Im großen Ballsaal des Mandalay Bay Hotels in Las Vegas steht eine Koryphäe in Sachen Internetsicherheit und sagt den rund 4.000 anderen anwesenden Sicherheitsexperten, er persönlich könne sich gegen die zunehmenden Angriffe im Netz nur noch wehren, indem er es weniger nutze.

Es ist kein Abgesang, keine Grabrede, aber die Keynote von Dan Geer auf der Black-Hat-Konferenz fällt pessimistisch aus. Seine Vorschläge für Cybersecurity as Realpolitik – so hat er seine Rede betitelt – sind in großen Teilen nur die am wenigsten schlechten, sagt er.

Geer ist eine schillernde Figur in der Branche. Er gilt als hoch angesehener Vordenker, als Pionier des Risikomanagements. Er hat bedeutende Netzwerktechnologien mitentwickelt und sich im Jahr 2003 mit Microsoft angelegt. Er war Co-Autor einer Studie, die warnte, das Monopol von Microsoft Windows stelle eine Gefahr für die nationale Sicherheit dar. Sein damaliger Arbeitgeber, die von Geer selbst mitbegründete Beratungsfirma @stake, feuerte ihn noch an dem Tag, an dem die Studie veröffentlicht wurde. Zu den Kunden von @stake gehörte auch Microsoft.

Seit 2008 arbeitet er für In-Q-Tel. Der Fonds vergibt Risikokapital an IT-Unternehmen und bekommt das Geld dafür von der CIA und anderen US-Geheimdiensten, die technisch auf dem neuesten Stand sein wollen.

Geer geht davon aus, dass Angriffstechnik sich heute schneller entwickelt als Abwehrtechnik. Er macht in Las Vegas zehn Vorschläge, wie Politik und Wirtschaft darauf reagieren sollten. Keiner davon ist simpel, eindeutig und frei von Nebeneffekten oder Nachteilen. Und längst nicht alle fallen in die Kategorie "Realpolitik". "Für jedes komplexe Problem gibt es eine Antwort, die klar, einfach und falsch ist", zitiert er den Schriftsteller H. L. Mencken. Entsprechend uneindeutig und bisweilen unbequem fallen seine Ideen aus.

Die vielleicht radikalste: Geer fordert die US-Regierung auf, alle neu entdeckten und bisher nicht ausgenutzten Sicherheitslücken – sogenannte Zero-Days – aufzukaufen, für zehn Mal so viel Geld, wie alle anderen bieten würden. Anschließend sollten sie allesamt veröffentlicht werden, um dadurch das Arsenal für Angriffe durch andere deutlich zu verkleinern. Dabei gilt die US-Regierung schon heute als einer der besten Kunden von Unternehmen, die Zero-Days suchen und verkaufen. Geheimdienste wie die NSA nutzen solche Schwachstellen nämlich selbst für ihre Attacken auf fremde Computer. Was der Monopol-Kritiker Geer also fordert, ist ein Monopol für die USA, das sie dann nicht ausnutzt. Wenn jemand anderes als Geer so eine Idee äußern würde, dürfte er umgehend als weltfremder Fantast angesehen werden.

Code, der nicht mehr aktualisiert wird, soll offengelegt werden

Geer fordert zudem die Pflicht für Unternehmen, Zwischenfälle in Sachen Datensicherheit an die Regierung zu melden. Er vergleicht das mit der Meldepflicht von Beinahe-Unfällen im Flugverkehr oder bestimmten Krankheiten, die zur Folge haben, dass die Betroffenen ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Es gibt entsprechende Gesetzesinitiativen für solche Meldepflichten für Cyber-Angriffe in den USA, in Deutschland steht das Vorhaben im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Naturgemäß sind die Unternehmen wenig begeistert, müssen sie doch mit einem Imageverlust rechnen, wenn erfolgreiche Angriffe auf ihre Netzwerke und Daten öffentlich werden. Wo die Grenze zu ziehen ist zwischen meldepflichtigen Vorfällen und solchen, die der Öffentlichkeit verschwiegen werden dürfen, weiß aber auch Dan Geer nicht.

Für erheblichen Widerstand in der Software-Industrie dürfte Geers Vorschlag sorgen, dass Unternehmen den Quellcode jedes Programms offenlegen müssen, das sie nicht länger mit Sicherheitsupdates versorgen. Geer nennt Windows XP als Beispiel, wohl nicht zuletzt als Seitenhieb auf Microsoft. Dass solche Unternehmen das als Bedrohung ihres Geschäftsmodells ansehen könnten, ist Geer klar. Er sagt: "Mein Vorschlag wäre die denkbar schlechteste Lösung, mit Ausnahme von allen anderen."

Geer fordert das Recht auf Falschinformation

Geer redet auch über das "Recht auf Vergessenwerden", dass der Europäische Gerichtshof mit seinem Urteil zu Google-Links etabliert hat. Geer befürwortet es, und er denkt es weiter. "Privatsphäre", sagt er, "haben nur jene, die es schaffen, ständig falsche Informationen über sich selbst zu verbreiten." Angesichts der Informationen, die im Netz oder in Datenbanken über jeden Menschen vorliegen, werde es aber immer schwieriger, sich zu verstellen. Er wolle aber das Recht haben, genau das zu tun, er wolle sich selbst jederzeit neu erfinden können, so wie es Menschen in einem Zeugenschutzprogramm tun müssen.

Er selbst habe beschlossen, seine Abhängigkeit vom Netz und der Technik zu verringern. Auf die Frage von ZEIT ONLINE in der anschließenden Pressekonferenz, wie er das tue, nennt Geer eine Reihe von Beispielen.

So sei er dank seines Alters und seiner Position nicht mehr darauf angewiesen, ein Profil bei LinkedIn oder einem anderen Karrierenetzwerk anzulegen. Er habe seiner Bank geschrieben, dass er niemals Onlinebanking betreiben werde. Er nutze JavaScript in seinem Browser nur in Ausnahmefällen (was zur Folge hat, dass viele Websites nicht mehr richtig oder vollständig angezeigt werden) und er schreibe eigene Filter für sein E-Mail-Postfach, die zum Beispiel Anhänge fast immer blockieren. Man könne das als Verweigerungshaltung bezeichnen, räumt er ein. Aber "die Angriffsflächen wachsen schneller, als wir sie bewältigen können".