Angela Merkel ist nicht nur die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch die erste Regierungschefin, die mit einem Big Brother Award ausgezeichnet wird. Streng genommen geht der Preis an das ganze Bundeskanzleramt, vertreten durch Kanzleramtschef Peter Altmaier und eben die Hausherrin, für "geheimdienstliche Verstrickungen in den NSA-Überwachungsskandal".

Das Kanzleramt sei zuständig für die oberste Fachaufsicht über den Auslandsgeheimdienst BND, sagte Jury-Mitglied Rolf Gössner. Die deutschen Geheimdienste kooperierten eng mit der NSA und anderen Diensten. BND und das Bundesamt für Verfassungsschutz seien an den Spähprogrammen und Infrastrukturen der NSA beteiligt und würden von deren Werkzeugen – namentlich das Spähprogramm XKeyscore – profitieren. Gleichzeitig hätten es die alte und die neue Bundesregierung versäumt, die Bürger und Unternehmen des Landes vor der Massenüberwachung zu schützen.

In der Kategorie Wirtschaft bekommt die Firma CSC Solutions Deutschland aus Wiesbaden den Big Brother Award. Deren amerikanische Mutterfirma ist eines der vielen Unternehmen, die für die US-Geheimdienste arbeiten: CSC hat unter anderem das interne Kommunikationssystem der NSA mit aufgebaut und war an den Verschleppungsaktionen der CIA beteiligt. Die Bundesregierung hat CSC in den vergangenen Jahren immer wieder mit "delikaten Aufgaben betreut", wie Rena Tangens von Digitalcourage in ihrer Laudatio sagte: Das Unternehmen war am deutschen Waffenregister beteiligt, am elektronischen Personalausweis, an De-Mail sowie an der Überprüfung einer Schnüffel-Software der Gamma Group, die der nächste deutsche Staatstrojaner werden könnte.

Ausgezeichnet wurde auch das Unternehmen MeinFernbus GmbH, weil Käufer von Onlinetickets immer auch einen amtlichen Ausweis beim Busfahrer vorzeigen müssen. Dadurch werde "anonymes Reisen per Bus unmöglich", kritisierte Laudator Peter Wedde. Eine gesetzliche oder sonstige Verpflichtung für die Ausweiskontrolle gebe es nicht – und wer versucht, sein Ticket beim Einsteigen bar zu zahlen, müsse entweder mehr zahlen oder könne gar nicht mitfahren, weil der Bus schon ausgebucht ist.

Spione im Auto und smarte TVs

In der Kategorie Technik bekamen die nicht näher benannten "Spione im Auto" den Big Brother Award 2014. Gemeint sind neue Technologien von möglicherweise obligatorischen Unfalldatenschreibern in jedem Fahrzeug über neue Ortungsdienste oder Fahrtenschreiber für Autoversicherungen bis zu den Betriebssystemen von Google und Apple, die es mittlerweile fürs Auto gibt. "Wir vergeben den Preis darum für das geplante Gesamtwerk, um auf die bedenklichen Tendenzen hinzuweisen", sagte Frank Rosengart vom Chaos Computer Club bei der Preisverleihung.

Das koreanische Unternehmen LG bekommt den Big Brother Award für seine "smarten" Fernseher mit Internetverbindung. Im November hatte ein britischer Blogger entdeckt, dass sein LG-Fernseher sein Nutzungsverhalten analysierte und die Daten unverschlüsselt an LG-Server übertrug – auch dann, wenn diese tief im Einstellungsmenü versteckte und standardmäßig aktivierte Funktion deaktiviert wurde. LG hatte zwar schnell Besserung gelobt – trotzdem sagte der Künstler und Aktivist padeluun von Digitalcourage in seiner Laudatio, die Firma habe sich den Award "redlich verdient."

Positivpreis für Edward Snowden

Erstmals hat der Verein in diesem Jahr auch einen Positivpreis verliehen. Er heißt "Julia and Winston Award", benannt nach den Protagonisten aus George Orwells Roman 1984. Gewonnen hat ihn – wenig überraschend – Edward Snowden. Der Preis ist mit einer Million dotiert – einer Million Aufklebern. Die will der Verein nun "an die Bevölkerung versenden, um damit der Forderung nach Asyl und sicherem Aufenthalt von Edward Snowden in Deutschland Nachdruck zu verleihen".

In seiner Laudatio auf Snowden sagte Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung (laut Manuskript), Snowden sei "ein Symbol für den zivilcouragierten Widerstands eines Einzelnen gegen ein mächtiges staatliches System. Er ist ein Winzlings-David, der gegen einen Super-Goliath aufgestanden ist."