von Greenwald zum Beispiel Anonymous-Aktivisten sein, wie sie im Jahr 2011 DDoS-Angriffe auf den Netzdienstleister Paypal verübten. Die hatten damals gegen die Weigerung Paypals protestiert, Spendengelder für WikiLeaks anzunehmen.


Das Ziel der Zersetzungsarbeit der GCHQ ist, wie Greenwald schreibt, durch die Verbreitung von Fehlinformationen Onlinediskussionen zu beeinflussen und den Ruf einzelner Menschen zu schädigen. Geheimagenten sollten nicht nur in der Cyberwelt mit Onlinemitteln handfeste Resultate erzielen. Onlineoperationen sollten auch in der "echten Welt" Folgen haben, heißt es in einer der geleakten Powerpoint-Folien, die der US-Journalist öffentlich machte.

Gegner mit ihren eigenen Waffen schlagen

Agenten sollten zum Beispiel Lockvögel auf die politischen Gegner ansetzen und sie – oft mit sexuellen Mitteln – in kompromittierende Situationen bringen, um sie damit später erpressen oder bloßstellen zu können. Die angeblichen Opfer der Aktivisten sollten in gefälschten Blogs Propaganda veröffentlichen, die sich, wenn alles nach Plan läuft, viral im Netz verbreitet.

Schließlich sollen die Agenten auch Kollegen, Freunde und Nachbarn der Zielperson anschreiben, damit sich die Lügen auch im privaten Umfeld herumsprechen.

Sind Unternehmen das Ziel der GCHQ, würde der Geheimdienst geschäftliche Interna an Mitbewerber oder die Presse leaken oder schlechte Rezensionen in Foren platzieren.

Zum Repertoire zählt auch die "technische Disruption". Damit sind Angriffe auf die Onlineinfrastruktur des Gegners gemeint, also genau jene Taktik, die etwa Anonymous gegen WikiLeaks einsetzte. Bereits Anfang des Monats wurde bekannt, dass die GCHQ mittels DDoS-Attacken Chat-Server von Anonymous angegriffen und lahmgelegt haben.

Mit Wissen und Wanzen gegen Aktivisten

Aus dem veröffentlichten Dokument wird deutlich, dass der britische Geheimdienst bei der Planung seiner Rufmordkampagnen offenbar wissenschaftlich fundiert vorgeht. Erkenntnisse aus der Psychologie, Anthropologie und Ökonomie sollen den Agenten helfen, Onlinekommunikation in ihrem Sinne zu manipulieren.

Die GCHQ sollen demnach Techniken einsetzen, die aus Cyberbullying-Fällen bekannt sind, in Kombination mit einer umfassenden Überwachungsinfrastruktur. Wer weiß, wie leicht schon Einzelpersonen mit frei verfügbaren Mitteln des Internets die Reputation eines Menschen zerstören können, kann sich vorstellen, wie effizient eine Geheimdienstattacke nach den jetzt enthüllten Regeln wäre. Der britische Geheimdienst könne Existenzen von Menschen zerstören, die niemals eines Verbrechens überführt oder auch nur beschuldigt wurden, schreibt Greenwald. Das beträfe nicht nur sogenannte Hacktivisten. Ob die GCHQ solche Rufmordkampagnen tatsächlich durchgeführt haben, geht aus den Dokumenten nicht hervor.