Der US-Geheimdienst NSA hat einem Bericht der Washington Post zufolge Programme entwickelt, die die komplette Sprachkommunikation eines ganzen Landes aufzeichnen können. Die Telefonate würden 30 Tage lang gespeichert und die Beamten könnten sie in dieser Zeit anhören.

Damit könne die NSA die Telefongespräche rückwirkend belauschen. Die Programme mit den Namen Mystic und Retro erlaubten dem Geheimdienst, Gespräche auch dann abzuhören, wenn eine verdächtige Person zum Zeitpunkt des Telefonats noch gar nicht im Fokus der Beamten gewesen sei. 

Das System wird den Angaben zufolge seit 2011 gegen das erste Zielland eingesetzt. Die Washington Post gab an, den Namen dieses Landes auf Bitten der US-Regierung nicht zu nennen. Auch die Information, in welchen Staaten das Programm in Zukunft zum Einsatz kommen könnte, hielt die Zeitung zurück. Sie beruft sich auf Dokumente aus dem Fundus von Edward Snowden und Gespräche mit amerikanischen Offiziellen.

Seit Juni vergangenen Jahres gelangten durch die Enthüllungen des Whistleblowers eine Reihe von Spähaktivitäten der NSA und verbündeter Geheimdienste ans Licht. So überwachte die NSA auf der Suche nach Terrorverdächtigen nicht nur massenhaft E-Mails und Telefonate von Bürgern rund um die Welt, sondern hörte auch Spitzenpolitiker aus befreundeten Staaten ab, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auf die Empörung aus dem In- und Ausland reagierte Obama mit einer Überprüfung der Geheimdienstarbeit.

Eine unabhängige Kommission legte im Dezember mehr als 40 Reformvorschläge vor, die der Präsident aber nur teilweise umsetzt. In einer Rede Mitte Januar versprach Obama unter anderem, ein Programm zur Sammlung der Telefonverbindungsdaten von US-Bürgern in seiner jetzigen Form zu beenden.

Außerdem sagte er einen stärkeren Schutz der Privatsphäre ausländischer Bürger zu und verbot die Überwachung eng verbündeter Staats- und Regierungschefs. Grundsätzlich hielt Obama aber an den Spähprogrammen der NSA fest. Das geplante Anti-Spionage-Abkommen zwischen Deutschland und den USA gilt als gescheitert.