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Die Show hatte kaum begonnen, da war sie auch schon wieder vorbei. Zumindest für all jene, die sich um kurz vor 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit vor ihren Bildschirmen versammelt hatten, um live der Bekanntgabe der Pulitzer-Preisträger beizuwohnen. Es gab keine großen Dramen oder Überraschungen zu erleben. Doch manchmal ist es ja trotzdem eine Sensation, auch wenn einfach nur das geschieht, was alle erwartet hatten. Oder erhofft.

Um kurz nach neun stellte also die Columbia University in New York, die den renommiertesten Preis für Journalismus und Kultur der USA verleiht, einfach eine Liste online. Ganz oben standen die Gewinner in der Kategorie Public Service, die zu den ältesten seit der Gründung des Preises im Jahr 1917 zählt. Und geehrt wurden: die Zeitungen The Guardian und Washington Post für ihre Enthüllungen in der NSA-Affäre, basierend auf den Unterlagen, die ihnen von Edward Snowden zugespielt worden waren.

Das war so erwartet worden, alles andere wäre auch absurd gewesen. Immerhin handelt es sich nicht um irgendeinen Preis. Er ist für amerikanische Medien der wichtigste Preis überhaupt. Die Redaktion der New York Times verfolgte die Verleihung geschlossen im Newsroom, wie Redakteurin Shreeya Sinha via Twitter dokumentierte:


Dass die prestigeträchtige Auszeichnung tatsächlich an den Guardian und die Washington Post ging, ist so fabelhaft wie einleuchtend. Welche größere, wichtigere, brisantere Geschichte hätte es in den US-Medien im vergangenen Jahr geben können als die seit Juni 2013 Schicht um Schicht enthüllte, weltweite Überwachung sämtlicher digitaler Kommunikation durch Geheimdienste wie die amerikanische NSA und das britische Pendant, den GCHQ? Eben.

Der Preis gebührt Poitras und Greenwald

Andererseits: Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Es wirkt etwas merkwürdig, dass die Journalisten hinter den Enthüllungen nicht namentlich genannt werden, obwohl das alles andere als kompliziert gewesen wäre. Allen voran gebührt der Preis nämlich dem früheren Guardian-Mitarbeiter und Begründer der neuen Website The Intercept, Glenn Greenwald und der Filmemacherin Laura Poitras, die Snowden vor einem Jahr in Hongkong getroffen und interviewt haben und damit die Initialzündung für alles Weitere geliefert haben. 

Ansonsten waren Ewen MacAskill beim Guardian und Barton Gellmann bei der Washington Post federführend bei den Enthüllungen. Warum diese vier Journalisten nun erst von ihren Medien ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden müssen und das nicht schon bei der Preisvergabe geschehen ist, bleibt unklar.

Zudem verstellt die vermeintliche Selbstverständlichkeit des Pulitzerpreises an die NSA-Enthüller auch den Blick dafür, welche Rolle die amerikanischen Medien in dieser Geschichte gespielt haben und spielen. Der Guardian hat zwar eine eigene US-Ausgabe seines Onlineauftrittes, ansonsten hätte er auch gar nicht mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden können, der für US-Medien reserviert ist. Aber die Zeitung hat ihren Hauptsitz in Großbritannien. Dort stand die Chefredaktion in den vergangenen Monaten zum Teil unter massivem politischen Druck wegen der Enthüllungen.

Während Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger vor dem britischen Parlament aussagen und demonstrativ Festplatten vernichten musste, schienen die US-Medien oftmals dankbar seine Geschichten nachzudrehen und sich ansonsten in Deckung zu halten. Die Rolle der angesehenen New York Times in der NSA-Enthüllung wirkte häufiger eher zurückhaltend. Und die nun ausgezeichnete Washington Post veröffentlichte neben den Enthüllungen auch Meinungsstücke, in denen Snowden als selbstgerechter, feiger Jammerlappen gezeichnet wurde.

Die Preisentscheidung der Columbia University unterstreicht, dass es eine rege Debatte in den USA über die Arbeit der Geheimdienste gibt. Doch die ist noch lange nicht beendet – die Debatte nicht und auch nicht die Spionagearbeit der NSA.