Predictive PolicingDas BKA will in die Zukunft sehen

US-Polizisten wissen dank Data Mining, wann und wo Verbrechen geschehen könnten. Das BKA interessiert sich für die Technik. Kritiker nennen sie "Blick in die Glaskugel". von 

In den USA ist das predictive policing – die voraussehende Polizeiarbeit – längst Realität. Was einst als Technik entstanden war, um Soldaten in Kriegsgebieten zu unterstützen, ist heute überall im Land zu finden. In Kalifornien, Florida und mindestens einem halben Dutzend weiterer Bundesstaaten setzt die Polizei spezielle Software ein, um herauszufinden, wann und wo ein Verbrechen stattfinden könnte. Dann können Beamte schon vorher vor Ort sein.

Die Informationen stammen aus internen Datenbanken, aber auch den Wetterbericht und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter analysiert die Polizei. Gibt es Muster in den Daten? Wer steht in Kontakt mit wem? Spricht das Wetter für oder gegen bestimmte Straftaten? Das Ergebnis sind Wahrscheinlichkeiten, und nach denen richten die Beamten zum Beispiel ihre Streifen aus. Deutsche Strafverfolger können davon nur träumen – und das tun sie offenbar auch. Obwohl die derzeitige Gesetzeslage den Abgleich mehrerer Datenbanken für ein predictive policing nicht ohne Weiteres erlaubt, schaut sich das BKA schon nach der passenden Software um. Das zeigen die Antworten auf mehrere Kleine Anfragen der Bundestagsfraktion Die Linke zum Thema Data Mining, also zur Analyse von Daten, um neue Hinweise und Erkenntnisse zu gewinnen.

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In einer Antwort der Bundesregierung vom 19. Februar heißt es noch allgemein: "Im BKA wird eine Marktbeobachtung zu Data Mining Software durchgeführt. Angehörige der Behörde nahmen an Vorführungen teil und die Behörde erhielt Testberichte." Andrej Hunko und andere Abgeordnete der Linken wollten mehr wissen und fragten weiter.

Aus der Antwort auf eine mündliche Frage von Hunko geht nun hervor, dass sich das BKA bisher über die Data-Mining-Produkte von acht verschiedenen Unternehmen informiert hat: IBM, Netapp Deutschland, Fun Communications, CID Consulting, IABG, Moresophy, Osher Ltd. sowie Oracle. Dabei legt das Ministerium Wert auf die Feststellung, das BKA führe kein Data Mining "im Sinne einer anlasslosen 'Herstellung von neuem Wissen'" durch.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Aber wozu sonst, fragt der Abgeordnete Andrej Hunko: "Data Mining in Polizeidatenbanken greift tief in die Privatsphäre ein und gleicht einer Rasterfahndung. Auch Kontaktpersonen geraten ins Visier. Polizeien des Bundes dürfen eine solche Software nicht einsetzen, hierzu fehlen die gesetzlichen Regelungen. Mit seinen Suchbewegungen zu Data Mining-Software geht das BKA weit über seinen gesetzlichen Auftrag hinaus."

Ein bisschen Data Mining macht das BKA auch schon, unter Umständen ist das also doch rechtlich möglich. Wie zum Beispiel die Software Analyst's Notebook zur schnellen Analyse von komplexen Datensätzen und zur Mustererkennung funktioniert, haben die Beamten sogar schon ihren weißrussischen Kollegen in einem Lehrgang demonstriert

Das BKA ist nicht die einzige deutsche Behörde, die sich für den "Blick in die Glaskugel" interessiert, wie es Hunko nennt. Aus einer am 5. März veröffentlichten Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken geht hervor, dass sich sowohl das BKA als auch die Bundespolizei schon über das Projekt Caper (Collaborative information Acqisition, Processing, Exploitation and Reporting) informiert haben.

Soziale Netzwerke beobachten, um die Mafia zu finden

Caper soll polizeiliche Daten und öffentlich zugängliche Daten aus dem Internet wie zum Beispiel soziale Netzwerke verknüpfen, semantisch auswerten und visuell so aufbereiten, dass Strafverfolger neue Zusammenhänge oder besondere Ereignisse erkennen können. Das System soll zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens und für "besondere Gefahrenabwehranlässe" eingesetzt werden.

Ob die "proaktive Verbrechensbekämpfung" mit Caper in Deutschland überhaupt rechtlich möglich wäre, hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben nicht geprüft.

Das gilt auch für das Forschungsprojekt Proactive (Predictive reasoning and multi-source fusion empowering anticipation of attacks and terrorist actions in urban environments), an dem die Universität der Bundeswehr München beteiligt ist. Das Ziel ist, Terrorangriffe in Städten zu verhindern. Dazu sollen Polizeidaten mit Daten von Sensoren verknüpft werden, die in der ganzen Stadt verteilt sein können. 

Leserkommentare
  1. Egal mit was für Techniken die aufwarten, es werden sich immer findige Tüftler einstellen, die den Nutzwert solcher Systeme für die Überwachos einschränken (übrigens nicht verwandt mit den Villabonzas).

    Etwa die smarte Armbanduhr die einem zuflüstert "Das aktuelle Sauwetter wird die Polizei mit 78% Wahrscheinlichkeit in ihren Dienststuben verweilen lassen. Ihr geplanten Einbruch kann also stattfinden! (Möchten Sie das auf Facebook teilen Ja / Nein / Bin ich blöd?)"

    Aber träumen darf man ja noch, auch der liebe Schutzmann.

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  2. Schon faszinierend und schrecklich zugleich, wie "Sci-Fi"-Filme/-Bücher immer mehr zur Realität werden.

    8 Leserempfehlungen
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    >>Minority Report<<

    Ja, das war auch mein erster Gedanke. Pre-Crime in Aktion. Das ganze in einer Zeit, in der deutlich klar wird, daß der Staat, in dem man lebt, nicht am Schutz von (digitalen) Bürgerrechten interessiert ist. Fehlt nur noch die Biometrie, in dem Film gibt's ja überall Netzhautscanner. Wird bald so weit sein, spätestens der nächste deutsche Innenminister schlägt das vor.

    Die ganzen Optimisten glauben ja immer noch, daß aus dem Datennetz die globale Weltrevolution für Frieden und Harmonie entstehen wird. Ich bin inzwischen der Meinung, daß dank der paranoiden Hirne, die sich so einen Müll einfallen lassen, die globale Revolution in einen Datenfaschismus führen wird, gegen den 1984 aussieht wie ein Kinderbuch.
    Oder womöglich ist das schon passiert.

  3. Ist eigentlich nur das solche Software in der Vergangenheit mach massiven Ankündigungen nicht funktioniert hat. Da sie zwar zu erhöhter Polizei Präsents in Risiko.Gebiten führe,, aber auch das mehr Verbrechen ebend nicht in den risikogebiten begangen werden.

    Also würde mich ein Testergebnis der Software schon interresieren und auch die offengelegten Berechnungsdaten die nötig sind damit das System nich auf einen auge über die Zeit blind wird.

    Aber noch besser wären warscheinlich mehr Polizisten so das die Ermitler nicht mehr so überarbeitet sind.

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    "Ist eigentlich nur das solche Software in der Vergangenheit mach massiven Ankündigungen nicht funktioniert hat. Da sie zwar zu erhöhter Polizei Präsents in Risiko.Gebiten führe,, aber auch das mehr Verbrechen ebend nicht in den risikogebiten begangen werden."

    Ich habe mehrere exogene Variablen - bspw. Berlin Wedding, Temparatur 25 °C, 21.00 Uhr, Freitag, die mir rein exemplarisch eine Verbechenswahrscheinlichkeit von 75 % voraussagen. In diesem Fall werden, insofern die zugrundeliegenden Modelle korrekt erstellt wurden, in 1.000 exakt identischen Fällen (also Freitag, 21.00 Uhr usw.) ziemlich genau 750 Verbrechen in Berlin Wedding zu verzeichnen sein.

    Ist doch prinzipiell nicht verkehrt, an dieser Stelle dann ein erhöhtes Polizeiaufkommen zu realisieren. Darüber hinaus würde es die Effizienz der Einsatzkräfte erhöhen, ergo den Steuerzahler entlastet.

    Ich gehe allerdings stark davon aus, dass die Allokation der Einsatzkräfte bereits nach ähnlichem Prinzip funktionert, aber eben nicht auf Grundlage konkreter Erhebungen, sondern auf Erfahrungsbasis. Dies stellt den Nutzen entsprechender Anwendungen natürlich wieder in Frage.

  4. 4. [...]

    <<< Das System soll zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens und für "besondere Gefahrenabwehranlässe" eingesetzt werden. <<<

    Oh, "Gefahrenabwehranlässe", Repressionsbürokraten-Bullshitneusprech für die Bekämpfung politischer Dissidenz, also lästiger Demonstrationen und anderer Maßnahmen, die der herrschenden Klasse in die Suppe spucken könnten.
    Wie z.B. die angekündigten Proteste gegen den nächsten G8-Gipfel bei Berchtesgaden, 2015.
    Die marktkonforme Demokratie muss ja wehrhaft sein, nicht dass das Kapital noch das Vertrauen in den Standort Deutschland verliert!

    Vor einigen Jahren träumte das BKA auch davon, Rechner von Verdächtigen mittels Trojanern zu infizieren. Was damals schon hochgradig grundgesetzwidrig klang, wurde dann auch konsequent grundgesetzwidrig umgesetzt. Natürlich ohne, dass es da für irgendwen negative Konsequenzen gegeben hätte, gerade Ziercke ist ja Meister im Aussitzen von Skandalen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

    9 Leserempfehlungen
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    Bitte gehen Sie sachlicher auf andere Beiträge ein. Danke, die Redaktion/se

  5. " ... mit Daten von Sensoren verknüpft werden, die in der ganzen Stadt verteilt sein können. "

    Kann mal jemand übersetzen ? Was sollen den das für Sensoren sein ?

    Wenn man keine Arbeit hat sucht man sich welche, wenn man keine Probleme hat macht man sich welche.
    Die Sicherheit ist doch nur noch mit sich selbst beschäftigt.

    Öffentlcih zugängliche Quellen sind auch Zeitungenm aber wer ließt den heute noch.

    Eine Leserempfehlung
  6. >>Minority Report<<

    Ja, das war auch mein erster Gedanke. Pre-Crime in Aktion. Das ganze in einer Zeit, in der deutlich klar wird, daß der Staat, in dem man lebt, nicht am Schutz von (digitalen) Bürgerrechten interessiert ist. Fehlt nur noch die Biometrie, in dem Film gibt's ja überall Netzhautscanner. Wird bald so weit sein, spätestens der nächste deutsche Innenminister schlägt das vor.

    Die ganzen Optimisten glauben ja immer noch, daß aus dem Datennetz die globale Weltrevolution für Frieden und Harmonie entstehen wird. Ich bin inzwischen der Meinung, daß dank der paranoiden Hirne, die sich so einen Müll einfallen lassen, die globale Revolution in einen Datenfaschismus führen wird, gegen den 1984 aussieht wie ein Kinderbuch.
    Oder womöglich ist das schon passiert.

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Minority Report"
  7. "US-Polizisten wissen dank Data Mining, wann und wo Verbrechen geschehen könnten."

    Super, das weiss ich auch: Zu großen, nicht-regelmäßigen Veranstaltungen (Staatsbesuche, die Treffen der "Reichen und Mächtigen"), zu großen regelmäßigen Veranstaltungen mit vielen Beteiligten (Volksfest, Messen, Marathonläufe u.ä.) sowie an Ort, an denen regelmäßig eine zum Teil zufällige (z.B. einmalig Reisende), zum Teil regelmäßige (Pendler) Anzahl an Menschen zusammentrifft (Bahnhöfe, Flughäfen, Kino, Geschäftshäuser, Shopping-Malls etc.).

    Also mit anderen Worten: eigentlich überall außerhalb der eigenen Wohnung...und da natürlich auch.

    Dafür brauche ich aber kein Abzapfen und Analysieren weiterer Privatdaten, es sei, ich benötige diese, um mehr Kontrolle auszuüben. In Erwartung dessen, dass überall etwas passieren kann, kann ich Beamte überall hinschicken und deren Präsenz mit der Möglichkeit von Verbrechen begründen. Glücklicher Polizeistaat.

    4 Leserempfehlungen
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    • a-b-l
    • 17. März 2014 21:55 Uhr

    ist wohl das Stichwort. Und mehr Kontrolle in diversen Abstufungen bis hin zur totalen Überwachung der einzelnen, wie in der Orwellschen Fiktion, kann durchaus eine Zeit lang für weniger Kriminalität sorgen.

    Aber möchte man diesen Polizei-Staat wirklich haben, als befristete Garantie für weniger Kriminalität? Lässt sich Kirminalität vielleicht auch anderswie bekämpfen?

    Früher oder später wird sich die Kriminalität an den neuen Gegebenheiten angepasst haben und wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, dann wird man als Wächter über Recht und Ordnung dafür selbst sorgen müssen, dass das innovative System, seine Daseinsberechtigung behält und ausgebaut wird. ("Krieg ist Frieden", "Freiheit ist Sklaverei", " Unwissenheit ist Stärke"... wenn es einen allwissenden BigBrother gibt der über einen bestimmt)

    • vastus
    • 17. März 2014 20:59 Uhr

    Beim Blick in die Glaskugel konnten sie das Attentat in Bosten voraussehen und damit Tote und Verletzte verhindern.

    3 Leserempfehlungen

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