Es ist die Art Enthüllung, die dringend nötig war, obwohl sie zunächst wenig überraschend klingt: Die NSA speichert auch die Kommunikation von vollständig Unbeteiligten, wenn diese als "Beifang" auf der Suche nach Verdächtigen anfallen. Das berichtet die Washington Post nach der Analyse von vielen Tausend Dokumenten aus dem Snowden-Archiv. 

Vier Monate lang hat die Washington Post rund 160.000 von der NSA abgefangene E-Mails und Chats ausgewertet sowie Dokumente aus 11.000 Onlinekonten von Internetnutzern. Demnach waren neun von zehn von der NSA erfassten Internetnutzer "nicht die erwünschten Überwachungsziele, aber in einem Netz gefangen, das für jemand anderen ausgeworfen wurde". Die Daten waren während der ersten Amtszeit von US-Präsident Barack Obama von dem Geheimdienst gesammelt worden.

Seit Beginn der Snowden-Enthüllungen heißt es immer wieder, der Geheimdienst überwache alles und jeden. Die Analyse der Washington Post liefert dafür die bisher konkretesten Belege. Sexbeichten, Fotos von Frauen, die in Unterwäsche posieren, ärztliche Unterlagen, Babyfotos – all das hat die NSA im Rahmen ihrer Überwachung von Kommunikationsinhalten nach Sektion 702 des Fisa-Ergänzungsgesetzes abgefangen und gespeichert. Das geschah selbst dann, wenn NSA-Analysten die Daten als "nutzlos" eingestuft hatten.

Eigentlich braucht die NSA einen Verdacht, um solche Daten zu sammeln. Zudem darf sie nach Sektion 702 des Foreign Intelligence Surveillance Act (Fisa) nur Ausländer überwachen, die sich nicht in den USA aufhalten. Daten von US-Bürgern müssen maskiert, also unkenntlich gemacht werden – falls sie unabsichtlich im "Schleppnetz" landen. Ein vom Kongress eingesetztes Datenschutz-Gremium hat die Überwachung auf Basis dieses Gesetzes, das auch die Grundlage für das NSA-Programm Prism bildet, gerade für legal erklärt.

Die Analyse der Zeitung aber zeigt, dass keiner der vorgesehenen Schutzmechanismen zuverlässig funktioniert. Die Versuche, US-Bürger unkenntlich zu machen, seien manchmal sogar absurd: Wenn in einem Dokument von "einem aktuellen US-Präsidenten" die Rede ist, hilft natürlich auch keine Schwärzung des Namens. Und NSA-Analysten betrachteten mitunter jeden, der nicht auf Englisch schreibt oder der eine IP-Adresse von außerhalb der USA nutzt, als einen Ausländer, der überwacht werden darf.

Auch sonst benutzen sie offenbar gröbere Raster, zum Beispiel in Chaträumen: Hat die NSA auch nur einen Menschen in einem Chat im Verdacht, sammelt sie die Kommunikation aller Chatteilnehmer und selbst Daten von Menschen, die nur mitlesen, aber nicht selbst schreiben. Damit wären zum Beispiel auch Journalisten betroffen, die in Chaträumen von radikalen Islamisten recherchieren.

Edward Snowden sagte der Washington Post: "Selbst wenn das initiale, unabsichtliche Abfangen von Babyfotos irgendwie zu rechtfertigen wäre, dann wäre deren dauerhafte Speicherung in den Datenbanken der US-Regierungen verstörend und gefährlich. Wer weiß, wofür solche Informationen später einmal verwendet werden?"

Allerdings gab es in dem Material laut Washington Post auch Dokumente, die aufschlussreiche geheimdienstliche Erkenntnisse bereithielten: Enthüllungen über ein geheimes Atomprojekt im Ausland etwa, Informationen über das doppelte Spiel eines vermeintlichen Verbündeten sowie zu den Identitäten von Kriminellen, die US-Netzwerke angriffen.