Im digitalen Zeitalter stellen Daten das Öl des 21. Jahrhunderts dar. Soziale Netzwerke, Onlinehändler oder Car-Sharing-Unternehmen wollen alle unsere Daten. Je besser sie das Profil des Kunden kennen, desto passgenauer können sie Werbung schalten. Mittlerweile versuchen die Unternehmen, sogar unser Verhalten vorherzusagen. Amazon beispielsweise möchte Pakete schon packen, bevor der Kunde sie überhaupt bestellt hat. Zum ersten Mal ist es möglich, dem Menschen gleichsam beim Denken zuzuschauen. Diese Entwicklung schreitet immer schneller voran.

Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass immer neben Unternehmen auch Geheimdienste und Kriminelle im Besitz unserer Daten sein wollen. Leider hat sich auch unser Staat in diese Liste eingereiht. So gibt es seit Längerem eine Diskussion über die Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Die Daten über das Kommunikationsverhalten aller Bürgerinnen und Bürger, so sieht es die Vorratsdatenspeicherung vor, sollen verdachtsunabhängig gespeichert werden. In seinem Gastbeitrag spricht der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann in diesem Zusammenhang vor allem über die Speicherung der jeweiligen Inhaber von IP-Adressen. Anders als Heilmann allerdings schreibt, ist der Zugriff auf diese Daten gerade nicht durch einen Richtervorbehalt geschützt. Jeder Polizeibeamte, jeder Geheimdienstmitarbeiter kann im Rahmen der sogenannten Bestandsdatenauskunft ohne wirksame rechtliche Sicherung abfragen, wer zu einer bestimmten Zeit mit einer IP-Adresse im Internet unterwegs war.

Außerdem geht es bei der geplanten Vorratsdatenspeicherung nicht allein um die Speicherung von IP-Adressen, sondern auch um das Kommunikationsverhalten per Telefon, Handy und E-Mail. Auch das vergisst Heilmann leider zu erwähnen: wer wann wen angerufen hat, wo sich ein Handy zu einer bestimmten Zeit befunden hat – all das sollen die Provider für sechs Monate speichern, und der Staat soll darauf Zugriff haben. Führt man alle erhobenen Datenarten zusammen, ergibt sich ein sehr präzises Abbild eines Menschen, bis tief in die Privatsphäre hinein. Die Vorratsdatenspeicherung stellt, das muss allen klar sein, einen tiefen Eingriff in unsere Freiheitsrechte dar.

Dabei gibt es momentan keine Hinweise auf Ermittlungslücken. Zwar weisen Befürworter der Vorratsdatenspeicherung gerne auf den "rechtsfreien Raum" Internet hin – das aber ist blanker Unsinn. Bei Straftaten im Internet verzeichnet die Polizei eine der höchsten Aufklärungsquoten überhaupt. Es ist also nicht so, als stünde die Polizei den Kriminellen hilflos gegenüber.

Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Sicherheit stellt die Vorratsdatenspeicherung alle Menschen unter Generalverdacht und behandelt sie als potenzielle Kriminelle. Hinzukommt, dass wir immer weiter auf eine "Hybridüberwachung" aus staatlicher und privatwirtschaftlicher Überwachung zusteuern. Auch bei der Vorratsdatenspeicherung speichern private Unternehmen die Daten, auf die der Staat dann zugreift.

Spätestens seit der NSA-Affäre sollte uns allen bewusst sein, wie wertvoll und schützenswert unsere Daten sind. Die letzten Jahre waren im Internet geprägt von großer Euphorie. Doch jede neue Technologie birgt natürlich auch eine negative Seite. Diese haben wir leider zu wenig gesehen. Vielleicht waren wir zu naiv, vielleicht wollten wir die Gefahr einfach nicht sehen. Auf jeden Fall wird es Zeit, dass wir uns jetzt der Macht und der enormen Missbrauchsgefahren von Daten bewusst werden.

Die Reaktion auf das massive Datensammeln der Unternehmen und ausländischer Geheimdienste darf nicht ein ebenfalls datenhungriger Staat sein. Dadurch wird Deutschland nicht sicherer. Die Folgen wären nur größere Unsicherheiten und Abhängigkeiten. Wir brauchen keinen Staat, der seine Bürger zu gläsernen Bürgern macht, sondern einen Staat, der die Privatsphäre schützt – vor Unternehmen, Geheimdiensten und auch vor sich selbst.

Bewegungsprofil von Malte Spitz, basierend auf den Vorratsdaten seines Handys. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. © ZEIT ONLINE

Wir brauchen jetzt eine gesellschaftliche Debatte über eine neue Ethik im Umgang mit Daten. In einer Gesellschaft, in der Daten vor allem Macht bedeuten, brauchen wir eine Debatte, wie wir mit Daten umgehen. Dieser neue Umgang darf dabei weder von einer blinden Begeisterung getragen werden, noch von einer vermeintlichen Sicherheit geprägt sein. Es wird dringend Zeit, dass wir uns auf unsere Grundwerte, nämlich die Freiheit des Einzelnen, die Verantwortung vor der Demokratie und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit besinnen und aus diesen heraus eine Ethik im Umgang mit Daten entwickeln. Am Ende dieser Debatte muss dann auch endlich ein Weg zu einem selbstbestimmten Datenschutz stehen. Die Vorratsdatenspeicherung gehört sicherlich nicht dazu – die steht für Fremdbestimmung und Missbrauchsgefahren, aber sicherlich nicht für Datenschutz.