Jeder Fluggast wird gründlich durchsucht, bevor er an Bord eines Flugzeugs geht. Nicht nur seine Kleidung, auch seine Daten. Kaum ein Passagier ahnt, wie viel inzwischen über ihn erfasst, gespeichert und weitergegeben wird. Europa, die USA, Australien, Kanada – sie alle haben miteinander Verträge geschlossen, die regeln, dass die Behörden im Zielland schon alles über die Passagiere wissen, bevor sie überhaupt gestartet sind. Jeder Flug mit dem Ziel USA, aber auch jeder über das Gebiet der USA hinweg wird von ihnen durchleuchtet.

Und das sind nicht nur Name, Geburtsdatum, Wohnort, Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Für jeden Passagier wird ein sogenannter Fluggastdatensatz für jeden Flug zusammengestellt, Passenger Name Record (PNR) genannt. Das klingt harmlos, doch die Liste der Dinge, die dabei übermittelt werden, umfasst Dutzende Positionen: das Datum, an dem die PNR erstmals angelegt wurden, Flugnummer(n), Flugzeiten und -dauer, der benutzte Flugzeugtyp; Buchungsklasse (jedem Flugtarif ordnet die Fluglinie eine Bezeichnung zu, um später auch den richtigen Tarif berechnen zu können); Zahlungsart, zum Beispiel Kreditkartennummer und Ablaufdatum der Kreditkarte, die Rechnungsanschrift; Vielflieger-Status, Name der Buchungsagentur (Reisebüro, Ausgabestelle, Firmenbuchungsstelle) und Sachbearbeiter der Buchung.

Gespeichert wird auch der Reisestatus des Passagiers: welche Strecken er bereits abgeflogen ist und welche er noch vor sich hat; dazu die Sitzplatznummer, außerdem die Nummern der Gepäckanhänger (baggage tags). Übermittelt wird die Historie über nicht angetretene Flüge (no show), ob Fluggäste mit Flugschein, aber ohne eine Reservierung (go show) an Bord sind. Selbst spezielle Serviceanforderungen wollen die Behörden wissen, also beispielsweise welches Essen bestellt wurde (koscher, vegetarisch etc.).

Dazu kommen Information über den Auftraggeber (received from); alle Änderungen des PNR mit Datum, Uhrzeit und Aktion (PNR-History); die Zahl der Reisenden im PNR (es können mehrere Personen auf einem PNR gespeichert werden, sofern sie am selben Tag dieselbe Strecke fliegen). Bei Flügen in die USA werden zusätzlich die vollständige erste Zieladresse während des Aufenthaltes und die Mietwagenstation registriert, falls einer gebucht wurde. Jede Änderung der Buchung – ein anderer Sitzplatz, ein geänderter Essenswunsch – wird selbstverständlich sofort weitergereicht, um den aktuellen Status jedes Passagiers zu kennen.

Malte Spitz machte sich auf die Spur seiner Daten. Am 8. Oktober erscheint das Buch, in dem er zusammen mit Brigitte Biermann die Ergebnisse seiner Reise beschreibt. © Hoffmann und Campe

Auch Russland streckt die Hand aus nach der Vorab-Übermittlung ausführlicher Flugdaten. Bis jetzt bestehen die Russen auf einer Vorab-Information von API-Daten, das heißt, sie wollen Namen, Geburtsdatum, Nationalität, Passnummer, Geschlecht und eventuell biometrische Daten all derer wissen, die ein Flugzeug einer russischen Airline besteigen.

Und allen voran die Innenminister der Europäischen Union fordern, dass Fluggastdaten für alle Flüge in die EU und innerhalb der EU erhoben und untereinander getauscht werden sollen. Die Idee könnte sich auf die Daten von Passagieren ausweiten, die mit der Bahn, mit Bussen und Schiffen unterwegs sind.

Wie diese Datenberge im US-Heimatschutzministerium zusammengeführt werden und was damit geschieht, ist unbekannt. Die Europäische Kommission evaluiert dieses Prozedere und bringt etwas Licht in das Dunkel. 2012 haben die Fluggesellschaften im Rahmen des Abkommens 80 Millionen Datensätze an die US Behörden übermittelt, nur noch ein Bruchteil von 240.000 Fluggastdatensätzen werden direkt aus den Datenbanken der Fluglinien abgesaugt.

Gegen dieses ungebremste Sammeln gibt es seit Jahren Protest. So dokumentiert das deutschsprachige Blog www.nopnr.org den Widerstand, informiert über Aktionen und erfasst die Unterstützer. Einer, der das Blog mit aufgebaut hat, ist der Datenschutzaktivist Alexander Sander. Er erklärt mir die Bedeutung von Fluggastdaten: "Airlines sammeln diese Daten, um den Service zu garantieren. Es ist zwar sinnvoll zu vermerken, dass ich ein vegetarisches Essen bestellt habe, wann wohin mein Anschlussflug geht, welches Gepäck transportiert werden muss. Absolut keinen Sinn macht es aber, dass die Airline meine IP-Adresse speichert, mit der ich einen Flug gebucht habe. Warum sie das tut, das konnte mir bisher niemand schlüssig erklären. Wer diese Fluggastdaten auswertet, erhält ein genaues Bild des Reisenden: Welchen sozialen Status hat er, mit wem ist er geflogen, wer waren seine Sitznachbarn, lässt die Wahl seines Essens auf die Religion oder eine Krankheit schließen? Nimmt man noch die Hotelbuchungen und Mietauto-Bestellungen dazu, kann man ganz einfach herausfinden, wer mit wem schläft."

Es entsteht also ein vollständiges Reiseprofil. Und um diese Profile geht es, um Auffälligkeiten darin, um Ähnlichkeiten zu bekannten kriminellen Aktionen. Welches Reiseprofil ist verdächtig und welches unverdächtig? Wessen Profil sieht aus wie das eines Drogenschmugglers, wessen wirkt wie das eines Terroristen, wessen Datensatz ist harmlos und fällt daher durch das Suchraster? Was ist überhaupt ein normaler Reisender? Bin ich ein normaler Reisender? Das werde ich wohl nie erfahren.