Eingang zur BND-Zentrale in Pullach © Reuters/Michael Dalder

Wie weit darf ein Geheimdienst gehen, wie groß darf seine Neugier sein? Der Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Thema zeigte am Donnerstag, dass die Neugier des Bundesnachrichtendienstes (BND) sehr groß ist – größer als die der alles ausspähenden National Security Agency (NSA). Denn der BND späht nicht nur die Freunde und Bekannten von Terrorverdächtigen aus, sondern auch deren Freunde und die Freunde der Freunde und die Freunde der Freunde der Freunde. Und damit Millionen Menschen.

Es ging im Ausschuss um die Frage, wie der BND die weltweit eingesammelten Kommunikationsdaten analysiert, die er in verschiedenen Datenbanken gesammelt hat. Mit solchen Metadaten lässt sich viel über Menschen erfahren, sie zeigen, wie sie mit wem kommunizieren, wie sie sich verhalten, ja sogar was sie denken und planen.

Der BND nutzt zur Analyse der Metadaten zwei Auswertungsprogramme namens VERAS und Mira4. Die untersuchen nicht nur, mit wem ein vielleicht Verdächtiger Kontakt hatte, sondern auch, mit wem die Kontaktpersonen des Verdächtigen Kontakt hatten und deren Kontaktpersonen und deren Kontaktpersonen. Die vom Ausschuss vorgeladene Zeugin "Dr. F.", die als Datenschutzbeauftragte beim BND arbeitet, sagte dem Protokoll von netzpolitik.org zufolge auf die Frage, wie weit die Analyse geht: "Das geht bis in die vierte und fünfte Ebene der Kontakte." 

Auf die Nachfrage des Abgeordneten Konstantin von Notz (Grüne), ob das bedeute, dass davon der "Bekannte eines Bekannten eines Bekannten eines Mandaten eines Rechtsanwalts erfasst wird", sagte die Zeugin: "Ja." Sie schränkte ein, dass das nicht immer möglich sei und dass es mit jeder Ebene schwieriger werde, die Verbindungen zu analysieren. Doch ist damit der Kreis derjenigen, für die sich der BND mitunter interessiert, riesig.

Ein Rechenbeispiel zur Verdeutlichung: Wenn ein Verdächtiger mit zwei anderen Leuten Kontakt hatte (zweite Ebene) und die wieder mit zwei anderen (dritte Ebene) und diese dann wieder mit zwei weiteren (vierte Ebene) und so weiter, dann ergibt sich ein Kreis von zwei hoch vier plus einem Verdächtigen. Das sind 17 Menschen, die vom BND überprüft würden. Hatte der ursprünglich Verdächtige mit fünf Menschen Kontakt und jeder davon wieder mit fünf, sind bereits 626 Menschen (fünf hoch vier plus eins) von der Überwachung betroffen.

Mit jeder Ebene der Kontakte, die analysiert wird, wächst die Zahl der beobachteten Menschen exponentiell. Der britische Guardian hat einmal mit einer Grafik gezeigt, was das angesichts der üblichen Zahl von Freunden bedeutet, die ein Facebook-Mitglied im Schnitt hat. Sie wächst so rasch, dass Konstantin von Notz im Ausschuss konsterniert fragte: "Wer kann dann bei einem Land mit 82 Millionen Einwohnern nicht erfasst sein?" 

"Dr. F." betonte zwar, der BND sei ein Auslandsgeheimdienst und sein Ziel nicht das Inland. Aber bei fünf Ebenen sind staatliche Grenzen schnell überwunden. Es gibt eine Theorie, nach der es nur sechs Kontaktebenen braucht, um jede Person auf der Welt zu erreichen. Dieses sogenannte Kleine-Welt-Phänomen beschreibt, wie eng vernetzt Menschen weltweit sind und wie kurz die Kette der nötigen Kontakte ist, um Unbekannte zu finden.