Unschuldig angeklagt, immer wieder mit falschen Mahnungen und Geldforderungen überzogen für Waren, die man nie bestellt hat, von Inkassounternehmen und Gerichtsvollziehern verfolgt – Identitätsdiebstahl kann für die Opfer zur langwierigen Tortur werden. Sie müssen recherchieren, wie zum Beispiel ihre echten Kreditkartendaten mit falschen Adressdaten vermischt und weitergegeben wurden. Und dann müssen sie dafür sorgen, dass die falschen Daten gelöscht werden. Aber bis die datenspeichernden und datenverarbeitenden Unternehmen und Institutionen dies tun, ist oft umfangreicher Schriftwechsel und jede Menge Arbeitsaufwand nötig.

Auch mein Leben wurde vor knapp viereinhalb Jahren durch einen Identitätsdiebstahl fremdbestimmt. 2009 nutzten Betrüger meine Identität für Warenkreditbetrug im Wert von vielen Tausend Euro. Unter Angabe meines Namens und Geburtsdatums bestellten sie Waren auf Rechnung an eine Adresse, an der ich nie gewohnt hatte oder gemeldet war. Strohmänner nahmen die Bestellungen entgegen und verkauften sie wohl weiter. Die Rechnung zahlten die Kriminellen natürlich nie. Erst viele Wochen später leiteten die geprellten Händler das Mahnverfahren ein. Und nochmals ein paar Monate später wurden Inkassounternehmen tätig, um die vermeintliche Schuldnerin zu finden. Die Geldeintreiber fanden aber nur die reale Person, in einer ganz anderen Stadt: mich.

Mehr als 400 Arbeitsstunden und jede Menge Geld für Anwälte kostete es mich damals, meinen guten Namen wieder herzustellen. Einen dicken Aktenordner füllen die Schriftwechsel, die ich seinerzeit mit den datenverarbeitenden Unternehmen wie Auskunfteien,  Inkassobüros und Adresshändlern, aber auch Behörden hatte. Ende 2010 hatte der Spuk endlich ein Ende. Aber ganz sicher, dass auch wirklich alle falschen Daten aus der Welt waren, konnte ich mir nie sein.

Deshalb nutze ich seither den Update-Service der Schufa. Deutschlands größte Auskunftei hat Daten von mehr als 66 Millionen Deutschen gespeichert. Und sie bietet einen kostenpflichtigen Service an, der regelmäßig über Änderungen in den bei ihr gespeicherten Daten informiert. Nach eigenen Angaben soll der Update-Service vor allem im  Falle eines Identitätsmissbrauchs dabei helfen, schnell zu reagieren.

Einmal im Quartal bekommt man eine Nachricht aufs Handy und als E-Mail, wenn der Score neu berechnet wird oder neue Daten eingetragen werden. Was sich konkret verändert hat, geht aus der Benachrichtigung allerdings nicht hervor. Dafür muss man sich in einem mehrstufigen Identifizierungsverfahren bei der Schufa einloggen und alle dort gespeicherten Daten einzeln überprüfen.

Anfang Juli erhielt ich wieder eine Datenaktualisierung und bemerkte, dass mein Score auf gerade einmal neun Prozent gesunken war. Meiner Selbstauskunft entnahm ich, dass das Frankfurter Inkassounternehmen Universum eine angeblich titulierte Forderung in Höhe von fast 1.000 Euro hatte eintragen lassen. Und das offenbar schon Ende November 2013. Aus den Schufa-Daten ging außerdem hervor, dass es sich um eine Alt-Forderung aus dem Jahr 2009 handelte. Jenes Jahr, als ich Opfer von Identitätsdiebstahl wurde. Universum Inkasso war aber niemals bei mir vorstellig geworden.

Und offenbar bin ich nicht die einzige, in deren Schufa-Daten eine Altforderung durch Universum-Inkasso eingetragen wurde, ohne im Vorfeld benachrichtigt zu werden. "Im November 2013 hat das Inkassobüro jede Menge alter Forderungen bei der Schufa eintragen lassen", sagt der Berliner Rechtsanwalt Sven Tintemann. Er ist für die Kanzlei Dr. Schulte und Partner tätig, die bereits mehrfach Verfahren gegen das Frankfurter Inkassounternehmen, aber auch die Schufa geführt hat. Die Kanzlei vertritt Verbraucher wegen negativer Schufa-Einträge. Viele der Universum-Forderungen, die im November 2013 an die Schufa übermittelt wurden, seien mehr als drei Jahre alt. Offenbar handelt es sich um Forderungen der Firmen Karstadt und Quelle.  

Freilich, räumt Tintemann ein, haben viele seiner Mandanten tatsächlich Schulden gemacht. Allerdings müssten Forderungen richtig gemahnt werden, damit sie wirksam seien und später auch bei Auskunfteien eingetragen werden dürfen. Paragraf 28a des Bundesdatenschutzgesetzes regelt die Kriterien dafür genau. 

Verstoß gegen Schufa-Richtlinien oder nicht?

Zunächst einmal muss die Forderung berechtigt sein. Das heißt, es hat ein Rechtsgeschäft stattgefunden, bei dem der Schuldner Ware oder eine Diensthaltung erhalten und nicht bezahlt hat. Er wurde mindestens zweimal schriftlich gemahnt in einem Abstand von einem Monat – mit einem Warnhinweis, dass die Forderung sonst bei einer Auskunftei eingetragen wird. Reagiert der Schuldner nicht, braucht er sich über einen negativen Score nicht zu wundern. Ebenso darf eingetragen werden, wenn der Schuldner die Forderung sowieso anerkannt hat, es ein rechtskräftiges Urteil oder einen Schuldtitel für die Forderung  gibt.

Fraglich ist, ob ein Eintrag ohne Mitteilung an den Schuldner erfolgen darf. "Unserer Rechtsauffassung nach ist dies ein Verstoß gegen die Schufa-Grundsätze", sagt Anwalt Tintemann. Mehrere Jahre alte Forderungen dürften nicht einfach so an Auskunfteien weitergemeldet werden, ohne dass die Schuldner hierüber informiert werden. Dies habe die Schufa in ihren eigenen Eintragungsregeln so festgehalten. Entsprechende Berichte des Ombudsmannes über die Löschung von sogenannten Altfällen habe seine Kanzlei vorliegen, sagt Tintemann. Auch habe das Amtsgericht Magedburg in einem Urteil im Januar 2014 entschieden, dass titulierte Altforderungen gelöscht werden müssten, wenn seit der Titulierung mehr als vier Jahre nichts unternommen wurde. 

Zudem sei die Eintragung von sehr alten Forderungen, selbst wenn diese an und für sich berechtigt seien, aus mehreren Gründen problematisch. "Zum einen ist die Universum Inkasso oft gar nicht Forderungsinhaberin, weil der Titel noch auf die Ursprungsgläubigerin Karstadt oder Quelle lautet. Zum anderen können auch bestehende Ratenzahlungsvereinbarungen gegen einen Schufa-Eintrag sprechen. Dann ist eine Forderung nämlich nicht mehr fällig", sagt Tintemann.

Bei der Schufa sieht man die Eintragung von Altforderungen hingegen nicht als Verstoß gegen die eigenen Richtlinien an. "Das Bundesdatenschutzgesetz wurde im April 2010 novelliert. Damals wurden die Kriterien für negative Meldungen verschärft", sagt Pressesprecher Andreas Lehmann. Gebe es einen rechtskräftigen Titel, dann habe der Gläubiger 30 Jahre lang Zeit, die Forderung einzutreiben – und auch bei Auskunfteien eintragen zu lassen. Wann die Eintragung erfolge, darüber könne der Gläubiger frei entscheiden. Es ist durchaus denkbar, dass dies erst Jahre nach der Titulierung erfolgen könne. Der Schuldner müsste darüber nicht abermals informiert werden. Denn er werde mit der Zustellung des Titels durch das Gericht informiert. Wenn er diese widerspruchslos akzeptiert, brauche er sich später nicht über eine Meldung an die Schufa zu wundern. Ein Problem für Opfer von Identitätsdiebstahl: Weil in der Regel falsche Adressen genutzt werden, an denen die realen Personen natürlich nicht wohnen, bekommen sie die Vollstreckungstitel auch nie zugestellt und können entsprechend auch nicht widersprechen. Auch in meinem Fall war das so.

Fehler bei der Datenübermittlung von Inkassounternehmen an Auskunfteien

Problematisch wird der Umgang mit den Forderungen und Daten vor allem, wenn aus Unschuldigen auf einmal säumige Schuldner werden. Bei der Datenübermittlung von Inkassounternehmen an Auskunftei passierten häufig Fehler, sagt Anwalt Tintemann. "Da landen dann harte Negativ-Einträge bei Namensvettern, die gar nicht die echten Schuldner sind. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Verbraucherschutz sind rund 45 Prozent der Einträge bei der Schufa fehlerhaft oder falsch."

So wie in meinem Fall, in dem die Bonität abrupt auf einen geringen Wert sinkt. Vielen Verbrauchern fällt dies oft monate- oder jahrelang gar nicht auf. Denn wer seine Schufadaten nicht regelmäßig überprüft, wird erst merken, dass seine Bonität quasi nicht mehr vorhanden ist, wenn er für eine Wohnungssuche, einen Kredit- oder Mobilfunkvertrag eine Schufa-Auskunft benötigt. Schlimmer trifft es Selbstständige, Unternehmer und Arbeitgeber. Für sie kann ein negativer Eintrag schnell existenzgefährdend werden.

In meinem Fall zeigt ein Blick in die alten Akten zum Identitätsdiebstahl, dass schon im Januar 2010 die falschen Forderungen von Universum Inkasso in meinen Schufa-Daten auftauchten. Damals nahm ich sofort Kontakt zu dem Unternehmen auf und schrieb, dass ein Betrugsfall vorliegt. Meinem Brief lagen damals auch das Aktenzeichen der ermittelnden Polizeibehörden und ein Brief meines Anwalts bei.

Schufa vermerkt Fälle von Identitätsdiebstahl

Tatsächlich antwortete mir damals auch der Rechtsanwalt des Unternehmens: Man habe keine weiteren Daten zu meiner realen Person an die Schufa übermittelt. Die Schufa löschte die falsche Forderung wie diverse andere seinerzeit anstandslos aus meinen Daten. Auch nahm man einen Vermerk auf, dass ich Opfer von Identitätsdiebstahl geworden war. Der Vermerk machte sich auch später immer mal wieder bemerkbar: Bestellte ich Ware im Internet und prüfte ein Händler meine Bonität, bekam ich eine Nachricht von der Auskunftei mit der Anfrage, ob tatsächlich ich eine Bestellung vorgenommen habe. Opfern von Datenmissbrauch schafft diese Überwachung durchaus Vertrauen.

Wie konnten nun die falschen Daten von damals erneut in meine Schufa-Daten gelangen? Ich nehme Kontakt mit Universum Inkasso auf. Der Geschäftsführer reagiert umgehend und ist verlegen. Er habe das Unternehmen erst vor wenigen Monaten gekauft und könne zu Vorgängen aus der Vergangenheit nichts sagen. Aber der Datenschutzbeauftragte Thomas Stemmer kümmere sich darum. Dieser meldet sich tags drauf und gibt zu: Offenbar hat man die Forderung damals nicht gelöscht. Und offenbar habe es auch nie einen rechtswirksamen Titel gegeben, weil die Zustellungsversuche unter der falschen Adresse natürlich fehlschlugen. Dort gab es natürlich keine Tina Groll.

"Aufgrund der Aktenlage kommen wir zu der Annahme, dass die Sachbearbeitung entschieden hat, die Forderungsbeitreibung trotz Ihres Hinweises auf einen Betrugsvorfall fortzusetzen, um an den tatsächlichen Schuldner zu langen", heißt es vom Unternehmen. Man habe dann Monate später unter dem internen  Hinweis "Schuldner unbekannt" die Beitreibung ausgesetzt. Die Forderung erhielt den Vermerk "ruhend", nicht aber abgeschlossen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Gelöscht wurde sie also nie, es wurden nur meine realen Adressen nicht verwendet, die das Unternehmen durch Abfragen bei den Einwohnermeldeämtern in Erfahrung gebracht hatte. Und Ende 2012 habe es dann ein neues Inkassosystem gegeben, in das alle alten Forderungen übernommen wurden. Dabei könnte der interne Verweis verloren gegangen sein, dass die Forderung eben nicht auf Tina Groll läuft. Als Universum Inkasso im November 2013 bei der Schufa eine Bestandsaktualisierung durchführte, geriet die falsche Forderung von damals erneut in meinen ganz realen Datensatz. Falsche Adresse hin oder her.

"Wir übernehmen die Daten unserer Vertragspartner nur spiegelbildlich", heißt es auf Seiten der Schufa. Universum-Inkasso erklärt, es hätte eigentlich zu dieser Verwechslung nicht kommen dürfen, weil man ja nur die Forderung unter der falschen Adresse gemeldet hätte. Die Schufa habe falsche Adresse und reale Person nun erneut zusammengebracht. "Eine mögliche Zusammenführung Ihrer Person mit dieser Adresse bei Dritten liegt nicht in unserem Verantwortungsbereich",  schreibt mir der Datenschutzbeauftragte von Universum Inkasso.

Die Nachfrage bei der Schufa zeigt aber: Die falsche Adresse ist in meinem Datensatz gar nicht gespeichert, vielmehr läuft die Zusammenführung über Namen und Geburtsdatum – also den von dem Vertragspartner gemeldeten Daten.

Zugleich erfahre ich, dass Universum Inkasso bei der Wiederbelebung der alten Datensätze die falsche Forderung auch noch an eine andere Auskunftei weitergegeben hat. Immerhin: Nach einigem Hin und Her teilt mir das Inkassobüro mit, dass man eine Löschmitteilung an die Auskunfteien herausgegeben habe. Die Schufa ist unterdessen schon selbst tätig geworden. Vier Tage später ist mein Score wieder korrekt. Ich bin wieder solvent.

Verwechslungen bei gleichen Namen kommen offenbar häufiger vor

Aber warum habe ich nicht früher von dem negativen Eintrag erfahren? Ganz ausschließen kann ich nicht, dass ich eine Update-Nachricht einmal nicht überprüft hatte. Zuletzt hatte ich Ende 2013 meine Daten bei der Schufa kontrolliert. Damals war alles korrekt gewesen.

Einen Schutzmechanismus kann Deutschlands größte Auskunftei für Opfer von Datenmissbrauch nämlich einrichten: einen internen Vermerk, der über den Update-Service hinausgeht und der anspringt, sobald ein hartes negatives Merkmal bei einem sonst völlig solventen Opfer von Identitätsdiebstahl eingetragen wird. Pressesprecher Lehmann teilt mir mit, dass ein solcher Vermerk auch einige Jahre lang in meinen Daten hinterlegt war. Aber dann habe die Schufa diesen gelöscht, "weil ja alles ruhig geblieben war". Jetzt gebe es wieder diesen Vermerk. Und diesmal solle er nicht gelöscht werden.

Verwechslungen unter Namensvettern kämen bei Auskunfteien übrigens häufig vor, sagt mir Universum-Inkasso-Datenschützer Stemmer. Mehrmals im Monat würden sich Verbraucher bei dem Inkassounternehmen melden, in deren Schufa-Daten falsche Einträge zu finden seien. Er fände diesen Umgang mit Daten ärgerlich, sagt er. Aber man sei im Dialog darüber, wie man solche Fälle verhindern könne.

Selbstauskunft einholen

So ist auch die Auskunft auf Seiten der Schufa. Hier sieht man die Schuld aber vor allem bei den Vertragspartnern, die "in manchen Fällen nicht sorgfältig genug mit den Daten umgingen", so der Pressesprecher.

Was also tun? Eine umfassende Auskunft über gespeicherte Daten erhält man über die Seite selbstauskunft.net. Hier kann man eine Selbstauskunft, auf die man laut Bundesdatenschutzgesetz einmal im Jahr kostenlos einen Anspruch hat, bei allen datenverarbeitenden Unternehmen und Behörden einholen. Der Dienst übernimmt die Anfragen. Dieser Service kostet allerdings 9,90 Euro. Den Aufwand, falsche Daten löschen zu lassen, verhindert dies zwar nicht. Aber es ist immerhin eine Möglichkeit, umfassend Auskunft darüber zu bekommen, wer welche Daten über einen speichert oder damit handelt. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es eins ist, was im Bundesdatenschutzgesetz steht – und ein anderes, sein Recht auch wirklich zu bekommen.

Betroffene und Opfer von Identitätsdiebstahl und Datenmissbrauch finden Hilfe und Orientierung auf der Website von unserer Redakteurin betriebenen Site www.identitaetsdiebstahl.info.