Sie heißen Narrative Clip, Autographer oder LifeLogger: kleine Kameras, die am Hemd oder am Ohr getragen werden und automatisch alle 30 Sekunden ein Foto machen. Von allem und jedem. Sie sind die kommerziellen Varianten von Wearables, die Pioniere wie Steve Mann seit Jahrzehnten erproben. Die Grundannahme ihrer Entwickler lautet: Wir können nicht wissen, welche Momente wichtig werden – also nehmen wir vorsichtshalber jeden Augenblick mit der Kamera auf und speichern ihn.

Wer zum Beispiel den Narrative Clip oder LifeLogger benutzt, kann seine Bilder auf den Servern des Anbieters lagern und sie über soziale Netzwerke teilen – im Fall von LifeLogger auf Wunsch auch automatisiert. Darunter wären dann möglicherweise auch Fotos vom Toilettengang, von Passworteingaben am Computer oder Geldautomaten oder auch Bilder vom Arztbesuch. Bei Tausenden Fotos, die täglich anfallen können, kann es schwer sein, den Überblick zu behalten.

Selbst überzeugte LifeLogger, also Menschen, die ihr ganzes Leben mit Kameras und Mikrofonen festhalten, wollen aber kontrollieren können, was sie veröffentlichen. Das glauben zumindest vier Forscher von der Universität Indiana in Bloomington, USA. Sie haben ein System namens PlaceAvoider entwickelt, in dem die Lifelogger eine schwarze Liste von Orten anlegen können, die ihre Kameras künftig nicht mehr automatisch fotografieren sollen. Also eine Abwehrmöglichkeit gegen die von ihnen selbst eingesetzte Technik, die Lösung für ein selbst verschuldetes Problem.

Gedacht ist PlaceAvoider für die Träger von Lifelogging-Kameras, aber auch von Wearables wie Google Glass, die wegen ihrer Aufnahmefunktionen zunehmend kritisch betrachtet werden.

Wer PlaceAvoider nutzt, wählt ein Foto seines persönlichen Gefahrengebiets aus und markiert es. Die Software analysiert GPS-Daten, Zeitstempel und vor allem das Motiv selbst. Der sogenannte Sift-Algorithmus (Scale-invariant feature transform) erkennt Punkte auf einem Foto, die vergleichsweise unempfindlich gegen perspektivische Verzerrungen und wechselnde Lichtverhältnisse sind, zum Beispiel kontrastreiche Bereiche an Ecken und Kanten. Aus all diesen Daten erstellt PlaceAvoider einen digitalen Fingerabdruck des Gebiets.

Neue Fotos werden mit dem gespeicherten Fingerabdruck verglichen. Gibt es eine Übereinstimmung, meldet PlaceAvoider das dem Nutzer. Der kann der jeweiligen Lifelogging-Software dann den Zugriff auf das soeben geknipste Foto verbieten. In Zukunft soll PlaceAvoider schon die Aufnahme des Fotos selbst verhindern können.

Das System ist aber noch nicht ausgereift. Getestet hat es ein Proband an einem Smartphone, das er sich um den Hals gehängt hatte. Grundsätzlich funktioniert es aber recht gut: In immerhin 89,8 Prozent aller Fälle erkannte es einen zuvor markierten Ort wieder.

Die vier PlaceAvoider-Entwickler weisen auch darauf hin, dass Lifelogger nicht nur die eigene Privatsphäre im Griff haben sollten, sondern auch die von anderen Menschen. Sie schlagen vor, dass jeder seine eigenen schwarzen Listen zur Verfügung stellen könnte, damit dort keine Kamera automatisch fotografiert. Sie müssten dafür aber wiederum eigene Daten ihrer geschützten Lebensbereiche mit anderen teilen – wenn auch nur in Form eines abstrakten "Fingerabdrucks".

Anti-Paparazzi-Werkzeuge und Anti-Drohnen-Kleidung

Andere Abwehrmaßnahmen gegen unerwünschte Fotoaufnahmen werden zum Teil seit Jahren diskutiert und entwickelt: Sensoren könnten Kameralinsen in einem Raum erkennen und mit gezielten Lichtpulsen verhindern, dass diese ein brauchbares Foto aufnehmen, schrieben Forscher vom Georgia Institute of Technology schon im Jahr 2005.

Die Notwendigkeit für solche Abwehrtechnik gegen Aufnahmetechnik ergibt sich aus der Grundannahme, dass alles aufgezeichnet werden kann. Ob Überwachungskameras, Smartphones oder Google Glass, Drohnen, Webcams, Mautkameras – irgendein foto- oder videofähiges Gerät ist immer in der Nähe. Sie werden auch nicht mehr verschwinden – egal, wie rabiat manche dagegen vorgehen.

Es gibt auch den Versuch der sanften Gegenwehr: Die Mitglieder des Projekts Offlinetags haben vier verschiedene Symbole entwickelt, die man sich etwa bei Konferenzen oder auf Demonstrationen anheften kann. Sie erinnern an CC-Lizenzen und bedeuten etwas vereinfacht gesagt, dass die Träger ungefragt fotografiert werden dürfen, oder nur nach einer entsprechenden Bitte um Erlaubnis, oder nur mit anschließender Unkenntlichmachung oder gar nicht. Grundsätzlich sind die vier Symbole auch maschinenlesbar, man könnte einer Videokamera also beibringen, sie zu erkennen.

Weniger sanfte Gegenwehr kommt von Menschen wie Adam Harvey. Camoflash heißt eines seiner Projekte. Es ist ein Blitzlicht, das andere Blitzlichter erkennt und mit einem starken und vor allem schnellen Gegenblitz kontert. Als Anti-Paparazzi-Werkzeug bezeichnet es der New Yorker Künstler, Designer und Aktivist, der auch Anti-Drohnen-Bekleidung und Make-up gegen automatische Gesichtserkennung entworfen hat.

So ähnlich wie Camoflash funktioniert auch noPhoto, ein Nummernschildhalter, der mit einem Gegenblitz verhindern soll, dass Verkehrskameras ein zu schnell fahrendes Auto identifizieren. Entwickelt hat es Jonathan Dandrow. Er sagt, es sei nach US-Recht legal. "Wir glauben, es ist ihr gutes Recht, ihr Leben zu leben, ohne ständig aufgenommen und überwacht zu werden", schreibt er auf der Website seines Unternehmens.